„Die neue Straße“ von Wilhelm Kehrer
Passend zur winterlichen Zeit steht diesen Monat ein Gemälde im Vordergrund, das den Blick auf die verschneite „neue Straße“ – die Karlstraße – zeigt. Sie ist vom obersten Stock des Querbaus der 1955 erbauten Gewerblichen Berufsschule (heute Ferdinand-von-Steinbeis-Schule) aus in Richtung Innenstadt/Bahnhof gesehen.
In impressionistischer Manier gibt der Künstler Wilhelm Kehrer einen Einblick in das Reutlinger Leben an einem Wintertag in der Mitte der 1950er Jahre. Die leicht nach links an der Bildmitte vorbei verlaufende Straßenflucht bestimmt die Darstellung. Einzelne Häuserdächer sowie Freiflächen sind mit Schnee bedeckt. Zu beiden Seiten flankieren Gebäude die Straße, vage angedeutete Menschen tummeln sich auf den Gehsteigen und der wenige Verkehr in Form von roten Bussen und kleinerer Autos fließt auf den Straßen. Am linken Bildrand abgeschnitten ist die 1955 erbaute Gewerbliche Schule zu sehen. In Richtung der Stadt sind Wohnbauten der GWG zu erkennen. Mit diesen fing Reutlingen die kriegsbedingte Wohnungsnot infolge der großen Zerstörungen durch Bombenabwürfe gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auf. Der hoch aufragende, den Himmel mit schwärzlichem Rauch erfüllende Fabrikschlot in der rechten Bildhälfte markiert den Standort der Firma Julius Votteler Nachf. in der Bahnhofstraße. Der kürzere Schornstein daneben gehört zur Wäscherei und Färberei Schwenk & Sohn. Am Ende der „neuen Straße“ ist unter der tief stehenden Wintersonne die ehemalige Maschinenfabrik des Bruderhauses samt Schornstein zu erkennen.
Die Gestaltung der „neuen Straße“ erhielt im Zuge des Wiederaufbaus der Stadt ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit, da die sie flankierenden Flächen kriegsbedingt größtenteils zerstört waren. Bereits 1946 lag eine ausgearbeitete Planung für den Wiederaufbau der zerstörten Bereiche vor. Nach Einführung der Deutschen Mark 1948 konnte zeitig mit der Bautätigkeit begonnen werden. Oberbürgermeister Oskar Kalbfell setzte sich für die Gestaltung einer modernen, autogerechten und vierspurigen Straße ein, die an repräsentativen Gebäuden vorbeiziehen sollte. So ist auf dem Gemälde links der Bildmitte beispielsweise das Kaufhaus Merkur zu erkennen, welches 1952 eröffnete und das erste Kaufhaus Reutlingens war.
Wilhelm Kehrer, in Reutlingen landläufig als Maler Kehrer bekannt, wurde am 22. Februar 1892 in Honau geboren. Nach dem Tod des Vaters 1909 erfolgte der Umzug nach Reutlingen. Zwischen 1910 und 1913 war er Student an der Kunstschule Stuttgart, unter anderem bei Professor Rudolf Rochga, einem Dekorationsmaler. Im darauffolgenden Jahr führte ihn sein Weg an die Kunstakademie Königsberg, wo er bei den Professoren Dettmann und Pfeiffer lernte. Während des Ersten Weltkriegs war Kehrer als Obergefreiter der Artillerie im Einsatz. Nach Kriegsende zog er wieder nach Reutlingen. Hier entstand eine Freundschaft zu Karl Haug, dem Leiter der Gewerblichen Berufsschule in der Metzgerstraße beim Spitalhof. In den „brotlosen“ Künstlerjahren nach dem Ersten Weltkrieg gewann Haug Kehrer als Lehrer an seiner Schule. Ab 1919 lehrte Kehrer an der Gewerblichen Berufsschule. Sein künstlerisches Können präsentierte er seit 1920 in einigen Ausstellungen der breiteren Bevölkerung. 1946 initiierte der Kunstmaler mit Unterstützung von Oberbürgermeister Oskar Kalbfell die erste Ausstellung „Reutlinger Künstler“, die in den Räumen der Gewerblichen Berufsschule zu sehen war. 1955 zwangen Kehrer gesundheitliche Gründe zu einer frühzeitigen Pensionierung aus dem Schuldienst. Am 23. Dezember 1960 – nur kurz vor Vollendung des 61. Lebensjahres –stirbt der Maler Kehrer in Reutlingen.
Das Motiv der „neuen Straße“ steht beispielhaft für einen Teil des künstlerischen Repertoire Kehrers. Seine Gemälde zeigen oft Reutlinger Stadtansichten oder Landschaften der näheren Umgebung. Besonders hervorzuheben sind dabei jene Bilder, die die Kriegszerstörungen der Achalmstadt dokumentieren. So bannte er beispielsweise den Anblick des durch den Fliegerangriff vom 1. März 1945 zerstörten Marktplatzes oder den durch Bomben zerstörten Bereich um die St.-Wolfgang-Kirche und dessen Wiederaufbau 1946 auf die Leinwand. Daneben gehören auch Landschaftsbilder und Stillleben zu seinem künstlerischen Oeuvre. Neben dem Zerstörten fing Kehrer auch das Entstehende ein. In genauen Studien mit impressionistischer Leichtigkeit gibt er etwa den Bau der Neckarbrücke bei Altenburg 1949 oder die Errichtung des Kaufhaus Merkur wieder.
Literatur:
- Kreissparkasse Reutlingen/Willer, Lore (Hrsg.): Der Maler Wilhelm Kehrer, Reutlingen 1992.
- Bardon, Annie/Stadt Reutlingen, Schul-, Kultur, und Sportamt (Hrsg): Wilhelm Kehrer. 1892–1960, Katalog anlässl. der Gedächtnisausstellung vom 29. August bis 3. Oktober 1982 in der Eingangshalle des Reutlinger Rathauses, Reutlingen 1982.