Zwischenbodenfunde erzählen Geschichte
Die historische Häuserzeile Oberamteistraße gilt als eines der ältesten Häuserensembles ganz Süddeutschlands und befindet sich mitten im Herzen Reutlingens. Dieser städtebauliche Schatz wird in den kommenden Jahren saniert und soll danach als Museum öffentlich zugänglich sein. Bei den Sanierungsarbeiten spielt die historische Bauforschung eine wichtige Rolle. Sie untersucht sowohl die Entstehungsgeschichte, die frühere Bauweise als auch Veränderungen in der Nutzung der historischen Gebäude.
Um ein Gebäude möglichst präzise zu erfassen nutzt die Bauforschung unterschiedliche Methoden: eine detaillierte Vermessung (analog und digital), die Baualtersanalyse durch Schichtuntersuchungen der Oberflächen, sowie naturwissenschaftliche Analyseverfahren, wie die Dendrochronologie zur Altersbestimmung des Baumaterials Holz. Darüber hinaus spielt die Untersuchung von Zwischenbodenfunden als Bestandteil der archäologischen Denkmalforschung eine wichtige Rolle. Sie liefern eine Reihe von Erkenntnissen zur historischen Funktion und Nutzung von Räumen und erlauben es zudem, unterschiedliche Ausbauphasen in Räumen näher zu datieren.
Der Fundort
Die historische Häuserzeile in der Oberamteistraße entpuppt sich in diesem Zusammenhang als eine komplexe sowie überaus reichhaltige Fundgrube. Da in einer Zeitspanne von mehr als 700 Jahren viele Umbauten, Anbauten, Sanierungs- und Reparaturarbeiten in den Häusern stattfanden, hat sich dort einiges aus dem früheren Alltagsleben der Bewohner/innen angesammelt und ist erhalten geblieben. In über 40 Räumen wurden bisher in Zwischenböden, Decken und Wänden eine Vielzahl meinst kleinteiliger und fragmentierter Objekte geborgen, die aus der Neuzeit, aber teils auch aus dem Mittelalter stammen. Dabei handelt es sich um uneinheitliches, teils überraschendes Fundmaterial aus Textil, Holz, Metall, Leder und Plastik. Sogar Knochen und ganze Tierskelette wurden entdeckt. Die materielle Vielfalt der Gegenstände soll nachfolgend durch eine kleine Auswahl verdeutlicht werden.
Die Funde
In den Böden befanden sich allerlei versteckte Schätze. Eine genaue Datierung wann und wie diese Gegenstände in den Boden eingebracht wurden oder einen genauen Zusammenhang zu einem Bewohner des Hauses ist schwer herzustellen. Das Lesen von Details, wie dem Veröffentlichungsdatum eines Prospekts des Versandhaus GEG (Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Konsumvereine) von 1968 (Nr. 42) gibt aber einen entscheidenden Hinweis für die Bauforschung, dass der Fußboden, in dem dieser Katalogauszug gefunden wurde, erst nach 1968 erneuert worden sein kann. Die große Anzahl an Tierknochen geben einen Hinweis auf frühere Essgewohnheiten. Unterschiedliche Kunststoffknöpfe und eine Fadenspindel weisen darauf hin, dass die früheren Bewohnerinnen - es ist anzunehmen vornehmlich Frauen - Reparaturarbeiten an Kleidungsstücken auch im 20. Jahrhundert in Heimarbeit durchgeführt haben.
Dass diese Häuser auch von Kindern bewohnt und bespielt wurden, belegen rotbraune Bauklötze aus Stein. Diese Art der Steinbauklötze wurde Ende des 19. Jahrhunderts hergestellt. Es könnte sich hier um Bauklötze der Firma Adolf Richter handeln, die diese als „Anker Steinbaukasten“ bis heute produziert.
Wo genau das alte Vorhängeschloss aus Metall wohl hing und welche Räume es schützen sollte, bleibt im Dunkeln der Geschichte verborgen. Da sich am Fundort zeitweise ein Abstellraum befand, wurde es wohl hier verwendet. Die Notwendigkeit bestimmte Bereiche eines Hauses abzugrenzen und vor unerwünschtem Betreten zu schützen, ist ein uraltes menschliches Bedürfnis zum Schutz der Privatsphäre und des persönlichen Besitzes.
Resümee
Jedes Objekt ist wie ein kleines Puzzlestück, welches die jahrhundertelange Geschichte der Häuserzeile und ihrer Bewohner/innen deutlicher erkennen lässt. Die Untersuchung der Bodenfunde durch die historische Bauforschung weitet den Blick von den konstruktiven Ebenen eines historischen Bauwerks hin zu den Menschen, die einst hier lebten. Die versteckten Alltagsgegenstände geben uns heute einen Einblick in das Leben der Menschen in der Vergangenheit.