Feine Stoffe aus Reutlingen

Ein Musterbuch der Seidenweberei aus den 1920er Jahren

Musterbuch Seidenweberei GmbH, 1910-1930

Im März jährt sich zum 125. Mal die Gründung der Seidenweberei – eine Textilfirma, die über 100 Jahre fest zur produzierenden Textilindustrie in Reutlingen gehörte. Ein Musterbuch der Firma steht daher diesen Monat im Zentrum des Ein.Blicks.

In dem in Leder gebundenen Musterbuch sind unzählige Muster von unterschiedlichen Stoffen mit dazugehöriger Erklärung eingeklebt. Das Muster, das hier gezeigt wird, ist gewebt aus Baumwollgarn und Kunstseide, woher die Seidenweberei auch ihren Namen hatte. Die Muster, die in dem Buch vorhanden sind, sind alles Jacquardmuster. Dieses Muster ist nach dem Franzosen Joseph Marie Jacquard benannt. Mit seinem weiterentwickelten Webstuhl und der Steuerung der Fäden mittels Lochkarten war eine grenzenlose Musterung der Stoffe möglich.

Die Ursprünge der Seidenweberei Reutlingen liegen in der Schweiz. Die Schweizer Firma Rütschi besaß im 19. Jahrhundert Webereien in Italien und Frankreich. Zu dieser Zeit war die Seidenverarbeitung in der Schweiz die wichtigste Branche mit dem höchsten Exportumsatz. Um 1900 verlagerten die Schweizer Unternehmer die Produktion immer mehr ins Ausland, da in der Schweiz im internationalen Vergleich nicht mehr billig produziert werden konnte. Daher gründete Alfred Rütschi am 26. März 1901 in Reutlingen eine weitere Niederlassung, aus der später die Seidenweberei Reutlingen GmbH hervorging. 1904 erwarb er an der Kaiserstraße eine Weberei mit Grundstück und Fabrikhalle, später erweiterte sich das Firmengelände bist zur Uhlandstraße.

Das Musterbuch stammt aus den Jahren 1924/25. Zu der Zeit war Eduard Gerstenberg, der 1905 bei der Zentrale in Zürich als Vertreter anfing, Geschäftsführer, gemeinsam mit Alfred Tritschler als Teilhaber. Rund 70 % der Reutlinger Erzeugnisse der Seidenweberei waren damals aus Naturseide. Kunstseide, also Viskose und Acetat, kamen in dieser Zeit als neue Materialien auf. Die meisten Muster in dem vorliegenden Buch sind mindestens zu einem Teil aus Kunstseide produziert.

In den folgenden Jahren expandierte die Firma weiter. 1936 wurde ein neuer Verwaltungsbau an der Kaiserstraße erstellt, der als einziges historisches Gebäude auf dem Gelände bis heute noch steht. Ende der 1930er Jahre begannen die neu entwickelten Chemiefasern die bis dahin hauptsächlich verwendeten Naturfasern zu verdrängen. Perlon und Nylon hießen die beiden neuen Produkte, die fortan die weiblichen Beinkleider schmückten. Während des Zweiten Weltkriegs wurden zwei „kriegswichtige“ Firmen aus Esslingen und Ludwigsburg in die Räumlichkeiten der Seidenweberei einquartiert. So produzierten während des Krieges drei unterschiedliche Firmen nebeneinander Werkzeugmaschinen, Zündkerzen sowie Kleiderstoffe und Fallschirme. Anfang 1945 beschlagnahmte die französische Militärregierung einen Großteil des Verwaltungsgebäudes, was zur Folge hatte, dass die Produkte der Seidenweberei nur innerhalb der französischen Zone verkauft werden durften.

Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg wurde von Emil Gerstenberg, dem Sohn Eduard Gerstenbergs, ab 1949 vorangetrieben. In der Produktion wurden einige Arbeitsschritte noch von Hand erledigt, so beispielweise das Einziehen der Kettfäden und das Andrehen einer alten an eine neue Webkette. Nach und nach erfolgten Neuerungen und Modernisierungen im Betrieb. Die Webmaschinen wurden von Transmissionsbetrieb durch eine Dampfmaschine auf Einzelantrieb durch Elektromotoren umgestellt. Produziert wurden während der Wirtschaftswunderjahre in den 1950er Jahren vor allem Miedergewebe für die Firmen Naturana und Triumph und der Verkaufsschlager Strumpfhosen – beides aus dem Synthetikgewebe Perlon. Später wurden für eine kurze Zeit Berufskleidung und Druckstoffe für Schirmhersteller, die das Gestell der Firma Knirps verwendeten, hergestellt. Nach 10 Jahren kam das Aus für Schirmstoffgewebe aufgrund billiger Konkurrenz aus dem Ausland.

Von den 1960er bis zu den 1980er Jahren wurde das Firmenareal durch Gebietsankäufe und Neubauten erweitert. In den Produktionshallen hielten 190 Luftdüsenmaschinen Einzug, die Herstellung erfolgt nahezu voll rationalisiert und weitgehend automatisiert. Die Seidenweberei war das erste Unternehmen in Deutschland mit solchen Maschinen. Ab 1993 wurde in den ehemaligen Hallen der Firma Möve in Pfullingen auf 50 Webmaschinen produziert, bevor 1996/97 ein moderner Neubau im Industriegebiet Mark West eingeweiht wurde. Ebenfalls 1997 übernimmt die Daun-Gruppe die Seidenweberei. Die folgenden Jahre waren geprägt von wirtschaftlich unsicheren und schwierigen Zeiten. 2006 erfolgte die Zusammenführung mit dem Unternehmen Webatex aus Bayreuth und 2009 dann die endgültige Stilllegung der Reutlinger Traditionsfirma. Auf dem ehemaligen Firmengelände in der Reutlinger Ostststadt ist das Seidenviertel mit zahlreichen Wohnungen entstanden.

   

Literatur:

Seidenweberei Reutlingen 1901-2001, 100 Jahre Innovation aus Tradition, Reutlingen 2001.

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