Von Farben und Finsternis

Leben und Tod der Malerin Alice Haarburger

Alice Haarburger, Ansicht von Reutlingen, um 1930

Hinter einer Reihe von grünen Bäumen ragen Hausdächer und Kirchentürme empor. Der Blick des Betrachters wird in die Ferne gelenkt, wo sich im Hintergrund die Achalm erhebt. Sie verrät uns, dass es sich bei dem Bild um eine Ansicht von Reutlingen handelt. Beinahe dörflich wirkt die Stadt inmitten der grünen, beschaulich dargestellten Landschaft. Der strichartige Aufstrich der Farbe im Vordergrund und die Konturen der Bäume zeugen von einem impressionistischen Einfluss, der sich durch die vereinfachenden Farbflächen zunehmend dem Expressionismus zuwendet.

Das Ölbild mit der Stadtlandschaft stammt von Alice Haarburger. Die 1891 in Reutlingen geborene Unternehmenstochter, erlangte in Stuttgart eine beachtliche Karriere als Malerin. Ihr jüdischer Hintergrund führte sie jedoch 1942 früh in den Tod durch die Nationalsozialisten.

Alice war die Älteste von drei Kindern. Ihr Vater, Jener Friedrich Haarburger (1855-1920), war seit 1888 der Inhaber der Kartonagenfabrik Julius Vottelers. Ihre Mutter, Fanny (1868-1942), geborene Hess, war eine Urenkelin des bedeutenden jüdischen Buchhändlers Isaak Hess aus Ellwangen (1789-1866). In der Bismarckstraße wohnhaft wuchs Alice in einer der wohlhabendsten Fabrikantenfamilie des angehenden 20. Jahrhunderts auf. Durch die Umstellung der Produktion auf Papier- und Gewebebeschichtungen, umfasste die Kunstlederproduktion durch Friedrich Haarburger vor dem Ersten Weltkrieg im Deutschen Reich einen Anteil von bis zu zwölf Prozent.

1903 siedelte die Familie nach Stuttgart über, um den Kindern eine höhere Schulbildung zu ermöglichen. Im eigens entworfenen Haus in der Danneckerstraße führten die Haarburger ein großbürgerliches Leben, wo Alice Zuspruch von Gästen aus dem Künstlermilieu erfuhr. Nach dem Besuch eines Stuttgarter Mädchengymnasiums, Internaten in Genf, Lausanne und London, absolvierte sie verschiedene Ausbildungen im Zeichnen und Malen. Da zu Beginn des 20. Jahrhunderts Künstlerinnen eine vollwertige akademische Ausbildung noch verwehrt war, besuchte Alice zunächst eine private Malschule für Damen. Während des Ersten Weltkriegs unterbrach sie ihre Ausbildung und diente als Hilfskrankenschwester in einem Stuttgarter Lazarett, für das sie ausgezeichnet wurde. Mit 26 Jahren erfolgte dann ein Studium an der Akademie der bildenden Künste Stuttgart bei Arnold Waldschmidt. Im Anschluss vertiefte Haarburger ihr Studium an den Münchner Lehrwerkstätten, der Debschitz-Schule für angewandte Kunst. Der Tod ihres Vaters ließ sie nach Stuttgart zurückkehren. Hier erfolgten im Rahmen des „Württembergischen Malerinnenvereins“, dem sie bereits seit 1911 angehörte, mehrere Ausstellungen mit ihren Werken. Darüber hinaus gestaltete sie Vereinsarbeit aktiv mit, indem sie Kurse, Atelierbesuche und offene Tage organisierte.

Ab 1933 machte sich die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Leben von A. Haarburger mit langsamen Schritten bemerkbar bis es sich zum Ende in großem Tempo zuspitzte. Trotz der zunehmenden Einschränkungen und Warnungen eines Freundes in der SS wähnte sich Familie Haarburger aufgrund des Einsatzes der beiden Brüder, Karl und Ernst, im Ersten Weltkrieg in falscher Sicherheit. Zum zweiten Jahrestag von Hitlers Machtübernahme erhielt Karl Haarburger als angesehener Nachfolger seines Vaters im Reutlinger Unternehmen am 30. Januar 1935 vom Reutlinger Hauptmann der Landespolizei noch das „Ehrenkreuz für Frontkämpfer“ überreicht. Nur Monate später verstarb Karl an Krebs, Ernst lebte seit 1927 nicht mehr. Alice, zurückgeblieben mit ihrer Mutter, durfte nur noch in jüdischen Vereinen ausstellen, bis dies auch verboten war. 1937 erfolgten die Enteignung und Arisierung des Unternehmens in Reutlingen. Das Familienhaus in der Danneckerstraße wurde im Jahr darauf zwangsverkauft. Danach lebten sie mit anderen Verwandten in einem überfüllten Haus in der Sandbergerstraße in Stuttgart-Ost. 1940 erhielt Alice ein Visum für die Schweiz, welches sie nicht nutzte. An ihrem 50. Geburtstag erfolgte ihre Festnahme durch die Gestapo und ihre Überstellung ins Sammellager auf dem Stuttgarter Killesberg. Mit der allersten Deportation von Stuttgart verbrachte man Alice am 1. Dezember 1941 ins Konzentrationslager Jungfernhof nach Riga, wo sie am 26. März 1942 bei einer Massenerschießung in Wald von Bikernieki ermordet wurde. Alice Mutter wurde im selben Jahr ins „jüdische Altenheim Dellmensingen“ verschleppt, wo sie wenig später verstarb.

Die Aufarbeitung von Alices Leben und Wirken begann in den 1980er Jahren. Das Oeuvre Alice Haarburgers wird auf 150 Werke geschätzt. Ihre Sujets beziehen sich auf Landschaften und Stadtansichten wie auch Stillleben und Porträts. Ihr Stil orientierte sich am deutschen Impressionismus sowie Realismus. Der Einfluss von Paul Cézanne ist ebenso zu vernehmen wie expressionistische Tendenzen. Ihr Farbspektrum ist, wie ihr Blick, zurückhaltend, jedoch sehr bedacht. 1987 benennt die Stadt Stuttgart eine Straße nach ihr. Die Alice-Haarburger-Staffel führt vom Stuttgarter Hoffeld ins Ramsbachtal hinunter und erinnert an ihr Schicksal. 2013 wurden Stolpersteine an ihrem letzten Wohnort verlegt. Publikationen und Ausstellungen würdigten A. Haarburgers Werk und Leben.

In Gedenken an die Novemberpogrome 1938 erinnert das Heimatmuseum Reutlingen mit ihrem Gemälde von ihrer Heimatstadt an den Menschen, die Malerin und den Tod von Alice Haarburger.

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