Ein Ölgemälde von Friedrich von Payer (1847-1931)

  • Am 12. Juni 2022 jährt sich der Geburtstag Friedrich von Payers zum 175. Mal. Daher tritt diesen Monat ein Porträt in den Mittelpunkt, das ihn im Alter von 82 Jahren zeigt. Der liberale Politiker Payer, 1906 in den Adelsstand erhoben, erhielt am 9. Oktober 1912 das Ehrenbürgerrecht der Stadt Reutlingen für seine politischen Verdienste zugesprochen. Er war Abgeordneter im württembergischen Landtag sowie dem Reichstag und während des Ersten Weltkriegs Vizekanzler unter Georg von Hertling.
    Das hochrechteckige Ölgemälde zeigt Friedrich von Payer auf einem Stuhl sitzend nach rechts gewandt. Er ist im Halbprofil dargestellt, blickt mit ernster, strenger Miene aus dem Bildraum hinaus und trägt einen schwarzen Anzug, eine Weste sowie ein weißes Hemd. Sein linker Arm ist auf der Lehne des Stuhls aufgestützt, die Hand des rechten Armes ruht auf seinem rechten Bein. Der Hintergrund ist schlicht in einem dunk-len, verwaschenen Grünton gestaltet, ein Raum nur vage angedeutet.
    Dem Porträt sieht man sein Alter von mittlerweile 93 Jahren deutlich an den feinen Rissen der Malschicht an. Diese werden als Craquelé bezeichnet, was sich vom französischen Wort craqueler, etwas rissig machen, ableitet. Das Craquelé ist besonders deutlich entlang der Hinterkopf-Partie des Porträtierten zu erkennen.
    Rechts neben dem Kopf ist die Inschrift „FRIEDRICH v. PAYER | STVTTGART MDCCCCXXIX“ zu lesen und gibt damit Auskunft über die Entstehung des Porträts in Stuttgart im Jahr 1929. In der unteren rechten Bildecke versteckt sich die Signatur des nur wenig bekannten Künstlers „B. Strasser“.
    Die Leinwand wird von einem hölzernen, in goldenem Farbton gefassten Rahmen umgeben, in dessen Ecken sich Ornamente in Form von Akan-thusblättern und weiteres Blattwerk ausbilden.
    Das Gemälde fand seinen Weg 1979 in die Sammlung des Museums, ist allerdings nicht Teil der Dauerausstellung – hier ist ein anderes Gemälde Payers zu sehen – sondern ruht gut behütet im Depot, dem Lagerort aller derzeit nicht ausgestellten Objekte eines Museums.
    Payer wurde am 12. Juni 1847 in Tübingen geboren und interessierte sich schon früh für Politik. Nach seinem Jura-Studium in Tübingen zwi-schen 1865 und 1869 ließ er sich 1871 in Stuttgart als Rechtsanwalt nie-der. Sein politisches Interesse, die Demokratisierung der Verfassung voranzubringen sowie der gute Zuspruch seiner Bekannten brachten ihn zu dem Entschluss, sich bei den Reichstagswahlen 1874 im Wahlkreis „Reutlingen, Tübingen und Rottenburg“ als Kandidat für die linksliberale Volkspartei aufstellen zu lassen. Payer konnte sich allerdings erst bei den darauffolgenden Wahlen 1877 durchsetzen und als Abgeordneter in den Reichstag einziehen. Nach einer kurzen Unterbrechung 1878, bei der er die Wahl wieder verlor, behauptete sich Payer aber in den folgenden Jahren und war von 1880 mit kurzer Unterbrechung bis 1918 Abgeordneter. Daneben entschied er 1893 die Nachwahl zum württembergischen Landtag im Wahlkreis „Reutlingen“ für sich und hatte dieses Mandat bis 1912 inne.
    Payer half den Gönninger Samenhändlern dabei, einen Novellierungsantrag beim Reichstag zu stellen, um von den geplanten Änderungen der Hausierordnung (1828) sowie der Gewerbeordnung (1851) ausgenom-men zu werden. Die schließlich im Juni 1896 vorgenommene Anpassung der Gewerbeordnung ermöglichte die uneingeschränkte Fortsetzung des Samenhandels, dem rund 800 der damaligen 2200 Gönninger nachgingen und wurde später als Lex Gönningen bekannt.
    Ab dem 9. November 1917 bekleidete Payer das Amt des Vizekanzlers. Dass gerade er – ein Württemberger mit antipreußischer Vergangenheit und dem Versäumnis, keine Wehrpflicht geleistet zu haben – diese hohe politische Position übernehmen konnte, war ungewöhnlich. Aus diesen Gründen hielten die Konservativen auch nicht viel von seiner Meinung in politischen Belangen. Auf besonderes Ungemach innerhalb ihrer Reihen stieß beispielsweise seine Forderung in der ersten Reichstagsrede als Vizekanzler, endlich die in Aussicht gestellte Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts umzusetzen. Nichtsdestotrotz wurde Payers politisches Handeln von Vielen gelobt. Das Angebot, Reichskanzler zu werden, lehnte er am 1. Oktober 1918 ab und schlug Max von Baden vor, der das Amt daraufhin übernahm. Unter der neuen Regierung wandelte sich Deutschland schließlich zur Weimarer Republik.
    In der Weimarer Nationalversammlung leitete Payer als Fraktionsvorsit-zender die Deutsche Demokratische Partei (DDP). Als sich im Zuge der Verhandlungen über die Friedensbedingungen die DDP 1919 spaltete, gehörte Payer einer Minderheit an, die letztendlich in der Nationalver-sammlung ausdrücklich für die Unterzeichnung des Versailler Vertrages stimmte.
    1920 zog sich Payer aus der aktiven Politik zurück und engagiert sich auf dem Feld der Geschichtspolitik. Neben den jüngsten politischen Er-eignissen und Diskussionen über die Dolchstoßlegende beschäftigte er sich intensiv mit der Revolution von 1848. Nur zwei Jahre nach Entstehung des hier gezeigten Gemäldes starb Friedrich von Payer am 14. Juli 1931 mit 84 Jahren in Stuttgart.

    Literatur:
    Dowe, Christopher: „Unerwartet Vizekanzler in der Endphase des Ersten Weltkriegs. Der Reutlinger Ehrenbürger Friedrich von Payer (1847–1931)“, in: Reutlinger Geschichtsblätter, Neue Folge 57, 2018, S. 369–397.
    Bausinger, Ralph: „Eine Straße trägt seinen Namen“, in: Reutlinger Nachrichten, Nr. 272, 24.11.2006.

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