Bilder, die bleiben

Alice Haarburgers Kunst und unsere Verantwortung

Alice Haarburger, Stillleben Spielzeug

Das Spielzeug-Stillleben entfaltet auf den ersten Blick eine ruhige, beinahe heitere Szene. Puppen, Figuren, Bücher und dekorative Elemente sind dicht nebeneinandergestellt, als gehörten sie selbstverständlich zusammen. Die Objekte wirken belebt, ohne in Bewegung zu geraten – als hielten sie für einen Moment inne. Farben und Formen sind sorgfältig aufeinander abgestimmt, nichts dominiert, nichts drängt sich vor. Ein angedeutetes Spiegelbild im Hintergrund öffnet den Raum über das Sichtbare hinaus. Das Bild zeigt keinen erzählerischen Höhepunkt, sondern einen konzentrierten Ausschnitt aus einer vertrauten Welt, in der Spiel, Ordnung und Fantasie nebeneinander bestehen.

Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Gemälde seine besondere Spannung. Es lädt nicht zum schnellen Erfassen ein, sondern zum Verweilen. Was dargestellt ist, scheint geschützt und zugleich fragil – ein Eindruck, der sich im Wissen um das Schicksal der Künstlerin unweigerlich vertieft.

Das Gemälde gelangte 2024 aus privatem Besitz in den Blick der Historischen Museen Reutlingen. Es stammt aus einer Sammlung, die über Jahrzehnte hinweg aufgebaut wurde und deren Entstehung sich durch begleitende Dokumente, Fotografien und Korrespondenzen teilweise nachvollziehen lässt. Diese Unterlagen erlauben eine Annäherung an die Herkunft des Werkes, auch wenn lückenlose Belege – wie bei vielen Werken aus jüdischem Besitz – nicht mehr existieren.

Für das Museum ist der Erwerb Teil einer bewussten Sammlungspolitik. Bereits seit den 1990er Jahren befindet sich ein Werk von Alice Haarburger im Bestand. Mit dem Spielzeug-Stillleben wird ihr Werk nun um eine weitere Facette ergänzt. Zugleich ist der Ankauf Ausdruck der Verantwortung, Kunstwerke von verfolgten Künstlerinnen nicht dem Zufall des Marktes oder dem Vergessen zu überlassen, sondern sie dauerhaft zugänglich zu machen.

Stillleben bilden einen Schwerpunkt im Werk Alice Haarburgers. Innerhalb dieses Genres nehmen ihre Spielzeugdarstellungen eine besondere Stellung ein. Puppen, Tiere und Figuren erscheinen bei ihr nicht als bloße Gegenstände, sondern als eigenständige Wesen mit Charakter. Sie wirken schelmisch, aufmerksam, gelegentlich leicht widerspenstig – als führten sie ein Eigenleben jenseits des Blicks der Betrachtenden.

Diese Bilder entstanden häufig im familiären Umfeld und verbinden Nähe mit künstlerischer Präzision. Auch in ihren Landschaften, Porträts und Stadtansichten zeigt sich Haarburgers Fähigkeit, Alltägliches mit stiller Intensität aufzuladen. Stilistisch bewegt sie sich zwischen Realismus und impressionistischer Auflösung, mit einer bewusst gedämpften, aber differenzierten Farbigkeit. Das Spielzeug-Stillleben steht exemplarisch für diese Haltung: unaufdringlich, konzentriert, spielerisch und zugleich ernst.

Alice Haarburger wurde am 16.11.1891 in Reutlingen geboren und wuchs in einer jüdischen Unternehmerfamilie auf, die fest im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben der Stadt verankert war. Die Familie gehörte zur städtischen Oberschicht; Bildung, kulturelles Interesse und gesellschaftliche Verantwortung prägten das Umfeld, in dem sie aufwuchs. Der spätere Umzug nach Stuttgart eröffnete ihr größere Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten.

Als Künstlerin schlug Haarburger einen Weg ein, der für Frauen ihrer Generation keineswegs selbstverständlich war. Sie ließ sich ausbilden, stellte aus, engagierte sich in Künstlerinnenvereinigungen und war Teil eines lebendigen kulturellen Netzwerks. Ihr Werk zeugt von Selbstbewusstsein und von dem Anspruch, als Künstlerin ernst genommen zu werden.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme änderten sich ihre Lebensbedingungen schrittweise, dann mit zunehmender Härte. Zunächst wurden Handlungsspielräume enger, Ausstellungs- und Arbeitsmöglichkeiten eingeschränkt. Die familiäre Sicherheit, die lange als Schutz wahrgenommen worden war, erwies sich als trügerisch. Eigentum ging verloren, Wohnverhältnisse wurden beengt, soziale Bindungen brachen ab. Schließlich blieb nur noch der vollständige Ausschluss aus einer Gesellschaft, die einst Heimat gewesen war.

Alice Haarburger wurde deportiert und am 26.3.1942 im KZ bei Riga ermordet. Ihr Tod steht exemplarisch für das Schicksal vieler jüdischer Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland – auch aus Städten wie Reutlingen, deren kulturelles Leben durch den Nationalsozialismus beendet wurde. Ihr Werk blieb fragmentarisch zurück, als Zeugnis eines Lebens, das nicht weitergehen durfte.

Die Kunst von im Holocaust ermordeten Künstlerinnen und Künstlern verpflichtet uns in besonderer Weise. Ihre Werke sind nicht nur ästhetische Objekte, sondern Träger von Geschichte. Sie erinnern an Menschen, deren Leben ausgelöscht wurde, und an Möglichkeiten, die verloren gingen. Ein Spielzeug-Stillleben wie dieses mag auf den ersten Blick leicht wirken. Doch gerade diese Leichtigkeit macht den Verlust umso spürbarer. Museen übernehmen Verantwortung, indem sie solche Werke bewahren, erforschen und zeigen. Diese Verantwortung setzt sich im Sehen fort. Die Bilder bleiben – und mit ihnen die Aufgabe, die Geschichte mitzudenken.

                                                     

Mehr über das Leben und den Tod von Alice Haarburger erfahren Sie in unserem Ein.Blick vom November 2024 "Von Farben und Finsternis".

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