...aus der Apothekerfamilie Finckh
Die Spielzeugapotheke aus der Familie Finckh ist ein besonderes Objekt in unserer musealen Sammlung. Neben ihr gibt es nur einen weiteren Kaufladen, der ein Spezialgeschäft darstellt: einen Stoffladen. Seit dem 17. Jahrhundert sind Spielzeugkaufläden in Form von Textil-, Metzger oder Gemischtwarenläden bekannt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts bekam Spielzeug allgemein eine immer stärkere pädagogische Zielsetzung. Es sollte Kinder auf das spätere Leben vorbereiten und so verwundert es nicht, wenn immer mehr Spielzeug die damalige Arbeitswelt wie z.B. den Laden der Eltern wiederspiegelte. Oft wurden die Gehäuse und Möbel der Kaufläden selbst hergestellt oder bei einem Schreiner bestellt, man konnte sie aber auch fertig von Manufakturen beispielsweise aus dem Erzgebirge oder Thüringen kaufen.
Die Finck’sche Apotheke stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und hat die für die damalige Zeit typische Trapezform eines Kaufladens. Die 48 Holzdosen und die 16 Schubladen zeigen auf ihren Papieretiketten typische Waren einer Apotheke des 19. Jahrhunderts wie Glaubersalz als Abführmittel, Brusttee zum Schleimlösen oder Krätzsalbe, die meist Schwefel enthielt. Auch viele Gewürze und exotische Leckereien wie Senf, Zucker, Citronat, Chocolade oder Safran sind zu finden. Der Hintergrund ist, dass die Hochschulausbildung der Apotheker erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verpflichtend wurde. Bis dahin war es ein handwerklicher Ausbildungsberuf, und in den meisten Städten waren die Apotheker Mitglieder der Kramer- oder Kaufleutezunft. Viele Grundsubstanzen, die die Apotheker für ihre Medikamente benötigten, kamen von weit her, so dass sich ein gleichzeitiger Handel mit exotischen Genussmitteln anbot.
Andere Aufschriften verwirren uns heute: Manna, Teufelsdreck, Sünderfett? Unter Manna verstanden die Apotheker spätestens seit dem 16. Jahrhundert den getrockneten Saft bestimmter Eschen-Arten, der nach der damaligen Vorstellung der Säftelehre als sanftes Abführmittel benutzt wurde. Teufelsdreck ist der Name einer Pflanze in Zentralasien. Aus ihrem stark riechenden Saft wird bis heute ein Harz gewonnen, das in der chinesischen und indischen Heilkunst weit verbreitet ist und bei uns noch bis ins 20. Jahrhundert hinein unter dem Namen Asa foetida als Beruhigungsmittel und zur Krampflösung genutzt wurde. Bei Sünderfett (oder Armsünderfett) handelt es sich um Fett von hingerichteten Menschen, dem magische Bedeutung zugeschrieben wurde – unter anderem sollte es gegen Knochen- und Zahnschmerzen helfen und Rheuma- und Arthritisbeschwerden lindern. Es ist belegt, dass der Verkauf von Sünderfett für Henker eine wichtige Einnahmequelle bedeutete, gleichzeitig wurde wohl oft Tierfett als teures Sünderfett verkauft bzw. als Salbengrundlage verwendet.
Die Geschichte der Apothekerfamilie Finckh beginnt 1828, als Sixt Jacob Finckh die Hirsch-Apotheke in der unteren Wilhelmstraße für seinen Sohn Jakob Noah kaufte. Ihr Ursprung geht zurück auf Johann Georg Pfennig, der 1699 die Erlaubnis erhielt, aus seiner „Materialienhandlung“ eine Apotheke zu machen und somit die dritte Apotheke in Reutlingen eröffnete. Sie ist heute die älteste, noch existierende Apotheke in der Stadt und feiert dieses Jahr ihren 325. Geburtstag. Der Schwiegersohn von Johann Georg Pfennig war der Apotheker Johann Fehleisen aus Nürtingen, der die Hirsch-Apotheke 1727 (nach dem Wiederaufbau nach dem Stadtbrand im Jahr zuvor) übernahm. Zwischen 1767 und 1828 führten Stefan Küttel und später sein Sohn Johann Samuel Küttel die Apotheke.
Jakob Noah Finckh hatte 9 Kinder. Sein Sohn August Heinrich (geb. 1831) sollte eigentlich die Apotheke übernehmen, starb aber mit 24 Jahren an Typhus, so dass der jüngere Bruder Paul Rudolf (geb. 1842) die Apotheke übernahm. Er ging bei seinem Vater in die Lehre, studierte in Tübingen und sammelte in Rastatt, Morges (am Genfer See) und Stuttgart Erfahrungen, bevor er die Hirsch-Apotheke 1867 übernahm. Er heiratete Agnes, die Tochter des Reutlinger Stadtschultheißen und Landtagsabgeordneten Wilhelm Grathwohl. Da er an grauem Star litt und seine beiden Söhne August und Ludwig andere Berufe ergriffen, verkaufte er sie an Heinrich Weißbecker. Nach mehreren weiteren Besitzern erwarb Otto Merz die Apotheke 1937. Sein Sohn Walter übernahm 1961, gründete die „Arbeitsgemeinschaft für Pharmazeutische Verfahrenstechnik“ und veröffentlichte über 30 wissenschaftliche Publikationen. Stefan Merz trat 1991 in die Apotheke ein. Er interessierte sich sehr für tropische Pflanzen und entdeckte eine Orchideenart in Costa Rica, die nach ihm „Gomphichis merzii“ benannt wurde. Seit 2020 ist Stephan Mache Inhaber der Apotheke.
Es ist unklar, wann genau die Spielzeugapotheke in die Familie Finckh kam. Anfang des 20. Jahrhunderts war sie auf jeden Fall im Besitz von Ludwig Finckh, der seit 1905 in Gaienhofen am Bodensee lebte. Dort wurde sie in der Weihnachtszeit zusammen mit einer Puppenstube für die Kinder und Enkelkinder aufgebaut. Noch in den 1950er Jahren wurde die Spielzeugapotheke von den Enkelinnen bespielt. Von einer dieser Enkelinnen kam sie 2012 in den Besitz des Heimatmuseums.
Literatur:
- Finckhen-Zeitung Nr. 9, 1934 und Nr. 42, 2011
- Merz, Walter: 300 Jahre Hirsch-Apotheke Reutlingen, o.O. 1999
- Krimmel, Otto: Reutlingens Ärzte und Apotheker in den Zeiten der Reichsstadt; in: RGB 4/1893