Schmuckstück für die gute Stube

Eine Standuhr der Möbelfabrik Schirm von 1925

Standuhr der Möbelfabrik Schirm, 1925

Die Standuhr, die diesen Monat im Mittelpunkt steht, wurde 1925, vor genau 100 Jahren, in der Reutlinger Möbelfabrik August Schirm hergestellt. Bei der Uhr handelt es sich um eine Bodenstanduhr, die ab dem 17. Jahrhundert in den Niederlanden und in England gebaut wurde. Die Ursprünge dieser Uhrenart entwickelten sich bereits im Mittelalter, als man die von der Wand herabhängenden Gewichte gotischer Uhren zum Schutz ummantelt hatte. Der hohe Kasten war dafür da, um die Gewichte, die Pendel und das Uhrwerk zu schützen. Klassischerweise bestand die Bodenstanduhr aus einer strengen Gliederung von Sockel, Uhrenkasten und Blattwerk mit Zifferblatt.

Aufwendig gestaltete und teure Bodenstanduhren waren oft in Adels- oder Bürgerhäusern zu finden. Schlichtere Modelle standen in einfacheren Bauern- und Bürgerhäusern oder in öffentlichen Gebäuden. In Deutschland bildeten sich in den einzelnen Regionen typische Baumerkmale solcher Uhren aus, die sich im verwendeten Holz, stilistischen Merkmalen und verzierenden Elementen unterschieden. Speziell das Ziffernblatt wurde in regionaltypischen Besonderheiten angefertigt. Die Standuhr der Möbelfirma Schirm ist ein relativ schlichtes Modell mit einem trapezförmig geschnittenem Dach. Im oberen Drittel der Uhr ist eine achteckige Glasscheibe eingesetzt, hinter der das Ziffernblatt sitzt. Auf dem Ziffernblatt sind außergewöhnlich gestaltete Zeiger mit Zickzacklinien und Rautenmuster und große Zahlen zu sehen. Gebaut ist die Standuhr aus dem Holz der karelischen Maserbirke. Das ist eine Birkenart, die in Nordeuropa zu finden ist und deren ungewöhnliche Maserung hinter dem Ziffernblatt sichtbar wird.

In das Gehäuse der Uhr wurde ein hochwertiges Werk einer Schwarzwälder Uhrenfabrik und ein sogenannter Westminsterschlag eingesetzt. Der Westminsterschlag ist eine Melodie, die in vielen Uhren für den Viertelstundenschlag benutzt wird. Namensgebend für den Schlag ist der Westminster Palace in London, der auch die „Big Ben“ beherbergt, die schwerste der fünf Glocken im Uhrwerk. Die regional sehr unterschiedlich gefertigten Uhrenmodelle verschwanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Uhren dann vermehrt industriell, in einem einheitlichen Typus, gebaut wurden. Spätestens ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der großflächige und industrielle Bau von Bodenstanduhren, bis auf wenige Ausnahmen, aufgegeben.

Die Firma August Schirm, die diese Uhr fertigte, war eine Reutlinger Möbelfabrik. Gebaut wurden Einzelstücke, aber auch komplette Zimmereinrichtungen und Innenausbauarbeiten wie Türen und Fenster. Ihren Sitz hatte die Firma zu Beginn vermutlich in der Krämerstraße, ab den 1920er Jahren dann in der Schulstraße. In den 1950er erfolgte der Umzug der Firma in die Hohenzollernstraße, der heutigen Tübinger Straße. Ende der 1960er Jahre war die Firma dann bis in die 1990er Jahre in der Siemensstraße ansässig.

Gegründet wurde die Firma 1819 von Heinrich Schreiner und Johann Georg Schirm. August Schirm, der Namensgeber der Firma, war Anfang des 20. Jahrhunderts Teilhaber, geleitet wurde das Unternehmen später von Julius Speidel. Er wurde 1894 geboren und entwarf und baute in den 1920er Jahren diese Bodenstanduhr. Die Familie besaß auch das zu der Uhr gehörende Esszimmermobiliar. Damals war es üblich, dass die Zimmereinrichtung zu der Standuhr passte und umgekehrt. Die Familie wohnte über Jahrzehnte am Leonhardsplatz, vermutlich waren diese Möbeleinrichtung und die Standuhr dort zu finden.
Heute sind solche Bodenstanduhren kaum noch in den Wohnungen und Häusern zu finden, da oftmals der Platz dafür nicht ausreicht und die Uhren nicht zu modernen Einrichtungen passen.

 

Literatur:

Aus der Uhrzeit. Die Uhrensammlungen des Museums für Angewandte Kunst und des Kölnischen Stadtmuseums, Köln 1987.

https://themator.museum-digital.de/t/1070/1072?na=1

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