Pittoresker Blick in die Vergangenheit eines Zukunftsprojekts
Das Aquarell im Hochformat von Hilde Franz liefert dem ortskundigen Betrachter einen seltsam vertrauten und gleichzeitig unbekannten Anblick. Der aus der Lederstraße in Richtung Wilhelmstraße gerichtete Blick der Künstlerin, dem Straßenverlauf der Oberamteistraße folgend, setzt ein bestimmtes Gebäude der Straße in den Fokus der Betrachtung: das Haus Oberamteistraße Nr. 32. Dieses ist Teil der historischen Häuserzeile Oberamteistraße 28-34, die als eine der ältesten zusammenhängenden Häuserzeilen Süddeutschlands seit Beginn des Jahres saniert wird, um später der Öffentlichkeit als Ausstellungs- und Veranstaltungshaus zur Verfügung zu stehen.
Beim Vergleich des Aquarells mit zeitgenössischen Fotografien wird die Detailtreue der malerischen Darstellung deutlich. Im Mittelpunkt der menschenleeren Straßenansicht liegt der Fokus deutlich auf der Darstellung der südwestlichen Fachwerkfassade des Hauses Nr. 32. Die Künstlerin Hilde Franz hat den Hauseindruck sorgfältig im Bild festgehalten, indem sie nicht nur die Struktur der Erdgeschosswand aus Naturstein abbildete, sondern einzelne Balken der sichtbaren Fachwerkwand der oberen Geschosse sichtbar macht, die sich in der Fotografie zweifelsfrei erkennen lassen. Selbst der Kamin im Dachgeschoss neben den zwei Gaubenfenstern, sowie die eigentümlich in den Straßenraum hinausragende Regen-rinne - am hinteren Ende der straßenseitigen Sichtfassade - wurden von Hilde Franz berücksichtigt.
Das Aquarell trägt in der linken unteren Ecke folgende Signatur: „Hilde Franz 81“. Dadurch lässt sich das Werk nicht nur zeitlich auf das Jahr 1981 datieren, sondern kann zudem dem umfangreichen Werk der Reutlinger Künstlerin Hilde Franz (1939-2021) aus dem Reutlinger Stadtteil Sondelfingen zugeordnet werden. Der Geburtsort von Hilde Franz war Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens. Dort befand sich seit 1979 ihr Atelier und dort engagierte sie sich jahrzehntelang ehrenamtlich auf unterschiedlichste Art und Weise. Als Bezirksgemeinderätin und von 2004 bis 2009 als stellvertretende Bezirksbürgermeisterin Sondelfingens prägte sie durch ihr politisches Engagement die Gesellschaft. Zudem war sich ehrenamtlich im Verband Bildender Künstler Württembergs aktiv. Ihre künstlerische Ausbildung erhielt Hilde Franz an der VHS Reutlingen - bei Normann Bögle, Georg Böhler und Kurt Klotz - an der sie Jahre später selbst lehren sollte. Bekannt wurde sie durch zahlreiche Einzelausstellungen in Reutlingen sowie weitere Ausstellungen im In- und Ausland. Landschaftsbilder und Blumen bildeten den Kern ihrer künstlerischen Arbeit. In ihrer Aquarellmalerei nahm sie insbesondere ihre Heimat Sondelfingen und Reutlingen immer wieder in den Blick.
Vergleicht man die malerische Darstellung Franz´s mit aktuellen Fotos aus der Oberamteistraße, fällt zunächst die in hellem Ocker verputzte Fassade ins Auge, hinter der sich das von Hilde Franz gezeigte Fachwerk seit Jahrzehnten verbirgt. Erst der Abriss des markanten steinernen Hauses an der Ecke Spendhausstraße/Oberamteistraße im Jahr 1972 machte den Blick auf diese Seitenwand des Gebäudes Nr. 32 überhaupt möglich.
Fast auf den Tag genau, seit nunmehr 51 Jahren, gähnt eine Lücke im Häuserensemble der Oberamteistraße, das zuvor 700 Jahre lang allen historischen Widrigkeiten erfolgreich trotzen konnte. Die außerordentlich schlechte Bausubstanz des Gebäudes Nr. 34 war 1972 maßgeblich dafür, dass seitens der Stadtverwaltung der Beschluss zum Abriss des steinernen Hauses getroffen wurde. Nach dem Beschluss ging die Durchführung sehr schnell vonstatten. Historische Aufnahmen belegen, dass Ende April mit dem Abbruch des Dachstuhls begonnen wurde. Bereits zwei Wochen später am 10. Mai wurde der Abbruch des Hauses als abgeschlossen dokumentiert. Nach jahrzehntelangen Überlegungen und Diskussionen über den späteren Nutzen der historischen Häuserzeile für die Stadtgesellschaft ist Reutlingen gegenwärtig auf dem Weg, diese städtebauliche Lücke zu schließen.
Hilde Franz hielt durch ihr Aquarell nicht nur einen malerischen Blick in die 1980er Jahre der Stadt Reutlingens fest, in ihrem Werk wird die über 50 Jahre bestehende Lücke auch nach dem finalen Schließen im Gedächtnis der Stadt präsent bleiben.
Literatur:
Heck, Thomas Leon/Liebchen, Joachim: Reutlinger Künstler-Lexikon, Reutlingen/Tübingen 1999, S. 72.