Ein Keimprüfapparat für den Gönninger Samenhandel

  • Gönningen ist heute für die besondere Geschichte des Samenhandels bekannt. Als Händler und Hausierer verdienten Gönninger Männer und Frauen vor allem vom 18. bis Mitte des 20. Jahrhunderts ihren Lebensunterhalt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebte nahezu die ganze Dorfbevölkerung direkt oder indirekt vom Samenhandel. Damit stellt Gönningen ein seltenes Phänomen dörflichen Lebens in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte dar.
    Aufgrund der geografischen Lage Gönningens am Fuße der Alb und des Rossbergs fanden nicht alle Menschen ihr Auskommen in der Landwirtschaft. Auf der Suche nach einem Zuverdienst entwickelte sich zunächst ein bescheidener Hausierhandel mit Dörrobst, Honig und wenigen Samen und Saatknollen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich ein Handelsnetz der Gönninger entwickelt, das ganz Europa, Russland und Nordamerika umschloss.
    Da in Gönningen aus klimatischen und geologischen Gründen weder Blumen- noch Gemüsesamen oder Blumenzwiebeln in nennenswertem Umfang gezüchtet werden konnten, mussten sich die Gönninger im Laufe der Entwicklung des Samenhandels nach guten Bezugsquellen für Saatgut umsehen. Zulieferer kamen v.a. aus der Region um Erfurt, Quedlinburg und Aschersleben, aber auch aus Frankreich, Dänemark, Ungarn, Italien, Österreich und Holland. Nach Erhalt der Ware von den Zulieferern wurden Stichproben entnommen und das Saatgut auf Keimfähigkeit und Sortenreinheit geprüft. In Keimapparaten wie diesem wurde das Saatgut auf die angefeuchtete Gips-Fläche gegeben und mit dem Glassturz im Holzrahmen bedeckt. Aufgrund der Anzahl der austreibenden Keime in den verschiedenen Flächen des Keimapparats konnte genau gezählt werden, ob das eingekaufte Saatgut den Qualitätsanforderungen entsprach. Fiel die Prüfung positiv aus, wurde das Saatgut in der Packstube meist in den Wintermonaten in handelsübliche Portionen abgewogen und umgefüllt: Für Steckzwiebeln waren 250 g, 500 g und 1000 g üblich, für Bohnen und Erbsen normalerweise 100 g. Eingefüllt wurde das Saatgut zunächst in Stoffsäckchen, später dann in Papiertüten. Diese wurden anfangs einfach per Hand oder Stempel beschriftet. Bald waren farbige Abbildungen der Pflanzen, die aus dem Saatgut wuchsen, auf den Tütchen unverzichtbar. Die bestellten Samensorten und –mengen wurden zu Paketen zusammengestellt und seit Mitte des 19. Jahrhunderts meist nicht mehr direkt zum Kunden gebracht, sondern per Post, Bahn oder Direkttransport verschickt oder an Standquartiere oder Niederlassungen in Städten und Gemeinden versendet und von dort aus zu den Endkunden gebracht. Nur noch wenige Familien betrieben nach 1900 weiterhin Hausierhandel, die meisten hatten ganz auf den Versandhandel umgestellt.
    Als Mitte des 19. Jahrhunderts die Mengen der bestellten und ausgelieferten Waren immer größer wurden verließen immer mehr Samenhändler ihre Heimatgemeinde, um ihre Geschäfte in verkehrsgünstiger gelegenen Orte zu verlegen. Die Gemeinde verlangte deshalb eine eigene Poststation in Gönningen. Bis zu ihrer Errichtung 1858 kam ein Amtsbote lediglich dreimal die Woche aus Tübingen und besorgte die Post. Aber die Abwanderung der Samenhändler hielt an, da sich der fehlende Bahnanschluss als immer größerer Nachteil erwies. Nach einer Rekord-Bauzeit von nur 7 Monaten wurde 1902 endlich die eingleisige Strecke vom Hauptbahnhof Reutlingen über Betzingen, Ohmenhausen, Gomaringen und Bronnweiler nach Gönningen eingeweiht. Die wegen ihrer Signalglocke „Somaschell“ genannte Bahn beförderte Personen bis 1976 und Waren noch bis 1982 von und nach Gönningen.
    Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Gönningen noch rund 120 Samenhändler. Viele verloren nun ihre Hauptabsatzgebiete in den sowjetisch besetzten oder ganz von Deutschland abgetrennten Landesteilen. Auch die Handelsbeziehungen zu einigen traditionellen Samenlieferanten brachen ab. Schwierigkeiten bereitete auch die Tatsache, dass viele Menschen durch die zunehmende Mobilität Verkaufsstellen selbst erreichen konnten und beispielsweise lieber in Gartencentern einkauften als Saatgut zu bestellen. Heute gibt es mit Samen Fezer nur noch einen Samenhändler im Ort.
    In Gönningen erinnert heute noch einiges an die Samenhändler-Tradition des Ortes, wie beispielsweise der Tulpenplatz in der Ortsmitte mit dem Tulpenbrunnen von Eduard Raach-Döttinger und den Tulpensitzen, die Samenhändlerskulptur von Chu-Hwan Lim oder das Samenhandelsmuseum. Das Museum entstand aus der Sonderausstellung „Aus Gönningen in die Welt“, die anlässlich des 900-jährigen Ortsjubiläums 1992 erarbeitet wurde. 1994 wurde es in Räumen des Bezirksamts eröffnet. Das kleine aber feine Museum gibt einen Überblick über die besondere Wirtschaftsgeschichte Gönningens und lässt die Besucher*innen aufgrund der original eingerichteten Packstube in die Tätigkeit der Samenhändler eintauchen.
    Der Verein „Gönninger Tulpenblüte e.V.“ organisiert seit vielen Jahren die Gönninger Tulpenblüte mit den Tulpensonntagen im April. Gemeinsam pflanzen Verein und Bewohner*innen im Herbst über 50.000 Tulpenzwie-beln auf dem Friedhof, auf Freiflächen im Dorf und in privaten Gärten ein, die in der Zeit der Tulpensonntage das ganze Dorf in ein buntes Blumenmeer verwandeln.

    Ackermann, Paul u. Pahl, Christel (Hg.): Gönningen – 50 Jahre Reutlinger Stadtbezirk, Reutlingen 2021
    Heimatmuseum Reutlingen (Hg.): Das Samenhandelsmuseum Gönningen, Reutlingen 2002
    Schimpf, Hans: Gönningen – eine Überlebensgeschichte, Reutlingen 1988

    Keimprüfapparat HMR

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