„… ein Kabinettstück sein“

Ein Kabinettschränkchen aus dem 17. Jahrhundert

Kabinettschrank aus Holz mit geöffneten Flügeltüren und Schubladen

In diesem Monat steht ein Objekt aus unserer Sammlung im Mittelpunkt, das wunderbar in die aktuelle Ausstellung „Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt! Die lustigen Geschichten hinter den Redensarten“ gepasst hätte: Ein Kabinettschränkchen aus dem 17. Jahrhundert. Denn die Redensart „… ein Kabinettstück sein“ bezieht sich genau auf solche Schränkchen. Seit dem ausgehenden Mittelalter sammelten Könige, Fürsten und Herzöge in sogenannten Wunderkammern exotische Objekte, technische Neuheiten oder Kurioses aus aller Welt: Juwelen und Perlen, Steine und Muscheln oder Uhren und Instrumente. Auch sollte die Vielfalt der Welt im Kleinen wie in einem Lexikon gezeigt werden. In der Barockzeit traten die adligen Sammler untereinander oft in einen Wettstreit um die exotischsten oder teuersten Objekte. Aber nicht nur Adelige, auch reiche Bürger oder kirchliche Würdenträger trugen bedeutende Sammlungen zusammen.

Die Raritäten in diesen Wunderkammern oder Kabinetten waren lange Zeit nur ausgewählten Gästen zugänglich und wurden in speziellen Schränken aufbewahrt. Das Öffnen der sogenannten Kabinettschränke und Zeigen der seltenen oder rätselhaften Objekte rief beim Publikum Staunen hervor und regte zu Gesprächen an. Dabei unterstrichen die wertvollen Möbel, in denen die Sammlungen ausgestellt wurden, das Prestige und den Reichtum ihrer Besitzer. Die Kabinettschränke sind oft prächtig geschmückt mit Schnitzereien, Intarsien, Miniaturen, Beschlägen oder Mosaiken und enthalten im Inneren viele unterschiedlich große Schubkästen. Viele Kabinettschränke haben ähnlich wie Sekretäre eine herausziehbare Schreibplatte, um beispielsweise Sammlungsstück ablegen zu können. In den Sammlungen des Landesmuseums Württemberg, des Badischen Landesmuseums oder der Stiftung preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg finden sich solche reichverzierten Schränke mit Einlagen aus Schildpatt, Elfenbein oder Edelsteinen.

Unser Schränkchen ist nicht ganz so prächtig wie diese Exemplare. Es hat keine filigranen Intarsienarbeiten oder Schnitzereien. Einzig die Tür- und Schlossbeschläge sind fein ziseliert. Die Flammleisten – das sind die Zierleisten oben und unten und rund um die Schubladenaußenseiten mit flammenähnlichem Dekor – erinnern an die Egener Kabinette. Im Egerland entwickelte sich um 1600 das Kunsthandwerk der Reliefarbeiten und Holzintarsien zu einer Blüte, die viele andere Kunsthandwerker im 17. Jahrhundert beeinflusste. Der Kabinettschrank hat unten zwei größere Schubladen, darüber ein verschließbares Fach mit zwei kleinen Schubladen im Inneren und rund um diese Fach neun weitere Schubladen. Sie alle sind aus unbehandeltem Holz geschreinert, nur die Vorderseite ist geglättet und behandelt. Auch die Hölzer im Inneren und an der Rückseite sind roh belassen. Die stabilen Tragegriffe links und rechts deuten auf die Verwendung als transportables Kabinett hin. Allerdings sitzen die Tragegriffe nicht mehr fest und auch die Türen sind stark verzogen. Die Herkunft des Schränkchens ist leider nicht überliefert. Der Eintrag im Inventarbuch zeigt nur, dass es sich bereits 1937 in der Sammlung befand. Es finden sich leider auch keine Meisterzeichen oder Hinweise auf den Besitzer auf dem Schränkchen.

Aus den Sammlungen der Wunderkammern und Naturalienkabinetten entstanden die Museen. Zwei Beispiele hierfür sind das sogenannte Amerbach-Kabinett, das die Stadt Basel 1661 von der Drucker- und Juristen-Familie Amerbach erwarb und ab 1671 der Öffentlichkeit zugänglich machte oder die Sammlung der französischen Könige im Louvre, die nach der Französischen Revolution 1793 zum ersten Mal für die Allgemeinheit zugänglich war. Im 19. Jahrhundert wurden viele Museen von bürgerlichen Kreisen gegründet. Oft bildeten sich Vereine, die sich speziell um die Erhaltung von „Altertümern“ aus der Stadt oder der Region kümmerten. So auch in Reutlingen. 1879 entstand der „Verein für Kunst und Altertum“, der Vorläufer des heutigen Reutlinger Geschichtsvereins. Die erste „Sammlung städtischer Altertümer", die der Verein zusammengetragen hatte, wurde 1889 öffentlich ausgestellt.

Diese Ausstellung bildet den Grundstock der heutigen Museumssammlung. Sie wurde nach und nach ergänzt und zunächst in der Realschule, später im Spendhaus dauerhaft ausgestellt. Der Wunsch nach einem eigenen „Heimatmuseum“ kam in den 1920er Jahren auf. 1936 beschloss die Stadtverwaltung, im ehemaligen Oberamt beziehungsweise dem ehemaligen Königsbronner Klosterhof ein Museum einzurichten. Die feierliche Eröffnung des Heimatmuseums erfolgte im Juli 1939. Nach der kriegsbedingten Schließung während des Zweiten Weltkrieges wurde es im April 1949 wieder geöffnet. 1996 öffnete das Heimatmuseum in seiner heutigen Form seine Türen – nach einer grundlegenden Umgestaltung und Sanierung des Haues. Heute zeigt das Museum seine Objekte in Glasvitrinen oder offen stehend im Raum und nicht mehr in Kabinettschränken. Die früheren Aufbewahrungs-, Transport- und Ausstellungsmöbel der Wunderkammern und Kabinette sind selbst zu musealen Objekten geworden.

Literatur

Landesmuseum Württemberg (Hg.): Wahre Schätze: Kunstkammer, Stuttgart und Ulm 2016.

www.reutlingen.de/de/Kultur/Museen-Galerien/uebr-uns/Sammlung (Stand 25.07.2025).

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