Fritz Hummel, der Zwiefalter Hof und das Parkhaus „Stadtmitte“ 1975

   Ein.Blick

Am 12. April 1975 wurde der Grundstein für das Parkhaus „Stadtmitte“ gelegt. Dafür waren im Herbst 1974 unter anderem die beiden Häuser des ehemaligen Zwiefalter Klosterhofs abgerissen worden. Das Haus Zwiefalterhofstraße 2 war 1890 in den Besitz der Malerfamilie Hummel gekommen. Friedrich (besser bekannt als „Fritz“) Hummel bemalte 1897 die der Metzgerstraße zugewandten Hauswand. Die Zeichnung von ca. 1896 zeigt Teile des Wandbildes, das Foto aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Gesamteindruck: Unter einer Sonnenuhr und einem Porträt des patrizischen Bürgermeisters Albrecht (Albert) Roth aus dem 14. Jahrhundert dominieren die beiden Kaiser Friedrich Barbarossa und Maximilian zu Pferd das Wandbild. Sie werden an den Rändern eingerahmt von je einem Ritter. Die gesamte Komposition wird am Mittelfenster gespiegelt, sodass beide Seiten gleich aufgebaut sind. Unterhalb der Fenster befindet sich ein durchlaufendes Band mit verschiedenen Stadtwappen reformatorischer Reichsstädte, darunter Heilbronn, Ulm, Augsburg und Ravensburg. In diesem Band befinden sich auch die Porträts dreier Reutlinger Bürger: Unter dem linken Fenster der Weber Conrad Helind aus dem 15. Jahrhundert, in der Mitte der Chronist Hugo Spechtshardt aus dem 13. Jahrhundert und links der Buchdrucker Johannes Ottmar aus dem 16. Jahrhundert. Die neogotischen Schmuckelemente und die Abbildungen des Wandgemäldes nehmen Bezug auf die vergangene Reichsstadtzeit Reutlingens.

Friedrich Hummel wurde 1864 in Reutlingen als Sohn eines Malermeisters geboren. Er lernte erst bei seinem Vater das Malerhandwerk und studierte später an der Kunstakademie in Stuttgart und in München. Bekannt wurde er vor allem durch seine Gemälde, Lithografien und Radierungen von Reutlingen und Umgebung. Er schmückte auch zusammen mit Rudolf Yelin d.Ä. das Chorgewölbe der Evangelischen Stadtkirche Tuttlingen, arbeitete bei der Restaurierung der Marienkirche mit und bemalte das Portal des Friedhofs „Unter den Linden“, das heute noch erhalten ist.

Für den Bau des Parkhauses „Stadtmitte“ musste das ehemaligen „Hummel’sche“ Haus ebenso weichen wie das Haus Zwiefalterhofstraße 4. Gemeinsam mit einer Scheune und einem Innenhof bildeten sie den Zwiefalter Klosterhof, der 1290 zum ersten Mal erwähnt wird und einer von fünf Klosterhöfen in Reutlingen war. Der Zwiefalterhof verwaltete die drei umliegenden Klosterhöfe des Klosters Zwiefalten in Metzingen, Dettingen und Neuhausen im Ermstal. Das große Abtshaus (später Zwiefalterhofstraße 4) wurde 1557 von Abt Nikolaus Buchner erbaut. Das Renaissanceportal des Hauses steht heute im Garten des Heimatmuseums. Es wurde ebenso wie das „Hummel’sche“ Haus (Zwiefalterhofstraße 2) im Stadtbrand 1726 schwer beschädigt. Lange hielt sich die Geschichte, dass die historische Bausubstanz beider Häuser im Stadtbrand verloren gegangen sei und die 1974 abgerissenen Gebäude Neubauten nach 1726 gewesen seien. Beide Gebäude wurden nach 1803 verkauft und wechselten vor allem im 19. Jahrhundert mehrfach die Besitzer. Das Haus Zwiefalterhofstraße 2 ging zunächst an einen Metzger, dann an einen Weiß-, später an einen Rotgerber, bis es von 1890 bis 1965 im Besitz der Familie Hummel war. Die verschiedenen Nutzungen spiegelten sich in diversen Umbauten des Hauses wieder. Beim Bombenangriff auf Reutlingen am 1. März 1945 brannte das mehrgeschossige Dach und das 1. Obergeschoss des ehemaligen Abtshauses nieder. Erdgeschoss und Keller wurden nur notdürftig abgedeckt und erhielten erst 1949 ein Notdach, was zu erheblichen Schäden an den steinernen Wänden und dem darunterliegenden Kellergewölbe führte. 1955 wurde es aus dem Denkmalverzeichnis gelöscht. Der Hintergrund war die Versetzung des Renaissanceportals in den Garten des Heimatmuseums, um es vor weiteren Schäden zu schützen. Das restliche Haus schien der Denkmalbehörde damals nicht mehr schutzwürdig zu sein. Auch das Haus Zwiefalterstraße 4 wurde im diesem Zuge – obwohl im Krieg unbeschädigt geblieben – aus dem Denkmalverzeichnis gelöscht. Die Denkmalbehörde erhob Anfang der 1970er Jahre keine Einwände gegen einen Abriss der Gebäude für den Bau von Parkplätzen.

Einer der Eigentümer wollte allerdings den Keller des Abtshauses weiterhin als Lagerraum nutzen und schaltete noch einmal das Denkmalamt ein. Als dessen Votum Ende März 1974 bei der Stadt einging, den Keller des Hauses Zwiefalterhofstraße 4 zu erhalten, war das Haus aufgrund des Beschlusses von 1970 aber bereits abgerissen. Damit ist nicht nur der Keller, sondern auch das besondere Erdgeschoss des Abtshauses mit Gewölben und drei steinernen Säulen aus der Renaissancezeit, sondern auch das deutlich ältere, dreigeschossige aus Stein gebaute Haus Zwiefalterhofstraße 2 mit dem außergewöhnlichen Wandbild von Fritz Hummel für immer aus dem Stadtbild verschwunden.

Zwiefalterhofstraße 2 mit Fresken von Fritz Hummel 1897, Foto um 1905 ©Stadtarchiv Reutlingen (Inv.-Nr. S 105/ 1 Nr. 160.30)

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