Am 1. April 2026 startet die neue Artemis II-Mission vom Kennedy Space Center in Florida. Die europäische und die kanadische Weltraumagentur ESA bzw. CSA werden dabei zusammen mit der NASA in einer Mondumlaufbahn Systeme und Arbeitsabläufe an Bord erproben, um eine Mondlandung in einigen Jahren vorzubereiten. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) steuert zusammen mit Projektpartnern unter anderem ein Servicemodul und den Kleinsatelliten „Tacheles“ zur Mission bei.
Die Vorgängerinstitution des DLR, die Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR), war auch 1985 maßgeblich an der „Mission D1“ beteiligt. Sie betreute damals die wissenschaftlichen Experimente, die mit dem europäischen Spacelab an Bord der Space-Shuttle „Challenger“ durchgeführt wurden. Die 75 verschiedenen Versuche wurden unter anderem von zwei deutschen Astronauten betreut: dem Reutlinger Ernst Messerschmid und dem Berliner Reinhard Furrer. Die beiden waren damit nach Sigmund Jähn und Ulf Merbold der dritte und vierte Deutsche im All. Vom 30. Oktober bis 6. November 1985 waren sie im All.
Bereits drei Wochen später, am 30. November 1985, gab die Stadt Reutlingen für Messerschmid einen großen Empfang. Laut Bericht im Reutlinger General-Anzeiger harrten „Hunderte von Reutlingern (…) bei matschiger Kälte auf dem Marktplatz aus, bis Messerschmid mit seiner Familie und dem ersten Deutschen im Weltraum, Dr. Ulf Merbold, am frühen Samstagabend im Rathaus empfangen wurde. Dort verlieh ihm OB Oechsle eine eigens geprägte Goldmünze und überreichte ihm einen Holzschnitt von HAP Grieshaber. Messerschmid revanchierte sich mit einer Reutlinger Flagge, die er mit in den Weltraum genommen hatte.“. Heute befindet sich die Flagge in der Sammlung der Historischen Museen Reutlingen. Dazu gehört ein Echtheits-Zertifikat, unterschrieben vom Projektleiter der D1-Mission Hans-Ulrich Steimle und ein Foto von der Überreichung der Flagge an Reutlingens Oberbürgermeister Dr. Manfred Oechsle. Auch eine Tafel mit Fotos der D1-Mission und den Unterschriften von Messerschmid, Furrer und dem niederländischen Astronauten Wubbo Ockels gehört zu diesem Konvolut. Ulf Merbold, der als Ersatzmann für Messerschmid und Furrer nominiert war und im Fall einer Erkrankung von einem der beiden mitgeflogen wäre, hat ebenfalls auf der Tafel unterschrieben.
Ernst Messerschmid wurde wenige Tage nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Reutlingen geboren. Er wuchs in Sondelfingen auf und absolvierte eine Ausbildung im Sanitärhandwerk im elterlichen Betrieb. Auf dem zweiten Bildungsweg machte er das Abitur und studierte an den Universitäten Tübingen und Bonn Physik. Während und nach dem Studium arbeitete er unter anderem am Kernforschungszentrum CERN in Genf bevor er an der Uni Freiburg über Protonenstrahlen in Kreisbeschleunigern promovierte. 1977 bewarb er sich bei der ESA als Astronaut. Er und vier weitere wurden von den 700 deutschen Bewerbern in mehreren Bewerbungsrunden als Finalisten ausgewählt, am Ende fiel die Wahl aber auf Ulf Merbold als deutschen Vertreter in der ersten europäischen Astronautengruppe. Messerschmid forschte nach seiner Promotion am Deutschen Elektronen-Synchroton (DESY) und am DFVLR.1982 fragte die DFVLR die vier Finalisten aus der ersten Bewerberrund an, ob weiter Interesse an einem Raumflug bestehe. Bei der für Mitte der 1980er Jahre geplanten deutsche Spacelab-Mission in Kooperation mit der NASA sollten die Experimente von bundesdeutschen Wissenschaftlern betreut werden. Furrer und Messerschmid wurden mehrere Jahre intensiv vorbereitet, bevor sie im Herbst 1985 in den erdnahen Weltraum flogen. Im November 1986 wurde er zum ordentlichen Professor und Direktor des Instituts für Raumfahrtsysteme an der Universität Stuttgart berufen. Neben vielen Funktionen an der Universität gehörte er diversen Beratungskomitees und Auswahlgremien der ESA an, leitete vier Jahre lang das Europäische Astronautenzentrum in Köln, unterrichtete an Hochschulen in Frankreich und fungierte als Gutachter für Luft- und Raumfahrttechnik bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Neben den hohen Ehrungen der Bundesrepublik Deutschland (Bundesverdienstkreuz Erster Klasse), des Landes Baden-Württemberg (Verdienstmedaille und Staufermedaille des Landes) und vieler wissenschaftlicher Auszeichnungen erhielt Ernst Messerschmid auch eine Ehrung, die in offiziellen Listen nicht auftaucht, ihn aber laut Zeitungsbericht extrem gefreut hat: Er wurde am Abend des 30. November 1985 nicht nur für 25 Jahre Mitgliedschaft im TSV Sondelfingen geehrt, sondern erhielt auch die Ehrenmitgliedschaft des Vereins. Laut Bericht im GEA vom 2. Dezember 1985 sagte Messerschmid dazu, dass es für ihn auch Symbolwert habe, als ehemaliger Turner nie aus dem TSV Sondelfingen ausgetreten zu sein. „Viele wollten mich nach der gelungenen Weltraummission für sich vereinnahmen. (…) Aber ich bin ein Reutlinger und daran habe ich nie Zweifel gelassen. Dass ich darauf auch stolz bin.“