Vogelkot im Leinensäckle

  • Bei diesem schmutzigen Leinensack handelt es sich um einen Zufallsfund, der bei einer bauhistorischen Untersuchung im Jahr 2020 in Haus Nr. 32 in der historischen Häuserzeile Oberamteistraße gemacht wurde. Der gealterte Erhaltungszustand dieses Leinensacks schmälert seine Aussagekraft für wirtschaftsgeschichtliche Zusammenhänge des 19. und 20. Jahrhunderts in Reutlingen nicht.

    Als eine der ältesten zusammenhängenden Häuserzeilen Süddeutschlands sind die die Häuser in der Oberamteistraße Nr. 28-34 ein städtebaulicher Schatz, der in den kommenden Jahren saniert wird, um danach der Öffentlichkeit als Museum zur Verfügung zu stehen. Um den historischen Bestand für die spätere Nutzung statisch zu sanieren, waren und sind umfangreiche Untersuchungen durch Spezialisten unterschiedlichster Fachdisziplinen notwendig. Im Zuge der Untersuchung des Hauses Nr. 32 musste in einem früheren Abstellraum die Decke geöffnet werden. Ein Sammelsurium unterschiedlichster Gegenstände und Dinge kam zum Vorschein, welche bei einer Deckenerneuerung Anfang des 20. Jahrhunderts in einem Zwischenbereich von Decke und darüber liegendem Stockwerk entsorgt worden waren.

    Unter anderem konnte dieser verschrumpelte, dreckige Sack mit der Aufschrift „Guano Fabrik Rudolf Yelin Reutlingen“ geborgen werden. Bei Guano handelt es sich um Exkremente von Seevögeln wie Pinguinen und Kormoranen. Sie zersetzen sich an der Luft, unter Ausschluss von Regen, zu einer festen Masse, welche in der Landwirtschaft als Dünger genutzt werden kann. Dieses Wissen, über das bereits die Inka verfügten, brachte Alexander von Humboldt 1802 von seinen Reisen in Lateinamerika in Form von einigen Guano-Proben nach Europa mit. Mitte des 19. Jahrhunderts setzte ein regelrechter Guano-Boom von Übersee nach Europa ein, da sich große Guano-Vorkommen auf Inseln der Westküste Südamerikas befanden (Chincha-Inseln, Ballestas Inseln, Guañape Inseln und Macabi-Insel sind heute alle Peru zugehörig). Erst mit der großindustriellen Herstellung von Mineraldünger seit Anfang des 20. Jahrhunderts (Haber-Bosch-Verfahren) flaute das Geschäft mit Guano zunehmend ab.

    Der Unternehmer Rudolf Yelin gründete im 19. Jahrhundert die einzige uns heute bekannte Guano-Fabrik in Reutlingen in der Tübinger Straße 40 (heute Konrad-Adenauer-Str. 25). Dort wurde das Guano in Säcken aus Sackleinen abgefüllt und nachweislich an Endabnehmer mittels Bahn - die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Fabrik befand - verschickt. Ein historischer Frachtbrief aus dem Bestand des Heimatmuseums gibt darüber Auskunft, dass beispielsweise am 18. Oktober 1890 aus Reutlingen ganze 200 Kilo Guano an die Gemeindepflege Unterdigisheim (heute Stadtteil von Meßstetten) zur Station Balingen verschickt wurden.

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