Auf Bier folgt Bad

Die Brauerei Siber&Speiser und das Lindachbad

Bierkrug

Anlässlich unserer aktuellen Ausstellung „Eintauchen! Auftauchen! Bäder und Baden in Reutlingen“, die bis zum 1. April 2024 läuft, tritt diesen Monat ein Bierkrug der Vereinigten Bierbrauereien Siber&Speiser in den Vordergrund. Doch was hat dieser mit dem Thema Baden zu tun? Welche Rolle spielte das ehemalige Brauereigelände in der Bädergeschichte Reutlingens?

Eine ausgeprägte Bierbrau-Tradition konnte Reutlingen nie wirklich aufweisen. Zur Reichsstadtzeit lag das an dem starken Einfluss der Weingärtnerzunft, denn zum Schutz des Weinbaus wurden oftmals Brauereiberechtigungen aufgehoben. Dennoch gab es auch in der Achalmstadt einige wenige Brauereien, die eigenes Bier herstellten. Eine davon war die Brauerei Siber&Speiser. Ihre Ursprünge lagen „beym Kührain“, wie das Lindach-Areal früher bezeichnet wurde. Anfang des 19. Jahrhunderts ließ sich der Seifensieder Daniel Hummel dort nieder und baute ein Haus mit Stall und Scheune. 1846 legte die Übergabe des Betriebs an seinen Sohn Johann Georg Hummel den Grundstein für die nachfolgenden Brauereitätigkeiten im Lindach-Areal. Der Bierbrauer Hummel eröffnete eine Brauerei und verband diese mit dem Ausschank von Bier und Branntwein. Da die Geschäfte gut liefen, folgte 1850 die Konzession für eine Speisewirtschaft. In den 1860er Jahren wurde die Brauerei aufgrund der positiven wirtschaftlichen Entwicklung weiter ausgebaut. Die baulichen Neuerungen waren auch nötig, denn Hummel wollte mit den württembergischen Brauereien mithalten. Hinter dem eigentlichen Gebäude fügte er daher einen zweistöckigen Anbau mit Gewölbekeller und Fruchtböden zur Lagerung sowie einen einstöckigen Anbau mit Eiskeller an.

Nach regem Pächterwechsel – der mal mehr, mal weniger gute wirtschaftliche Verhältnisse für die Brauerei bedeutete – kaufte Viktor Siber das Areal im Frühjahr 1886 auf. Schnell erkannte er, dass die Brauerei zu veraltet war und setzte sich für die Modernisierung der Anlage ein. Seine Verdienste waren die Einmauerung einer größeren Braupfanne mit 1800 Litern Fassungsvermögen, einer Maischbütte aus Eichenholz mit 2700 Litern Volumen und einem mechanischen Rühr- und Triebwek sowie die Einbringung einer Dörre zum Trocknen von Malz. Bereits Ende August 1886 eröffnete Siber die neu ausgestattete Brauerei und die Gaststätte.

1900 schlossen sich die Brauereien von Viktor Siber und Karl Speiser zusammen und firmierten unter der Bezeichnung „Vereinigte Bierbrauereien Siber und Speiser A. G.“. Wie Siber hatte auch Speiser Erfahrung in Sachen Bierbrauen: Er führte seit 1881 den ehemals als „Räubernest“ bekannten und seit etwa 1842 als „Paradies“ bezeichneten Gasthof mit Brauerei am Albtorplatz.

Die Geschäfte mit dem „Reutlinger Bürgerbräu“ liefen zunächst gut, doch Anfang Dezember 1910 sah sich die Aktiengesellschaft mit einem großen Problem konfrontiert: dem erheblichen und andauernden Rückgang des Betriebs. Anscheinend litten die Geschäfte unter der starken Verunreinigung der Echaz, aus der die Brauerei das Wasser bezog. Kurz zuvor gab es in den Jahren 1908 und 1909 eine Typhus-Epidemie, die wohl auch ihren Teil zu den wirtschaftlichen Problemen beisteuerte.

Diese Umstände setzten die Firma so sehr unter Druck, dass 1920 die Einstellung der Bierbrauerei sowie zeitgleich die Auflösung der Aktiengesellschaft erfolgte. Das Gelände übernahm zunächst die Klosterbrauerei Pfullingen-Reutlingen, die an der Aktiengesellschaft beteiligt gewesen war, bevor das gesamte Areal schließlich an die Stadt Reutlingen verkauft wurde.

Verbunden mit der städtischen Übernahme war die Umnutzung des Areals. In jener Zeit war das Bedürfnis nach einem größeren Veranstaltungssaal groß. Im früheren Gartensaal der Brauerei sah man Potenzial, einen solchen einzurichten. Pläne für einen neuen „Lindachsaal“ fertigte der Stadtbaumeister Adolf Kober an. Außerdem sollte in die Gebäude auch ein neuer Polizeistandort einziehen. Während der Planungsarbeiten kamen noch Wannen- und Duschbäder hinzu. 1925 eröffnete damit das Lindachbad in den ehemaligen Gebäuden der Bierbrauerei Siber&Speiser. Wo damals Hopfensaft gebraut wurde, hatte die Reutlinger Bevölkerung nun die Möglichkeit, sich im Wannen- und Brausebad zu laben. Allerdings währte die Badefreude nur kurz, denn mit Einweihung des neuen Hallenbads in der Albstraße war das Lindachbad 1929 überflüssig und wurde geschlossen. Die letzten Gebäudeteile des Areals wurden schließlich in den 2000er Jahren abgerissen.

Heute befindet sich auf dem Gelände das Mehrgenerationenhaus „Haus Lindach“, in dem ein Altenheim und eine Kindertagesstätte eingerichtet sind.

 

Literatur:

Kungl, Hans: Geschichte der Gaststätten in Reutlingen, in: Reutlinger Geschichtsblätter, NF 16, 1978, S. 20-23 und S. 218-221.

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