Das Mickey Mouse-Geschirr

  • Das Kindergeschirr stammt aus einem Reutlinger Haushalt. Die Dame, die das Geschirr dem Heimatmuseum vor einigen Jahren geschenkt hat, wurde 1935 geboren und erinnerte sich, dass das Geschirr schon vor dem 2. Weltkrieg in Besitz der Familie war.

    Für unseren heutigen Blick sehen die Mickey-Mouse-Figuren auf Tasse und Tellern ungewohnt aus. Das Gesicht „unserer“ Mickey Mouse ist deutlich runder und hat einen beigefarbenen Hautton bekommen, die Nase ist abgeflacht und Mickey hat menschliche Augen mit weißen Augäpfeln und schwarzen Pupillen. Außerdem trägt er heute gelbe Schuhe. Das Aussehen der Mickeys auf dem Kindergeschirr hilft uns bei der zeitlichen Einordnung.

    Der Film „Steamboat Willie“, welcher am 18. November 1928 in New York uraufgeführt wurde, machte Mickey weltberühmt. Walt Disney und sein Kollege Ubbe Ert Iwwerks („Ub Iwerks“) schufen einen Zeichentrickfilm mit Ton, der vor allem durch seine Musik, die überdrehte Geschichte und die vermenschlichten Tierfiguren auffiel und das Publikum begeisterte. In diesem Film trägt Mickey noch nicht die für ihn typischen weißen Handschuhe – diese wurden erst im Film „The Orphy House“ 1929 eingeführt, da seine schwarzen Hände in einem schwarz-weiß-Film zu wenig Kontrast hatten und schwer zu sehen waren. Die schwarzen Knopfaugen behielt Mickey bis 1937, erst dann bekam er menschliche Augen mit weißem Augenhintergrund und schwarzer Pupille. Unser Geschirr wurde also wohl zwischen 1929 und 1937 produziert.

    Im Januar 1930 passierte der erste Mickey-Film die deutsche Film-Prüfstelle und konnte damit in deutschen Kinos gezeigt werden. Schnell wurden die kurzen Mickey-Filme im Kino-Vorprogramm zu absoluten Publikumsrennern, so dass bereits im Mai 1930 im Berliner Kino „Marmorpalast“ mehrere Filme zusammen als Abendfüller unter dem Titel „Mickey das Tonfilmwunder“ gezeigt wurden. In den Reutlinger Kammerlichtspielen in der Katharinenstraße war Mickey ebenfalls zu sehen. Der Reutlinger Generalanzeiger schrieb am 7. Januar 1931: „Man muss den Kammerlichtspielen dankbar sein, dass sie uns diesen Film (Über den Dächern von Paris) nach Reutlingen gebracht haben, dankbar umso mehr, als im Vorprogramm einer der entzückendsten Mickey-Filme „Ein Sommernachtstraum“ gezeigt wird, und so im Ganzen ein Filmprogramm entsteht, wie es Reutlingen schon lange nicht mehr gesehen hat.“

    Parallel zum Erfolg der Filme begann auch die Vermarktung der Figur. Mickey wurde auf alles Mögliche gedruckt, um den Verkauf der Waren anzukurbeln: Kaffeepackungen, Nähnadeletuis, Strümpfe, Putzmittel, Feuerwerkskörper, Schokolade, Spielwaren, Schnapsflaschen und so weiter. Die Rosenthal-Porzellanmanufaktur in Selb (Bayern) stellte beispielweise Mickey- und Minnie-Porzellanfiguren sowie Kindergeschirr ab 1930 her. Zwar konnte Disney in den frühen 1930er-Jahren nach und nach weltweit Lizenzrechte für seine Figuren durchsetzen, aber die Abbildungen auf den Produkten sahen noch sehr unterschiedlich aus. Daran änderte auch die amerikanische Lizenzregelung von 1933 nichts, die festlegte, dass Mickey Mouse stets freundlich, hilfsbereit und höflich dargestellt werden musste. Es dauerte allerdings einige Zeit, bis Disney diese Vorgaben und seine Lizenzrechte auch durchsetzen konnte, so dass die Figuren noch lange in sehr unterschiedlicher Gestalt benutzt wurden. Eine genauere Datierung des Geschirrs über den Hersteller oder die Lizenzierung ist also nicht möglich.

    Der große Erfolg der Mickey- und anderer Disney-Filme in deutschen Kinos in den 1930er Jahren wurde weniger durch ideologische, als durch wirtschaftliche Gründe ausgebremst. 1933 konnte die Ufa-Filmverleih insgesamt 10 Kurzfilme von Disney kaufen. Die Bavaria Film AG schloss mit Disney 1934 einen Vertrag, der ihr die Aufführungsrechte für Disney-Filme als Vorfilme zu eigenen Produktionen gewährte, wofür Disney Umsatzprozente der Abendveranstaltungen bekam. Beide Verträge liefen 1937 aus. Danach wurden die Disney-Filme noch bis Januar 1941 in Kinos gezeigt, auch wenn dies gegenüber Disney illegal war. Neue Verträge konnten nicht geschlossen werden, da das NS-Regime zum einen die Einfuhrsteuer für ausländische Spielfilme enorm anhob und zum anderen die Devisen-Ausfuhr immer weiter beschränkte. Seit Anfang 1935 durfte ein deutscher Filmverleih auch nur noch so viel Meter Kurzfilm importieren, wie er deutschen Kurzfilm exportierte. Als am 24.12.1937 in Los Angeles die Premiere von „Snow White and the Seven Dwarfs“, dem ersten Trickfilm in Spielfilmlänge, zu sehen war, waren die Verhandlungen über eine deutsche Fassung des Films bereits gescheitert. Vor allem die Geldforderungen Disneys waren für die deutschen Filmverleih-Firmen zu hoch und wegen der Devisen-Ausfuhrsperre trotz kreativer Ideen (z.B. Lieferung von Maschinen in die USA anstatt von Geld) nicht zu realisieren. Im Januar 1939 wurden die Verhandlungen dann endgültig abgebrochen. Vor allem nach der Pogromnacht im November 1938 hatte sich die Stimmung in Amerika in Bezug auf Deutschland so sehr verschlechtert, dass Disney einen Export seines Kassenschlagers zu Hause nicht mehr rechtfertigen konnte.

    Aber trotz allem war Mickey Mouse nicht ganz aus dem Leben Deutschlands zu verdrängen – die vielen Produkte mit der beliebten Maus blieben in den Haushalten und Familien bestehen und wurden von vielen Kindern nach wie vor heiß geliebt.

    Literatur: Carsten Laqua: Wie Micky unter die Nazis fiel, Rowohlt Verlag, Reinbeck, 1992.

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