Die Dachziegel der historischen Gebäude Oberamteistraße als Zeugnisse ihrer Zeit
In den Häusern Oberamteistraße 28-34 kommen Dachziegeln künftig eine einzigartige Bedeutung zu. Bieberschwanzziegel aus klarem Kalknatronglas einer französischen Manufaktur werden als Abdeckmaterial die Fassade des Neubaus Nr. 34 decken. Damit schließt ein einzigartiges architektonisches Bauwerk von transluzider Materialität die historische Baulücke im Stadtbild, die 1972 durch den Abriss des Steinernen Hauses entstanden ist.
Was ist eigentlich ein Ziegel?
Im süddeutschen Raum versteht man unter dem Begriff „Ziegel“ einen Dachziegel. Im norddeutschen Raum werden unter Ziegeln künstliche Steine aus Lehm verstanden, die als Mauerziegel, Dachziegel oder Bodenplatten Verwendung fanden. Datierbare Dachziegel gibt es im schwäbischen Raum frühestens im 15. Jahrhundert. Bis ins späte Mittelaltern waren viele Bürgerhäuser in Städten noch mit Stroh oder Schindeln gedeckt. Insbesondere die hohe Feuergefahr, die von diesen Materialien ausging und einige große Stadtbrände begünstigte, führte zur Umstellung auf tönerne Dachziegel. Als historische Dachziegelformen, die regional zahlreiche Varianten aufweisen konnten, waren die Mönch-Nonne-Ziegel (siehe Ziegelfragment), die sogenannte Hohlpfanne und der Bieberschwanzziegel (siehe Ziegel) verbreitet. Die Herstellung von Ziegeln war Jahrhundertelang reine Handarbeit und wurde erst im 19. Jahrhundert durch eine maschinelle Produktion abgelöst. Insbesondere die völlig neue Dachziegelart der Falzziegel, die 1841 im Elsass entwickelt wurde, leitete die Industrialisierung des Herstellungsprozesses von Ziegeln ein.
Woher stammen die Ziegel, die hier gezeigt werden?
Während der aktuellen Sanierungsarbeiten in den historischen Häusern in der Oberamteistraße sind viele Ziegelreste als Füllmaterial in Wänden und Böden ans Tageslicht gekommen. Zudem wurden verschiedene historische Dachziegel von den Dächern abgenommen. Bei einigen konnte der Herstellungsort oder die Herstellerfirma nicht identifiziert werden, da ein Nachweis in Form einer Prägung auf den Ziegeln fehlt. Bei Ziegeln mit erhaltenen Ziegelbeschriftungen zeigt sich neben dem Herstellungsort Reutlingen eine gewisse Entfernung verschiedener Ziegelhersteller zu Reutlingen. Neben dem Ziegelwerk in Schorndorf sind die Orte Waiblingen und Stuttgart zweifelsfrei durch eine vorhandene Herstellerprägung zu identifizieren.
Wo befand sich die Ziegelei in Reutlingen?
Tatsächlich gab es in Reutlingen nicht nur „eine“ Ziegelei. Zu unterschiedlichen Zeiten existierten verschiedene Tonwarenhersteller. Der historische Stadtplan von 1820 nennt den Bereich nordwestlich der Kernstadt außerhalb der Stadtmauer „untere Ziegelgaerten“. In den 1860er Jahren gab es einen Kalkofen und Trockenschuppen der Ziegelei Gänßlen in der Lederstraße 8a, heute im Bereich des Commerzbankgebäudes Unter den Linden 1. Etwas später ist die als „Ziegelei Reutlingen“ bezeichnete Anlage der Gebrüder Gminder in der Tübinger Straße fassbar, die sich gegenüber dem heute noch sichtbaren „Türmlesbau“ aus Ziegelsteinen auf dem heutigen Boschgelände befand (siehe Herzfalzziegel). Die „Untere Ziegelei“ der Firma Emil Adolff befand sich in der Nähe in der früheren Degerschlachtstraße 27. Diese Adresse existiert heute nicht mehr, da dort nicht nur die Straßennamen, sondern auch der Straßenverlauf geändert wurde. Heute läuft dort die B28 (Verkehrsknotenpunkt am E-Center Emil-Adolff-Str/Bantlin, Heppstraße, Schieferstraße). Die frühere „Obere Ziegelei“ der Firma Burkhardt & Weber befand sich auf der anderen Seite der Stadt, auf dem heutigen Vorplatz der Agentur für Arbeit in der Albstraße.
Warum eine Fassade aus Glasziegeln?
Die Verwendung von Glasziegel an sich ist keine neue Erfindung, im Gegenteil. Wie vielerorts können in den Häusern der Oberamteistraße eine Reihe von historischen gläsernen Dachziegeln nachgewiesen werden. Diese wurden beispielsweise an bestimmten Stellen eines Dachs eingesetzt, um über darunterliegende Lichtschächte natürliches Licht in eng stehende Häuser in der Stadt zu bringen, bevor die Elektrifizierung mit Strom dunkle Zimmer erhellte. Die zukünftige Verwendung durchsichtiger Glasziegel als Fassadendeckung geht auf den Siegerentwurf des Stuttgarter Architekturbüros Wulf aus dem Jahr 2017 zurück. Um den historischen Altbestand der Häuser Nr. 32-28 statisch zu stützen, entwickelte das Architekturbüro ein spezielles hölzernes Tragwerk. Gleichzeitig wird die Stützkonstruktion überbaut durch eine transparente Gebäudehülle aus Glasbieberschwänzen (siehe Beispielexemplar), welche die historische Fachwerkhäuserzeile einerseits in der Kubatur des Vorgängerbaus logisch ergänzt, sowie andererseits das 1972 abgerissene sogenannte „steinerne Haus“ durch seine unscharfen Umrisse zeitgemäß und modern interpretiert.