mit Brot und Wein in Reutlingen
Im Jahr 1524 geschahen drei Ereignisse, die in die Reutlinger Stadt- und Kirchengeschichte eingegangen sind und die alle mit Matthäus Alber zu tun haben. Der Reutlinger Prädikant predigte in der Marienkirche seit seinem Dienstantritt im November 1521 im Sinne Martin Luthers in deutscher Sprache.
Das erste Ereignis in jenem Jahr war die Hochzeit Albers mit der Reutlingerin Klara Bauer (Beyerin). Die Heirat war delikat, da er geweihter Priester der katholischen Kirche war. Er trat damit noch vor Martin Luther oder anderen süddeutschen Reformatoren wie Huldrych Zwingli, Erhard Schnepf oder Johannes Brenz in den Stand der Ehe.
Das zweite Ereignis geschah um Pfingsten 1524, als der Stadtrat beim „Markteid“ der Bürgerschaft schwören musste, „das Evangelium zu schützen“. Gegen Alber lief zu diesem Zeitpunkt eine Untersuchung des Konstanzer Bischofs, die klären sollte, ob Alber „ketzerisch“ predige – womit in Luthers Sinne predigen gemeint war. Alber sollte sich in Tübingen einem Verhör des bischöflichen Vikars Raming stellen. Die Menschen fürchteten, dass Alber im württembergischen Tübingen verhaftet werden könnte, weshalb er selbst und die Menschen in Reutlingen auf ein Verhör in der Reichsstadt bestanden. In Württemberg herrschte zu diesem Zeitpunkt Ferdinand von Habsburg, Bruder des Kaisers Karl V. der schon mehrfach Menschen gefangen genommen hatte, die „reformatorischer Umtriebe“ verdächtig waren.
Das dritte Ereignis in diesem Jahr fand am 14. August statt. Matthäus Alber hielt an diesem Sonntag zum ersten Mal eine deutsche Messe ohne vorhergehende Beichte, ohne Messkanon und mit Feier des Abendmahls „unter beiderlei Gestalt“ – dass bedeutet die Verteilung von Brot und Wein an alle. Die Austeilung des Weins an die Gemeindemitglieder war bis ins 13. Jahrhundert hinein in der katholischen Kirche üblich gewesen, dann aber seltener geworden und schließlich ganz verschwunden. Vor allem nahm damals die Ängstlichkeit überhand, dass der gewandelte Wein – das Blut Christi – verschüttet werden könnte. Aber auch die Seuchengefahr und die immer stärker werdende Abneigung gegen Gemeinschaftskelche spielte eine Rolle. Die Ankündigung eine Woche zuvor hatte sich weit herumgesprochen, sodass an diesem Sonntag Menschen aus dem ganzen Umkreis nach Reutlingen strömten. Wenn letztendlich auch nur 20 von ihnen am Abendmahl teilnahmen, so war es doch ein historischer Einschnitt in die Stadtgeschichte. Bis zum Ende der Reichsstadtzeit 1802 mussten alle evangelischen Glaubens sein, um in das Reutlinger Bürgerrecht aufgenommen zu werden.
Seitdem stehen Kelch und Kanne als Symbol für das Abendmahl unter beiderlei Gestalt. Die silberne Kanne stammt vom Augsburger Silberschmied Joseph Wilhelm Gutwein und wurde 1753 gefertigt. Augsburg war zu dieser Zeit eines der Zentren der Gold- und Silberschmiedekunst in Mitteleuropa. Das Lamm auf der Deckelspitze sticht natürlich sofort ins Auge. Es symbolisiert Jesus, der als „Lamm Gottes“ die Sünden der Menschen auf sich genommen hat. Nach evangelischem Verständnis ist er im Abendmahl über seinen Tod hinaus mit den Menschen verbunden. Die Kanne ist ebenso wie der silberne Kelch eine Dauerleihgabe der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Reutlingen. Beide Kelche haben den klassischen Aufbau eines würdevollen Trinkgefäßes: Ein breit ausladender Fuß, ein schlanker Schaft mit einem Knauf in der Mitte (sog. Nodus, zum besseren Griff des Kelches) und eine unverzierte Trinkschale (sog. Kuppa). In vielen evangelischen Kirchen wurden die vorreformatorischen Kelche weiter benutzt – inwiefern das auch genau für den silbernen Kelch aus dem 15. Jahrhundert gilt, ist unklar, es ist aber sehr wahrscheinlich. Der Reutlinger Zinngießer Johannes Kurtz d. Ä. fertigte die Abendmahlskanne aus Zinn 1726 an. Sie wurde der Betzinger Mauritiuskirche gestiftet. Zwar gehörte Betzingen zur Zeit der Reformation zum Herrschaftsgebiet Reutlingens, die Kirchenrechte lagen aber bei der Johanniter-Kommende Villingen bzw. Hemmendorf. 1524 predigte Georg Bofay in Betzingen in lutherischem Sinne.
Nach einigen Auseinandersetzungen ernannten die Johanniter bis zum Verkauf der Kirchenrechte an Württemberg im Jahr 1693 immer wieder einen protestantischen Pfarrer, der vom Reutlinger Rat bestätigt werden musste. Auf der Kanne ist eine eingravierte Inschrift zu lesen: "1726 - Diese Kantt Stieft Michael Gerlach Seelich auf den Althar in Betzingen, ist gebohren Anno 1708 den 9. December, wieder das Zeitliche gesegnet Anno 1726 den 3. Appril seines Alters 17 Iahr 3 Monat 25 Tag, demme Gott einne Samfte Ruhe und einne frehliche Auffer-Stehung ver leihen wolle amen." Der genannte Michael Gerlach wurde 1709 in der Mauritiuskirche als Kind von Margarethe und Michael Gerlach getauft. Vermutlich stifteten die Eltern die Kanne nach dem frühen Tod ihres Sohnes. Solche Stiftungen von Abendmahlskelchen oder -kannen sind keine Seltenheit. Bis heute werden Spenden für neue Abendmahlsgerätschaften gesammelt.
Literatur:
Stadt Reutlingen (Hrsg): Der „Luther Schwabens“ – Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Heimatmuseum, Reutlingen 2017.
Borth, Wilhelm et al (Hrsg): Reutlingen – Von der Reichsstadtherrlichkeit zur selbstbewussten Großstadt, Reutlingen 2013.
Albert, Erika: 325 Jahre Zinn-Kurtz. Episoden aus der Familiengeschichte der Zinngießerei Kurtz anlässlich des 325-järigen Firmenjubiläums, o. O. 1998.