Ein Poesiealbum als Geschenk
Ganz vorne steht in diesem Poesiealbum handschriftlich „Weihnachten 1925“ – die Besitzerin Else Gürr scheint es an Weihnachten 1925 als Geschenk erhalten zu haben. Das Album hat einen weinroten Einband aus Kunstleder. Auf dem Buchdeckel befinden sich goldfarbene Ornamente und die diagonal angebrachte Aufschrift "Poesie". Es enthält 44 Scherenschnitte, die auf die linke Seite einer Doppelseite geklebt sind. Auf den rechten Seiten haben sich 35 Personen verewigt. Die Eintragungen sind meist mit Datum versehen und stammen von Januar 1925 bis Juli 1928, wobei alle Einträge bis auf drei 1925 entstanden sind. Insofern ist der Eintrag „Weihnachten 1925“ anzuzweifeln – vermutlich muss es „Weihnachten 1924“ heißen. Soweit die Personen angegeben haben, in welcher Beziehung sie zu Else Gürr standen, enthält das Album keine Überraschungen: Wir finden ihre Mutter, ihre Großmütter, zwei Schwestern, zwei Cousinen, viele Freundinnen, Mitschülerinnen und drei Lehrerinnen. Es gibt nur einen Eintrag von einem Mann – ein Lehrer. Für „Vater“ und „Bruder“ sind Seiten freigehalten, diese haben sie aber nie gefüllt. Die Handschriften wirken nicht mehr allzu kindlich, Else Gürr war Mitte der 1920er Jahre wohl im Jugendalter.
Die Verse im Album lassen sich in vier Kategorien einsortieren: Wünsche für ein unbeschwertes Leben, die Versicherung ewigen Andenkens, religiöse Sprüche und Verse zu ethisch-moralischen Grundwerten. Beispiele gefällig? Großmutter Maria schrieb „Unter Rosen u. Margeriten / blühe sanft dein Leben hin / Unschuld sei dein Ruhekissen / Tugend deine Führerin“, Mitschülerin Elisabeth wünscht „Rosen, Tulpen, Nelken / alle Blumen welken / aber wie das Immergrün / so soll unsre Freundschaft blühn.“, Mitschülerin Ella rät „Trübt sich dein Lebenslauf / Blicke zum Vater auf / Menschen lass Menschen sein / Helfen kann Gott allein“ und Mitschülerin Erna meint „Ernst bei der Arbeit / Heiter beim Spiel / Immer frisch vorwärts / so kommst du zum Ziel“.
Drei Sprüche wurden je zweimal in das Album geschrieben, darunter der Vers „Drei Engel sollen dich begleiten / auf deiner ganzen Lebenszeit / und die drei Engel die ich meine / sind Liebe, Fried und Ewigkeit“. Dieser findet sich wahrscheinlich in jedem Album bis zur Ablösung der Poesiealben durch die heutigen Freundebücher in den 1990er/2000er Jahren.
Sowohl den Freundebüchern als auch den Poesiealben liegt der Wunsch zu Grunde, Erinnerung zu konservieren. Entwickelt haben sie sich aus einem Brauch, der im 17. Jahrhundert immer populärer wurde: den Stand- oder Stammbüchern. Man sammelte Papierbögen von Freunden oder als wichtig erachteten Personen mit deren Wappen, Sinnsprüchen oder Widmungen und legte sie in ein Kästchen. Sie wurden Besuchern gerne gezeigt, so dass der Glanz der ehrenwerten Personen und ihre Gelehrsamkeit auch auf den Besitzer abstrahlte. Im 18. Jahrhundert übernahmen Studenten und das aufkommende Bürgertum den adeligen Brauch des Stammbuches. Das Bürgertum wollte sich aber vom Adel abgrenzen, so dass „bürgerliche Tugenden“ wie Fleiß, Ordnungsliebe und Sittsamkeit in den Versen neben religiösen Texten nun die Hauptrolle spielten. Mitte des 19. Jahrhunderts legten vor allem junge Frauen aus dem gehobenen Bürgertum solche Sammlungen an und griffen immer öfter auf gebundene Alben zurück, so dass das Poesiealbum das Stammbuchkästchen endgültig ablöste. Nun wurden die Seiten immer öfter mit industriell hergestellten Oblatenbildern oder Scherenschnitten verziert, die meist keinen inhaltlichen Bezug zum Text hatten. So ist es auch hier: Die Scherenschnitte zeigen weihnachtliche oder österliche Szenen, tanzende Kinder oder Märchenfiguren.
Anfang des 20. Jahrhunderts legten auch junge Frauen anderer Gesellschaftsschichten Poesiealben an. Die Inhalte blieben ähnlich, aber die Ausführung der Bände war weniger aufwändig und damit günstiger. Es zementiert sich ein Fundus an Gedichten, Sinnsprüchen und Zitaten, die sich in jedem Album finden. Unterstützt wurde dieser Trend durch die Herausgabe von Büchern Anfang des 20. Jahrhunderts wie dem „Neuer praktischer Briefsteller für Damen“ aus dem Ensslin-und Laibin-Verlag, das im Anhang auch „Stammbuchverse“ aufführt.
Bis in die 1960er Jahre bildeten Zitate, religiöse Verse sowie gute Wünsche die große Mehrheit der Eintragungen. Ab den 1970er Jahren treten vermehrt lustige Sprüche wie „Lebe glücklich, lebe froh, wie die Maus im Haberstroh“ in Erscheinung. Ein Poesiealbum wird nun immer mehr zu einer Sache der Grundschüler. Von daher ist die Entwicklung zu den heutigen Freundebüchern logisch. Die vorgedruckten Felder können auch Kinder ausfüllen, die noch nicht gut schreiben können. Allerdings erinnern sich die vielen Besitzerinnen und Besitzer solcher Freundebücher im Erwachsenenalter meist nicht mehr an jede Person in ihrem Album.
Else Gürr heiratete Eugen Kienzle und betrieb mit ihm jahrzehntelang das Schuhhaus Kienzle bei der Hauptpost bzw. in der Bahnhofstraße. Wir wissen nicht, ob sie sich als Erwachsene noch an jede Mitschülerin in ihrem Album erinnern konnte – aber an die Schulzeit Mitte der 1920er Jahre hat sie sich sicher auch mit Hilfe ihres Albums erinnert.
Literatur:
Heimatmuseum Reutlingen (Hg.): Ins Album schreib ich gern hinein. Reutlinger Poesiealben im Wandel der Zeit, Ausstellungskatalog, Reutlingen 1998