„Ein Rathaus für heute, morgen und die ferne Zukunft“

Das Reutlinger Rathaus der Nachkriegszeit

Rathaus-Modell Reutlingen, 1960

Fast auf den Tag vor 60 Jahren, genauer gesagt am 22. April 1966, wurde das heutige Reutlinger Rathaus feierlich eingeweiht und eröffnet. Der damalige Bürgermeister Oskar Kalbfell formulierte 1961 in der Planungsphase folgenden Auftrag: „Dieses Rathaus baut diese Stadt nicht für diesen Gemeinderat, nicht für diesen Bürgermeister und nicht für diesen Beamten, sondern für diese Bürger, für heute, morgen und die ferne Zukunft.“ Nach sechzig Jahren Nutzung des stadtbekannten Gemäuers – hinter dessen Türen sich weit mehr als Aktenstaub verbirgt – nehmen wir das Jubiläum zum Anlass, auf die Entstehungsgeschichte des Bauwerks zurückzublicken.

Das Modell: Damals wie heute werden Gebäudemodelle angefertigt, da oft erst im Modell eine architektonische Idee für die Öffentlichkeit und die Auftraggeber verständlich wird. Hier werden Form, Größe und Wirkung eines Baus im Stadtraum sichtbar. Da Modelle häufig für Wettbewerbe produziert werden, vereinfachen sie zudem die Bewertung und Gegenüberstellung von Entwürfen und machen die Architektur „greifbar“, noch bevor ein Stein verbaut wurde. Dieses Modell, das für den Architekturwettbewerb im Jahr 1960 angefertigt wurde, wurde von Hand in mühsamer Kleinstarbeit aus Holz, Karton, Papier und Plastik hergestellt. Heute nutzt man auch moderne Werkstoffe wie Kunststoff, Acrylglas, Schaumstoffplatten und vor allem den 3D-Druck. Dadurch können Modelle schneller, genauer und oft auch kostengünstiger produziert werden.

Die Vorgeschichte: An der Stelle des heutigen Rathauses stand ursprünglich ein Vorgängerbau, der 1860/61 nach Plänen des Reutlinger Baurats Johann Georg Rupp als Fruchthalle und Waaghaus errichtet wurde. Bereits 1873/74 erfolgte durch Baurat Felix Samson Heinrich von Berner der Umbau des Gebäudes zum Rathaus. Dieses diente der Stadtverwaltung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Am 1. März 1945 wurde das Gebäude infolge eines Luftangriffs vollständig zerstört, so dass die Stadtverwaltung in das frühere Rathausgebäude in der Rathausstraße 6 zurückzog, welches bereits zwischen 1746 bis 1872 das Rathaus beherbergt hatte.

Mit der Währungsreform 1948 begann auch in Reutlingen der wirtschaftliche Wiederaufbau. Industrie und Handwerk benötigten zusätzliche Arbeitskräfte, zugleich wuchs die Bevölkerung stark an, nicht zuletzt durch die Aufnahme zahlreicher Vertriebener. Die rasch steigende Einwohnerzahl machte den Ausbau städtischer Einrichtungen dringend notwendig. Der Neubau eines Rathauses wurde zunächst zurückgestellt, denn ein neues Rathaus sollte den städtebaulichen Abschluss des Wiederaufbaus im Zentrum der Stadt bilden. 1960 schrieb die Stadt einen Architekturwettbewerb aus, bei dem Professor Wilhelm Tiedje und Dipl. Ingenieur Rudolf Volz aus Stuttgart den ersten Platz erhielten. Baubeginn war Anfang Dezember 1962. Nach nur dreijähriger Bauzeit konnte das „Neue Rathaus“ eröffnet werden.

Der Architekt: Wilhelm Tiedje (1898-1987) geboren gehörte zu einer Generation von Planern, für die konstruktionsgerechtes und materialbewusstes Bauen im Mittelpunkt stand. Nach seinem Studium in Hannover wechselte er an die renommierte Stuttgarter Schule wo er sein Studium 1922 abschloss. Dort prägten Lehrer wie Paul Bonatz, Paul Schmitthenner und Heinz Wetzel eine Architekturauffassung, die handwerkliche Qualität mit dem Bezug zur Baugeschichte verband. Diese Tradition wurde in der Zeit des Nationalsozialismus politisch vereinnahmt, als Architektur gezielt zur Vermittlung ideologischer Vorstellungen eingesetzt wurde. Als Professor der Technischen Hochschule Stuttgart übernahm Tiedje vor und nach seinem Eintritt in die NSDAP 1940 bedeutende Ämter, besonders im Verkehrssektor war er an wichtigen Projekten der Reichsautobahn beteiligt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Tiedje zunächst vom Dienst suspendiert. Da er in Stuttgart blieb war seine erneute Tätigkeit an der Hochschule von Anfeindungen begleitet. Nach einem internen Fakultäts-Wechsel blieb er dennoch bis zu seiner Emeritierung 1965 als Hochschullehrer tätig. Gemeinsam mit seinem Partner Rudolf Volz entwarf Tiedje das Reutlinger Rathaus, das zu den bedeutenden Großbauten der 1960er Jahre in Baden-Württemberg zählt. Es war zugleich das letzte Werk in Tiedjes architektonischem Schaffen.

Der Entwurf: Der Entwurf des Reutlinger Rathauses steht beispielhaft für die Architektur der Nachkriegsmoderne: klare, zurückhaltend reduzierte Bauformen, die historische Bezüge aufweisen und eine besondere Würde und Eleganz ausstrahlen. Dies zeigt sich besonders im städtebaulichen Konzept. Dazu wurde der Ratssaal als eigenständiger Baukörper am Ende des Marktplatzes positioniert. Statt als geschlossener Baukörper erscheint er aufgeständert und schafft im Erdgeschoss einen überdeckten öffentlichen Raum, der an eine Loggia erinnert nach dem Vorbild historischer Rathäuser. Hinter dem Ratssaal liegt ein zweiter Baukörper mit Verwaltungsräumen und Haupteingang.

Heute ist dieser zentrale Entwurfsgedanke jedoch nur noch eingeschränkt erkennbar. Der einst offene Bereich unter dem Ratsgebäude wurde später für eine gastronomische Nutzung geschlossen. Dadurch ging nicht nur die ursprüngliche Halle verloren, sondern auch ein wesentlicher Teil der architektonischen Einheit, die in diesem Modell noch ersichtlich ist.

Ein Ausblick: Es besteht akuter Handlungsbedarf das Versprechen Kalbfells einzulösen und das Rathaus nach 60 Jahren weiterhin für die Bürgerinnen und Bürger nutzbar zu erhalten. Aus diesem Grund erhält das Reutlinger Rathaus in den nächsten Jahren eine umfängliche Generalsanierung und Anpassung an die veränderten Arbeitsbedingungen des 21. Jahrhunderts und ist damit weiterhin gerüstet für die Zukunft.

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