Messe "Wohnen und Bauen"

Wohnungsbau in Reutlingen 1949

 Bauen und Wohnen 1949

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Reutlingen – ähnlich wie andere Industriestandorte, etwa Pforzheim – Ziel von Bombardements der Alliierten. Vor allem in den Bereichen um Bahnhof und Marktplatz gab es dabei große Zerstörungen. In den unmittelbaren Nachkriegsjahren war daher in der Achalmstadt der Wiederaufbau ein großes Anliegen. Besonders neuer Wohnraum sollte dabei schnell geschaffen werden. Um diesem Bedürfnis gerecht zu werden, präsentierte das Kreisbauamt in Reutlingen mit der Messe „Bauen und Wohnen“ Musterbauten mit insgesamt 145 Wohnungen in bestimmten Straßen der Stadt. Das Besondere an diesen Häusern war die Tatsache, dass sie in sehr kurzer Zeit und im Gegensatz zu den bis dato herkömmlichen Methoden kostengünstig gebaut werden konnten. Die Messe begann am 24. September 1949 und war bis zum 10. Oktober desselben Jahres zu sehen.

Öffentlicher Wohnungsbau in größerem Umfang war erst nach der Währungsreform möglich. Auch Kapital, Baumaterialien sowie Arbeitskräfte standen nun zur Verfügung, um Baumaßnahmen in diesem Ausmaß durchführen zu können. Vergleicht man die Zahl von 145 zur Messe erbauten Wohnungen mit den Vorjahren 1945 bis 1948 wird der Unterschied deutlich: In jenen Jahren betrug die Anzahl an fertiggestellten Wohnungen im Schnitt 46 pro Jahr.

Die Messe selbst wies zwei Elemente auf. Es gab die von den Gästen begehbaren und zur Besichtigung freigegebenen 32 Baublöcke, beispielsweise in der Negelerstraße 48-50, der Mörikestraße 5 oder der Hagstraße 19-21 und 23-25, die von den Besucherinnen und Besuchern „hinsichtlich ihrer Vor- und Nachteile erprobt werden“ konnten. Carl Haid, Oberbaurat der Stadt Reutlingen, spricht im Broschüren-Vorwort zur Messe deren Ziele an: Die Bevölkerung soll sehen, welche Formen des Wohnungsbaus es gibt und wie zukünftig schnell, kostengünstig und dennoch schön gebaut werden kann. Unter dem Motto „formschön, zweckvoll und preiswert!“ eröffnete sich den Gästen nun der moderne Wohnungsbau.

Die beeindruckende Bauzeit von nur wenigen Wochen erreichten die Architekten durch Typisierung der Häuser und durch die Verwendung von standardisierten Baustoffen. Zur Senkung der Baukosten trug die Verwendung von regionalen Materialeien bei. Für die Musterhäuser der Messe verwendeten man unter anderem Tuffstein, der in der Umgebung von Reutlingen natürlich vorkommt. Dieser wurde gemahlen, gewaschen und entweder als Splitt für die Schüttbauweise, in der das Hausskelett aufgefüllt wird, oder mit einem Bindemittel gepresst als Großblockstein verwendet. Auch der Einsatz von modularen Teilen, wie sie etwa auch aus dem innovativen Hausbau des Bauhauses in Dessau kurz nach dem Ersten Weltkrieg bekannt ist, kam in Reutlingen zum Einsatz. Außerdem sollten die auf diese Weise gebauten Wohnungen erst nach Fertigstellung des Rohbaus verkauft werden. Mit diesem Kniff sparte man die Kosten für etwaige Extra-Wünsche bei der Ausstattung.

Was sämtliche Wohnungen jedoch zu bieten hatten, waren Doppelfenster, Wasserspülung im WC sowie Hartholzböden in den Wohnzimmern. Größere Wohnungen verfügten darüber hinaus auch über ein eigenes Bad, während in den kleineren Wohnungen eine gemeinsame Waschküche mit Bademöglichkeit im Keller vorgesehen war. Bei Mehrfamilienhäusern achtete man außerdem darauf, dass jede Wohnung auch über einen kleinen Gartenanteil verfügte. Konkret in DM gesprochen bedeutete das für eine 2-Zimmerwohnung mit einer Wohnfläche von 45 m², Wohnküche und gemeinsamem Bad im Untergeschoss, das mit sechs Familien geteilt werden musste, eine monatliche Miete von 36 bis 42 DM. Eine 67 m² große 3-Zimmerwohnung mit eigenem Bad und einer Wohnküche schlug mit monatlich 58 bis 70 DM zu Buche. Besser einordnen lassen sich die Mietpreise mit dem Blick auf ein durchschnittliches Arbeitergehalt jener Zeit, das pro Woche ca. 60 bis 80 DM betrug.

Neben den begehbaren Wohnungen gab es auch klassische Messestände, die in der Listhalle zu sehen waren. Dort fand auch die Eröffnung der Schau durch den Oberbürgermeister Oskar Kalbfell statt. Unterschiedliche Firmen präsentierten Inneneinrichtungen und Möbel sowie technische Neuheiten. Von Schränken und Spülbecken über Betten bis hin zu Heizungen und Elektroherden war alles vertreten, was der moderne Haushalt unbedingt benötigte und was das alltägliche Leben vereinfachte. Ein besonderer Hingucker der Messe war der „Elektrolyt Heiss-Wasserhahn“, der auf einigen Fotografien der Messe zu sehen war. Es war möglich, sich Leitungen für warmes Wasser legen zu lassen, das dann direkt aus dem Wasserhahn kam. Preislich lag der Wasserhahn bei nur 19,50 DM.

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