Ein Gemälde mit der Ansicht Oferdingens von 1962
Regelmäßig kommen Neuzugänge in die Sammlung der Historischen Museen Reutlingen und erweitern mit ihren Herstellungskontexten und Geschichten unser Wissen zur Stadtgeschichte – oder bilden es ab. So auch ein Gemälde, das den Blick auf den 1971 eingemeindeten Reutlinger Stadtteil Oferdingen zeigt. Was es damit auf sich hat, ist Thema des Ein.Blicks im September.
Erstmal ankommen
Die Museumssammlung wächst auf unterschiedliche Arten und Weisen. Ein großer Teil der Objekte kommt in Form von Schenkungen von Privatpersonen an das Museum. Dabei sollte ein wesentliches Merkmal des Gegenstandes seine Beziehung zur Stadt Reutlingen und seiner Geschichte sein. Um vorzubeugen, dass die Museumssammlung ins unermessliche wächst, gibt es ein schriftlich festgehaltenes Sammlungskonzept. Darin ist aufgeführt, welche Gegenstände das Museum sammelt und welche Sammlungen bereits abgeschlossen sind. So lässt sich schnell abwägen, ob ein Gegenstand „sammlungswürdig“, d.h. ein Kandidat für die Museumssammlung ist. Unter den aktuellsten Neuzugängen befindet sich diese Ansicht von Oferdingen, gemalt von Kurt Franke. Da sich bisher wenig Vergleichbares in der Sammlung befand, war die Freude darüber umso größer.
Das Bildmotiv
Das Gemälde zeigt Oferdingen von einem erhöhten Standpunkt in Reicheneck aus gesehen. Das Dorf mit dem charakteristischen Kirchturm der evangelischen Clemenskirche liegt eingebettet in eine Wald- und Wiesenlandschaft mittig im Bild. Im Vordergrund ist links unten ein Weg durch den Wald zu erkennen, der in die Bildtiefe und nach Oferdingen führt. Am rechten Bildrand ist der Neckar angedeutet. Im Hintergrund sind bewaldete Hügel zu erkennen. Die Horizontlinie liegt leicht oberhalb der Bildmitte. Darüber erstreckt sich ein bewölkter Himmel. Was beim Erhalt des Gemäldes auffiel, war die abgeplatzte Farbschicht (siehe Foto). Dieser unschöne Mangel bedurfte einer sachgerechten Restaurierung, die vor der Präsentation stattfand – und ein spannendes Detail des Gemäldes offenbarte.
Zurück zur Pracht
Wie sich herausstellte, ist die Ansicht Oferdingens schon das zweite Bild, das auf diese Leinwand gebannt wurde. Zuvor gab es bereits eine größere Darstellung, die zugeschnitten, neu grundiert und darauf mit dieser Ansicht übermalt wurde. Teile einer Flusslandschaft mit Schilf sind an der Leinwandkante zu erkennen, die jetzt durch den Rahmen verdeckt ist. Die zweite Farbschicht haftet allerdings nicht optimal auf der ersten, wodurch sie sich an einigen Stellen – vor allem im unteren, rechten Bereich des Bildes – ablöste. Es entstand eine sogenannte Schüsselbildung. Darunter versteht man die Verformung einzelner Bildschollen, also kleinen Einheiten der Farbschicht aufgrund von Spannungen im Bindemittel oder Klimaeinflüssen, etwa Schwankungen der Luftfeuchtigkeit. Die Schollen wölben sich an den Rändern nach oben und ähneln dadurch kleinen Schüsselchen. In diesem Zustand führte jede Bewegung des Bildes dazu, dass sich die Farbschicht weiter ablöste. Es bestand die Gefahr, dass sich noch mehr Bildschollen gänzlich von dem Bildträger ablösen und abfallen konnten.
Nach der Restaurierung erscheint die Ansicht Oferdingens wieder vollständig und ist bereit, der Öffentlichkeit präsentiert zu werden. Die Abhebungen der Malschicht wurden behutsam niedergelegt und mit einem geeigneten Klebstoff befestigt. Die Fehlstellen, also dort wo die Malschicht bereits verloren war, wurden mit Kitt gefüllt und dann farbig an die Umgebung so angepasst, dass die Darstellung der Landschaft und des Dorfes wieder komplett ist. Auch eine Oberflächenreinigung und die Planierung von Beulen gehörte mit zum Prozess. Zum Schluss erhielt das Gemälde auf der Rückseite einen Schutz aus langzeitstabiler Pappe, damit sich hinten kein Staub oder Spinnen einnisten können. Ein herzlicher Dank geht hierbei an die Landesstelle für Museen Baden-Württemberg, welche die Restaurierung durch Gelder förderte.
Zum Glück bedarf nicht jedes Objekt in der Museumssammlung einer aufwändigen Restaurierung. Allerdings gilt: Was sich im Besitz des Museums befindet, muss auch gepflegt und für die Nachwelt bewahrt werden. Ertüchtigende Maßnahmen sind daher sehr wichtig und gewährleisten, dass auch die künftigen Generationen von der breit aufgestellten Sammlung der Historischen Museen und deren Aussagewerten profitieren. So ist sichergestellt, dass in Zukunft Ausstellungen konzipiert und umgesetzt werden können, die Bezüge zu kommenden, gesellschaftlichen Fragen ermöglichen.