150 Jahre Abitur am „Kepi“
In diesem Jahr feiert das Johannes-Kepler-Gymnasium an der Rennwiese sein 150. Jubiläum. Der Ankerpunkt dieses freudigen Ereignisses sind die ersten von den Schülern absolvierten „Reifeprüfungen“ an der damaligen Oberrealschule Reutlingen im Jahr 1876. Damit erhielt die Schule den Status einer sogenannten Vollanstalt, deren Abschluss zum Besuch des Polytechnikums bzw. der Technischen Hochschule in Stuttgart berechtigte. Die Reutlinger Schule war seinerzeit eine von lediglich drei Anstalten in Württemberg, die diese Zugangsberechtigung vergeben durften.
Bereits das gefeierte 50. Jubiläum wurde (wie alle anderen großen Jahrestage auch) gebührend gefeiert. Am 27. März 1926, nachdem die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges und der Weimarer Krisenjahre nach und nach verblassten und die Zukunft wieder etwas rosiger erschien war es soweit.
Davon zeugen die in diesem Monat präsentierten Sammlungsobjekte: Zum einen handelt es sich um eine anlässlich des Jubiläums herausgegebene Festschrift, die nicht nur eine wichtige Quelle für die Geschichte der Schule im 19. und frühen 20. Jahrhundert ist, sondern auch einen Einblick in den damaligen Schulalltag und Unterrichtsstoffe gibt. Eine weitere Jubiläumsgabe ist eine Mappe mit 17 von den Schülern erstellten Holzschnitten und Lithographien, die allesamt Motive aus Reutlingen und Umgebung sowie dem Schulalltag zum Thema haben. Über den Ablauf der Feierlichkeiten informiert das erhalten gebliebene Programm für den im Lindachsaal abgehaltenen Festakt mit Rede- und Musikbeiträgen. Im Anschluss daran fand – nur 8 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg – eine Gedenkfeier für die gefallenen Schüler und Lehrer der Schule statt, bevor abends eine weitere Feierlichkeit folgte.
Die Schulgeschichte beginnt aber lange vor 1876 und ist beispielhaft für die Entwicklung der an den „Realienfächern“ ausgerichteten naturwissenschaftlichen Schulen. Ihre Schaffung war aufgrund der einsetzenden Industrialisierung des 19. Jahrhundert mit ihren neuen technischen Anforderungen und der gestiegenen Nachfrage nach Mitarbeitern in den entstehenden Fabriken mit mathematisch-naturwissenschaftlichen Kenntnissen notwendig geworden. Die bisher als „Lateinschule“ bezeichneten humanistischen Ausbildungsstätten hatten in ihrem Lehrplan dagegen zu wenig Spielraum für solche Fächer, qualifizierten sie ihre Schüler doch für das herkömmliche Universitätsstudium in den traditionellen Fächern.
In Reutlingen ist die Entstehung der neuen Schule dennoch eng mit dem damaligen „Lyzeum“ am Weibermarkt (dem heutigen Naturkundemuseum) verbunden, war sie doch räumlich und institutionell eng mit diesem verbunden. 1810 wurde sie als „Realklasse“ des Lyzeums gegründet, die aber nur wenige Jahre bis 1818 existierte. Zur damaligen Zeit lagen die Aufsicht und Gestaltung der Lehrpläne noch in der Hand der Stadt und waren daher je nach Ort sehr individuell. Erst seit 1830 machten sich Bemühungen zu einer Zentralisierung bemerkbar. Dass eine solche „Real“-Schule gerade in Reutlingen gegründet wurde, verwundert angesichts der hiesigen einsetzenden wirtschaftlichen Entwicklung nicht weiter. Seit Mitte der 1830er Jahre entwickelte sich die Schule nach und nach weiter. Es entstanden weitere Klassen, die auch für jüngere Schüler zugänglich waren, 1837 folgte eine „Oberrealklasse“ für ältere Jahrgänge, die im Spitalhof ihren Sitz fand. 1864 wurde dann die Qualität der Ausbildung dank der „Furchschen Reform“ durch den gleichnamigen Rektor deutlich verbessert. Jetzt stand eine naturwissenschaftliche Bildung im Vordergrund, da man in Reutlingen eine gleichwertige (Vor-)Ausbildung wie im Stuttgarter „Polytechnikum“ anbieten wollte und somit die Einrichtung einer VIII. Klasse erforderlich war. Damit war der Weg zu einer „allgemeinen Bildungsanstalt“ abgeschlossen., deren Ziel es war, für eine Ausbildung am Stuttgarter Polytechnikum zu qualifizieren.
Gleichzeitig ging die Zahl der Schüler, die hier wie in einer Gewerbeschule im Rahmen ihrer Ausbildung Unterricht erhielten, zurück. Mit der Einführung einer IX und X. Klasse im Jahr 1875 war die Erweiterung zur Oberrealschule abgeschlossen und es bestand nun die Möglichkeit die Hochschulreife zu erwerben.
Da die Unterbringung der Schüler auf mehrere Standorte verteilt und wenig zufriedenstellend war, beschloss der Gemeinderat 1904 die Errichtung des heutigen Altbaus, der bereits im September 1906 eingeweiht werden konnte. 1938 erfolgte die Umbenennung in Johannes-Kepler-Oberschule. Als Johannes-Kepler-Gymnasium firmiert die Schule seit 1954. Bis 1966 blieb das Gebäude weitgehend unverändert, Platz für die steigende Schülerzahl wurde allenfalls durch den Ausbau des Dach- und Kellergeschosses geschaffen. Die unteren Klassen mussten in die Jos-Weiß-Schule ausweichen. Gleichzeitig entstand ein weiteres Ausweichgebäude, das heutige Albert-Einstein-Gymnasium. Im selben Jahr wurden erstmals seit den 1920er Jahren wieder Mädchen als Schülerinnen aufgenommen. Die Behelfssituation beendete der von 1968 bis 1970 errichtete Neubau, der neben Klassen- und Nebenräumen auch einen Musiksaal erhielt. 1974 folgte ein Sprachlabor. Im Jubiläumsjahr lernen hier 930 Schülerinnen und Schüler. Begonnen hatten 1875/76 361 Schüler.