Ein Gemälde als erschütternde Erinnerung
Am 8. Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa zum 80. Mal. Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und damit des Deutschen Reichs ging an diesem Tag ein sechs Jahre dauernder Krieg zu Ende, der nicht nur mehr als 60 Millionen Menschen den Tod brachte, sondern auch tiefgreifendes Leid und Traumata bei den Überlebenden hinterließ. Das Schicksal der Menschen auf der ganzen Welt hatte sich verändert, deshalb kam diesem Kriegsende im kollektiven Gedächtnis schon früh eine besondere symbolische Bedeutung zu. An die historischen Spuren, welche die Zeit des Kriegs in der Stadt Reutlingen hinterließ, erinnert eindrücklich ein Gemälde des Reutlinger Künstlers Otto Kleindienst.
Das Gemälde
Das Bild zeigt eine gemalte Momentaufnahme eines Bombenabwurfs auf Reutlingen, aus der subjektiven Wahrnehmung und Erinnerung des Malers Otto Kleindienst. Erst 40 Jahre nach dem tatsächlichen Ereignis hielt Kleindienst dieses Ereignis in den 1980er Jahren auf einer Leinwand fest.
Auf dem Bild mit dem perspektivischen Blick Richtung Innenstadt sind zwei Bombeneinschläge im Gebiet hinter dem Reutlinger Bahnhof zu sehen. Die Explosion in der rechten Bildhälfte bricht die am Boden verlaufenden Bahngleise auf und lässt diese in die Höhe ragen. Die andere Explosion in der linken Bildhälfte – halb verdeckt durch einen Bauwagen – lässt Hochspannmasten aus Stahl umstürzen. Der Vordergrund des Bildes erscheint schemenhaft verschwommen, wobei im Hintergrund nicht nur einzelne Gebäude, sondern auch die Turmspitze der Marienkirche, ein weiterer Kirchturm (vermutlich der St. Wolfgang Kirche) und am linken Bildrand die Achalm deutlich erkennbar zu sehen sind. Den gesamten Himmel über dieser Szenerie nimmt eine Flotte aus dunklen Flugzeugen ein, die im Moment des Abwurfs über Reutlingen fliegt.
Der Künstler
Das eindrückliche Gemälde stammt vom Reutlinger Künstler Otto Kleindienst (1929-2007), dessen Ehefrau Christa dieses Werk im April 2024 den Historischen Museen Reutlingen schenkte. Kleindienst begann sein künstlerisches Werk durch Selbststudium aus Büchern, nahm in den 1960er Jahren Zeichenstunden bei Heinrich Pfingsten und studierte ab 1968 an der Famous Artist School. Er ist für seine zahlreichen Kohlezeichnungen und Gemälde, die in Reutlinger Institutionen wie dem Spendhaus ausgestellt wurden, bekannt.
Als 16jähriger Lehrling erlebte Otto Kleindienst die Bombardierung der Stadt Reutlingen in seinem Lehrbetrieb der Gärtnerei Henne, die sich heute in der Burkhardt+Weber-Straße direkt gegenüber der Unterführung zum Bahnhof befindet. Die Gärtnerei wird heute in vierter Generation an gleicher Stelle als Familienbetrieb geführt.
Als während des Zweiten Weltkrieges Bomben über Reutlingen abgeworfen wurden, trafen einige auch den Bereich hinter dem Bahnhof. Im Angesicht der nahenden Flugzeuge suchten Kleindienst und seine Kollegen Schutz. Kleindienst schaffte es, sich in einem Gebäude in Sicherheit zu bringen. Einige Kollegen, die auf dem Friedhof „Unter den Linden“ Schutz gesucht hatten, kamen bei der Bombardierung ums Leben. Dieses erschütternde Erlebnis hielt Kleindienst wie in einem Schnappschuss in diesem Gemälde fest.
Die Bombardierung Reutlingens
Reutlingen blieb in den ersten Jahren des Krieges weitgehend von Bombenalarmen verschont, aber die Belastungen steigerten sich von Jahr zu Jahr. Insbesondere im letzten Kriegsjahr 1944 wurden die Alarme häufiger und die Wahrscheinlichkeit für eine Bombardierung Reutlingens größer. In den ersten Monaten des Jahres 1945 trafen die Stadt dann gleich drei große Bombenangriffe: am 15. Januar, 22. Februar und am 1. März.
Der dritte Bombenangriff auf Reutlingen im März 1945 forderte insgesamt 117 Menschenleben. Da sich das Bombardement besonders auf das Gebiet rund um den Bahnhof, die Oststadt und Teile der Altstadt konzentrierte, ist davon auszugehen, dass Kleindienst durch eben dieses Bombardement persönlich betroffen war.
Resümee
Das Kriegsendes vor 80 Jahren wurde je nach Betrachter ganz unterschiedlich erlebt: War das Kriegsende Untergang oder Befreiung, Katastrophe oder „Stunde Null“? Es war eine komplexe und verwirrende Situation für die Menschen, mit Gefühlen der Angst vor der Rache durch die Alliierten und gleichzeitig eine allgemeine Erleichterung über das Ende des Krieges. Kriegstraumata erfassten und verfolgten Menschen über Generationen auf der ganzen Welt; auch in Deutschland, dem Land der Täter.
Ein Gemälde eines Reutlingers als Mahnung und Erinnerung an den Zweiten Weltkrieges im 20. Jahrhundert, das aus der gegenwärtigen Perspektive – einem neuen Krieg im Europa des 21. Jahrhunderts – erschreckend aktuell wirkt.