Der Schillerkragen war das Markenzeichen von Hans Grischkat. Der 1903 geborene Musikpädagoge, Chor- und Orchesterleiter, Hochschulprofessor, Kirchenmusiker sowie Bach- und Schütz-Experte zeigte so seine musikalische Prägung durch die Jugendmusikbewegung der Weimarer Republik. Deren Protagonisten forderten eine Auseinandersetzung mit Melodie und Texten sowie das ernsthafte Bemühen um Qualität – und nicht nur reines „Trällern“. Sie lehnten den bürgerlichen Konzertbetrieb, rein technisches Virtuosentum und die romantischen Interpretationen des 19. Jahrhunderts ab. Musik bzw. Musizieren sollte der Entwicklung des ganzheitlichen Menschen und der Gemeinschaftsbildung dienen, Allen offenstehen, und sich vor allem unter der Anleitung kundiger Chor- und Orchesterleiter auf die Praxis konzentrieren. Hans Grischkat schloss sich 1920 dem dieser Bewegung verbundenen, neugegründeten „Bund der Köngener“ an.
Ab 1921 studierte er zunächst Natur-, dann Musikwissenschaft in Tübingen. Im Reutlinger Jugendring waren zu diesem Zeitpunkt „Köngener“ und andere Gruppen zusammengeschlossen, die sich regelmäßig zum Singen trafen. So konnte er bereits bei der Gründung seines „Chors des Reutlinger Jugendrings“ am 6.2.1924 – später umbenannt in „Reutlinger Singkreis“ – viele Mitglieder gewinnen. Ganz im Sinne der Jugendmusikbewegung legte Grischkat den Schwerpunkt des Repertoires von Anfang an auf anspruchsvolle, klassische Chorwerke. Schon der erste Auftritt am 14.9.1924 mit zwei Bach-Kantaten wurde ein großer Erfolg. Der GEA schrieb nach einem Kammermusik-Abend in der bis auf den letzten Platz gefüllten Bundeshalle im April 1925: „Zum Schluss brechen die Zuhörer trotz des Verbots in laute und herzliche Beifallsbekundungen aus.“ Die Aufführung der Bach’schen Matthäus-Passion am Karfreitag 1929 in der Marienkirche bildete einen der Höhepunkte in den ersten Jahren des Singkreises.
Der Chor fand seine Heimat in der Kapelle im Garten des Heimatmuseums, die er entrümpelte, ausmalte und neu einrichtete. Er wuchs so schnell, dass Grischkat ab September 1926 neue Sängerinnen und Sänger zunächst im sogenannten „Schulungschor“ singen ließ. Erst nach neun Monaten konnten sie bei Eignung in den Singkreis übertreten. Im Sommer 1930 unternahm Grischkat mit ausgewählten Mitgliedern des Singkreises eine Singfahrt ins Banat und nach Siebenbürgen. Aus diesem „Banat-Chor“ entstand 1931 der „Schwäbische Singkreis“, dessen Ziel es war, die besten Sängerinnen und Sänger des schwäbischen Raumes zusammenzuführen. Hans Grischkat betreute in Reutlingen noch andere Chöre (u.a. Concordia Reutlingen und Eintracht Pfullingen), die er immer wieder mit seinen Singkreisen gemeinsam auftreten ließ.
Als seine Bewerbung um die Stelle des Musikdirektors 1936 von der Stadtverwaltung Reutlingen zugunsten eines „linientreueren“ Mannes abgelehnt wurde, nahm er zum 1.4.1937 die Stelle als Organist und Chorleiter der Erlöserkirche Stuttgart an. Ab September 1938 wurde er auch Werksmusikleiter der Firma Bosch. Zwischen 1941 und 1945 war er bei der Wehrmacht, wo er als „Singleiter“ bei Lehrgängen fungierte. Seine Frau Gertrud, die aus Betzingen stammte, zog mit den vier Kindern nach der Zerstörung des Stuttgarter Hauses beim Bombenangriff am 26.7.1944 wieder in die alte Heimat.
Als Hans Grischkat im Juni 1945 aus dem Krieg zurückkehrte, nahm er Kontakt zum neuen Oberbürgermeister Oskar Kalbfell auf, der ihn am 30.7.1945 zum neuen Musikdirektor der Stadt ernannte. Grischkat nahm die regelmäßigen Proben mit dem Reutlinger Singkreis wieder auf, widmete sich aber hauptsächlich dem von ihm neu gegründeten Orchester, aus dem die heutige „Württembergische Philharmonie Reutlingen“ entstanden ist. Gemeinsam führten Singkreis und Orchester am 15. und 16.12.1945 in der Christuskirche das Weihnachts-Oratorium von Bach auf. Wie wichtig der Singkreis gerade in der Nachkriegszeit war, wird am Tagebucheintrag einer Sängerin deutlich: „23.9.1945: Sonntag. Singkreis. Aufführung in der Christuskirche mit 3 Chorälen v. Hasler, 3 Motetten von Johann Bach, Schütz u. Joh. Seb. Bach. Wir haben mit Begeisterung gesungen. Es war ein herrlicher Sonntag u. ich bin glücklich das zu haben. Meine Dankbarkeit ist groß!“.
Auch nach seiner Berufung als Professor an die Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart und dem erneuten Umzug 1950 blieb Grischkat dem Reutlinger Singkreis eng verbunden. Er verstand es meisterlich, seine Chöre miteinander zu verbinden und für jeden Chor passende und anspruchsvolle Programme zu finden. Wie sehr ihm sein Singkreis in Reutlingen am Herzen lag, zeigt die Tatsache, dass er bis zu seinem Tod jährlich mindestens ein Konzert mit dem Chor gab – insgesamt 301 Mal. Zur Feier des 50-jährigen Jubiläums 1974 konzertierte der Singkreis mit vier Uraufführungen von Cesar Bresgen, Johann Nepomuk David, Karl Michael Komma und Karl Marx, der Orff‘schen „Carmina Burana“ sowie der Monteverdi‘schen „Marienvesper“.
Sein letztes öffentliches Konzert gab er am 5.12.1976 in der Reutlinger Christuskirche. Nach einem Schlaganfall konnte er die geplanten Aufführungen des Weihnachts-Oratoriums nicht mehr durchführen. Er starb am 10.1.1977. Nach seinem Tod ging der Reutlinger Singkreis in anderen Chören auf. Der Schwäbische Singkreis existiert unter dem Namen „Rondo Vocale“ bis heute.
Für seine Verdienste wurde Hans Grischkat unter anderem 1963 mit der Reutlinger Bürgermedaille und 1970 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.
Literatur:
Leitner, Klaus-Peter: Hans Grischkat (1903-1977). Sein musikalisches Wirken (…), in: Reutlinger Geschichtsblätter, NF 30, 1991, S. 9-114.
Stadtarchiv Reutlingen / Burkhardt, Otto Paul: Hans Grischkat und das Musikleben der Stadt Reutlingen, Reutlingen 2003.