Ein Badeanzug der Firma Heinzelmann

  • Dieser Badeanzug wurde in den ausgehenden 1950er Jahren von der Reutlinger Firma Heinzelmann hergestellt.

    Mit den folkloristisch angehauchten Stickelementen in lila, gelb und Blautönen erinnert das Motiv schon an die beginnende Flower-Power Zeit. Das Vorderteil besteht aus zwei übereinander liegenden Lagen, wobei die obere Lage wie ein Röckchen über der anderen liegt. Das Rückenteil ist gerafft und hat einen elastischen Gummizug am oberen Rand und am Beinausschnitt. Die Träger sind mit einem Knopfloch und Knöpfen befestigt. Das Material ist vermutlich reine Baumwolle. Interessant ist die kleine Plakette, die am Badeanzug befestigt ist. Vorne ist das Symbol der Marke „Heinzelmann Orchidee“ zu sehen, eine Frau im Badeanzug, die auf einer Orchideenblüte sitzt. Es sieht aus, als ob sie gleich ins Wasser springen würde. Auf der Rückseite ist der Markenname „Heinzelmann Orchidee“ zu lesen. Da die Plakette noch am Badeanzug dran ist, ist zu vermuten, dass das Kleidungsstück nie getragen wurde.

    Im 19. Jahrhundert wurden in der Stadt circa 260 große und kleine Textilunternehmen gezählt. Zu diesen gehörte auch die Firma Heinzelmann. Sie existierte von 1886 bis 1990. 1886 übernahm Hermann Heinzelmann die Strickerei Wizenmann in Reutlingen und war bis in die 1920er Jahre bekannt durch die alleinige Herstellung von Baumwollbekleidung des Lebensreformers Dr. Lahmann. Nachdem Hermann Heinzelmann 1896 starb, führte Max Heinzelmann, der älteste Sohn, und später dessen Söhne Hans und Hermann die Firma.

    Die Idee, gestrickte Badebekleidung zu produzieren, brachte Hans Heinzelmann in den 1920er Jahren aus den USA mit. 1937 übernahm die Firma Heinzelmann ein englisches Patent für die Herstellung von modischen Badeanzügen, die durch Gummifäden gerüscht waren. Diese absolute Neuheit öffnete Heinzelmann den internationalen Modemarkt mit den Heinzelmann –Badeanzügen unter dem Markennamen „Orchidee“. Der Schriftzug „Heinzelmann Orchidee“ wurde 1939 beim Patentamt eingetragen und war somit weltweit geschützt. Der hier gezeigte Badeanzug stammt aus den 1950er Jahren. Damals hatten die Badeanzüge so wohlklingende Namen wie Riviera, Capri, Ostia, Elba, Ancona, Como, Sylt, Rio, Miami, Haiti, Amazonas. Passend zur Wirtschaftswunderzeit und der Sehnsucht der Deutschen nach Italien und der Ferne, und nach Urlaub und Unbeschwertheit.

    Für die Firma waren die 1950er gute Jahre. 1952 bekam Heinzelmann die Lizenz, Badeanzüge der amerikanischen Bekleidungsfirma „Catalina“ für den deutschen Markt herzustellen. 1954 wurde in Reutlingen ein Fabrikverkauf für Stoffreste und fehlerhafte Kleidung eröffnet.

    Ende der 1950er Jahre war man auf Monate hin ausgelastet und in Reutlingen wurde ein umfangreicher Neubau errichtet. Und auch in Fürstenfeldbruck entstand 1957/58 ein Fabrikneubau zur Herstellung von Badebekleidung.

    Anfang der 1960er Jahre arbeiteten 800 Beschäftigte bei dem Unternehmen, 70 % der hergestellten Produkte waren Bademoden.

    In den 1970er Jahren wurde im Industriegebiet ein neues Versandlager eingerichtet und weitere Filialbetriebe wurden eingerichtet. Neben den Standorten in Süddeutschland gab es auch Verkaufsbüros und Auslieferungslager in Berlin, Düsseldorf, Hamburg und München.

    1966 wurde die Produktion umgeschichtet, der Schwerpunkt lag nun auf der Herstellung von Freizeitkleidung und Damenoberbekleidung. In Rom, Paris und London holte man sich neue Inspirationen. In diesem

    Jahr gab es einen Lizenzvertrag mit Mary Quant, die als Erfinderin des Minirocks galt. Einige Jahre später hatte sich die Anzahl der Beschäftigten reduziert und auch das Bekleidungssegment änderte sich. 50% der Produktion waren Badeanzüge, die andere Hälfte Damenoberbekleidung.

    Seit den 1980er Jahren kam es infolge der schon lange währenden Textilkrise zu finanziellen Verlusten. Dies führte zur Schließung zahlreicher Filialen und zum Jahresende 1990 auch zur vollständigen Liquidation der Firma. Damit war die über 100-jährige Erfolgsgeschichte des Reutlinger Unternehmens beendet.

    Literatur: Das Heinzelmann-Lesebuch, erweiterte und ergänzte Auflage, Reutlingen 1978.

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