Mit Draht verwoben

175 Jahre Metalltuchfabrik Hermann Wangner

Gemälde Hermann Wangner

Das Gemälde zeigt den Reutlinger Fabrikanten Hermann Wangner um 1850. Hermann Wangner wurde mit einem schwarzen Jackett, weißem Hemd und schwarzer Fliege porträtiert. Er trägt einen Bart und sieht sehr jugendlich aus. Sein Blick ist ernst und es sieht aus, als ob er ins Leere schaut.

Hermann Wangner wurde 1824 in Tübingen geboren und wuchs bei seinem Onkel auf. Dort kam er mit den Anfängen der Industrialisierung in Kontakt und stellte 1849 in Reutlingen in einem Gebäude von Peter Lachenmann hölzerne Webstühle für die Drahtweberei auf. Mit diesen Metalltüchern bzw. -sieben, die darauf hergestellt wurden, wurde Papier produziert. Das Sieb bestand zunächst aus einem Draht-Leinen-Gewebe, später aus reinem Metallgewebe, vor allem aus Kupfer oder Messing. Schon früh wurde Draht bei der Firma Wangner in einer eigenen Zieherei und Glüherei selbst hergestellt. Das Rohmaterial wurde in elektrischen Schmelzöfen geschmolzen und in Gießmaschinen vergossen. Zunächst wurde Messing, später Bronze und ab etwa 1890 Phosphorbronze, eine Legierung aus Kupfer, Zinn und Phosphor verwendet. Die so hergestellten Platten wurden kalt gewalzt und zu Draht geschnitten und gezogen. Der vorbereitete Draht wurde mittels durchbohrten Diamanten auf verschiedene Drahtstärken gezogen. Nur Diamanten sind hart und widerstandsfähig genug, den Draht in seine runde Form und den genauen Durchmesser zu bringen. Danach wurden die Drähte zu meterbreiten Sieben oder Metalltüchern verwoben, die bei der Papier- und Zellstofffabrikation zur Entwässerung des Stoffbreis benötigt wurden. Kett- und Schussdrähte bilden das Sieb. Die Kettdrähte sind die Längsdrähte, die beim Verweben auf- und abgebogen werden. Die Schussdrähte liegen quer zur Laufrichtung, sie werden beim Weben mit dem Schiffchen oder dem Schützen eingeschossen. Die Kettdrähte müssen sehr zäh und widerstandsfähig sein und dürfen bei der Papierherstellung weder vom Wasser noch von den verwendeten Chemikalien angegriffen werden. Nachdem die Metalltücher gewoben waren, wurden sie von Hand endlos zusammengenäht. Dies erforderte höchste Präzision, da die Naht ebenso fest und durchlässig sein musste wie das Sieb selbst.

Es wurden immer neue Patente für Nähte erfunden, aber die Lösung brachten erst moderne Löt- und Schweißtechniken. Nach dem Nähen wurden die Siebe auf Streckmaschinen gespannt, um sie gründlich auf Gleichmäßigkeit und Glätte zu prüfen. Zum Abtransport wurden sie in Kisten verpackt. Der Bedarf in Reutlingen an Papier war um 1850 hoch, das Geschäft lief gut und die Metalltücher von Hermann Wangner waren sehr begehrt. Zu der Zeit gab es in Reutlingen noch wenig Industrieproduktion, was auch am fehlenden Bahnanschluss lag, der erst 1859 nach Reutlingen kam. Schon in den ersten Jahren hatte die Firma weltweite Handelsbeziehungen und Hermann Wangner forschte immer daran, das Webprinzip weiter zu verbessern. 1850 heiratete Hermann Wangner Pauline Rosine Finckh. Schon sieben Jahre später, 1857, starb Hermann Wangner im Alter von nur 32 Jahren an einer Typhusepidemie. Seine Witwe führte die Firma bis 1863 weiter, bevor sie dann, zusammen mit dem Wohnhaus, an Adolph Kurtz verkauft wurde.

Der Name des Firmengründers wurde beibehalten. Mit dem allgemein vorherrschenden wirtschaftlichen Aufschwung der Gründerzeit wuchs auch die Firma stetig an. Inzwischen gab es neben den hölzernen Webstühlen auch schon 23 eiserne Metalltuchwebstühle. Im Jahre 1903 wurde die Firma vom Sohn des Besitzers, Herrn Carl Kurtz-Hähnle, übernommen. Mit dem ersten mechanischen Webstuhl, der 1901 in Betrieb genommen wurde, wurde ein neues Zeitalter eingeläutet. Dieser kostete zwar ein Vielfaches mehr als ein Handwebstuhl, hatte aber eine größere Webbreite und konnte die Metalltücher schneller produzieren. Bald wurden die bisherigen Räume zu klein und die Firma begann, auf der grünen Wiese – in der Föhrstraße – ein neues Werk zu bauen. 1924 wurde eine Maschinenfabrik zur Herstellung eigener Webstühle sowie von Hilfs- und Sondermaschinen für die Papier- und Zellstoffindustrie gebaut.

In den 1960er Jahren wurde das Produktionsprogramm um Kunststoffsiebe erweitert, die in Bereichen der Filter- und Abwassertechnik Verwendung finden. 1993 fusionierte das Unternehmen mit der Hermann Wangner Siebtech zur Wangner Finckh GmbH. Nach einem weiteren Eigentümerwechsel Anfang der 2000er Jahre, gehört die Firma seit 2018 zur österreichischen ANDRITZ Gruppe. In diesem Jahr kann die in der ANDRITZ Gruppe aufgegangene Firma auf 175 Jahre Metalltuchproduktion in Reutlingen zurückblicken.

Firma Wangner, Muster Drahtsiebe (kleines Büchlein)

Literatur:

Hermann Wangner Metalltuch- und Maschinenfabrik (Hrsg.): Hundert Jahre Wagnersieb, Reutlingen 1949.

 

Weitere Informationen zu Hermann Wangners Unternehmen sowie ein Metalltuchwebstuhl von 1849 finden Sie im Industriemagazin Reutlingen.

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