75 Jahre Wiederanbringung des Turmengels
Im Sommer 1950 war er nach sieben Jahren zurück auf seinem Platz: der goldenen Turmengel der Marienkirche. Den Juni über stehen anlässlich dieses Ereignisses vier Fotos aus der Museumssammlung im Mittelpunkt, die den Sturz und die Wiederanbringung in schwindelerregender Höhe dokumentieren.
Der Sturz
Kurz vor seinem 600. Jubiläum ereignete sich die Katastrophe, die den Engel zu Fall brachte. Am 28. Mai 1943 erschütterte ein starkes Erdbeben die Region, dessen Epizentrum bei Albstadt lag. In Folge dieses Bebens brachen die beiden Kreuzblumen der Turmspitze ab, auf denen der Engel thronte. Bei seinem profanen Abgang durchbrach er das Dach der Marienkirche und schlug im nördlichen Seitenschiff auf. Dabei zog sich die aus feuervergoldeten Kupferblechen gefertigte Plastik einige Blessuren zu: An Oberkörper, Rock, Armen und Händen waren die Bleche stark zerdellt und die Flügel verbogen. Der Engel bringt zwar vergleichsweise wenig auf die Waage, doch machte ihn der Sturz aus dieser Höhe zu einem gefährlichen Geschoss. Eine Zeichnung hält den Moment kurz vor dem Aufschlag fest: Der Engel stürzt kopfüber herab. Vier Passantinnen und Passanten, die vor der Kirche unterwegs waren, hechten erschreckt zur Seite und blicken nach oben, um nicht von der goldenen Bekrönung der Kirche getroffen zu werden. Das Erdbeben und seine Folgen sorgten damals für Wirbel in den lokalen Zeitungen.
Bewegtes Leben
Der Turmengel thront seit seiner Anbringung – mit wenigen Ausnahmen – fast durchgängig auf dem Westturm der Marienkirche. Die Anbringung stellte den Schlusspunkt der Bautätigkeiten an der gotischen Kathedrale dar, die der Legende nach im Anschluss an die überstandene Belagerung durch Heinrich Raspe IV. im Jahr 1247 begannen. Der Chronist Hugo von Reutlingen hielt in seiner Chronik aus den Jahren 1347 bis 1349 fest: „Ebenfalls im gleichen Jahr [1247] wurde die Stadt Reutlingen am Pfingstfest belagert. Deshalb gelobten ihre Bürger der seligen Jungfrau, ihr innerhalb der Stadtmauern eine prachtvolle Kathedrale zu errichten, wenn sie eingreife und die Bürger von den Feinden befreit würden. Die selige Jungfrau erhörte ihre Bitten und schlug die Feinde in die Flucht. Die Bürger schickten daher sofort nach einem Baumeister für die Kapelle, um mit dem lobenswerten Werk beginnen zu können. Die oberste Spitze der Kapelle wurde nach 95-jähriger Bauzeit im Jahre des Herren 1343 am Tage des Hl. Oswald [5. August] vollendet und ein vergoldeter Engel oben aufgesetzt.“ Auf der Turmspitze überstand der Engel einige Widrigkeiten und trotzte Wind und Wetter. Über die Jahrhunderte, die er über der Stadt Reutlingen verbrachte, musste er jedoch aufgrund größerer Beschädigungen mindestens dreimal vom Turm genommen werden. Dokumentiert ist beispielsweise ein Blitzeinschlag 1494. Aus dem Jahr des großen Stadtbrands 1726 ist ebenfalls eine Überarbeitung bekannt. Kleinere Instandhaltungsmaßnahmen wie etwa ölen, feilen oder kitten erledigten lokale Handwerker, Dachdecker und Maurer – oftmals vor den Augen der Reutlinger Bevölkerung, die großes Interesse am goldenen Engel hegte.
Zurück auf der Spitze
Nach seinem Sturz 1943 sollte es einige Jahre dauern, bis der Engel wieder an seinem Platz auf dem Westturm der Marienkirche über Reutlingen wachen sollte. Direkt im Anschluss an das schwere Erdbeben gab es keine Mittel zur Ertüchtigung der Kirche. Der Zweite Weltkrieg war in vollem Gange, ein Ende noch nicht absehbar. Auch die anderen Schäden an der Marienkirche, darunter die beiden abgebrochenen Kreuzblumen des Westturms, konnten zunächst nicht repariert werden. Nach Kriegsende wurden Pläne für das die Kirchturmspitze umgebende Gerüst gefertigt und die Vergabe des Restaurierungsvorhabens mit Bauherren, Künstlern und Handwerkern besprochen. 1949 konnte mit den ersten Arbeiten begonnen werden. Schlossermeister Franz Assfalg aus Ehingen an der Donau stellte den Engel im Folgejahr fertig. Auch die Kreuzblumen wurden wiederhergestellt. Am 18. Juli 1950 war es dann soweit: Mit Seilen zog man den Engel den Westturm hinauf bis zur Glockenstube. Von da an ging es durch das den Turmhelm umgebende Gerüst bis zur obersten Plattform. Dort packte auch Oberbürgermeister Oskar Kalbfell mit an und half bei der Platzierung des Engels auf seinem neuen Gewinde. Damit war der Turmengel zurück an seinem Platz und bereit, die nächsten Jahrhunderte über die Achalmstadt zu wachen. Bereits 59 Jahre später – 2009 – wurde der Engel kurzzeitig abgenommen, um die Vergoldung zu erneuern. Während dieser Zeit stattete er dem Heimatmuseum einen Besuch ab und war in der Ausstellung „Figuren des Heils“ zu sehen.
Weiterführende Literatur:
- Heimatmuseum Reutlingen (Hrsg.): Figuren des Heils. Gotische Kunst aus Reutlingen, Reutlingen 2009, S. 22-27.