100 Jahre 31. Württembergisches Landesschießen in Reutlingen
Im Juni 1926 kamen aus ganz Württemberg Schützen nach Reutlingen um hier den Titel des Landesschützenmeisters zu erringen. Anlässlich des 100. Jubiläum des 31. Württembergischen Landesschießens erinnert das Museum mit vier Objekten aus seiner Sammlung an das Ereignis. Gezeigt werden zwei Fotopostkarten sowie ein Schützenbecher und ein Schützentaler aus Silber.
Die Reutlinger Schützengilde hat ihren Ursprung im Mittelalter. Sie kann bereits Ende des 13. Jahrhunderts nachgewiesen werden und gehört somit zu den ältesten Schützenvereinigungen Süddeutschlands. Im Mittelalter waren Städte für ihre eigene Verteidigung im Falle eines Angriffs verantwortlich. Um Angreifer abzuwehren, waren sie nicht nur von dicken Stadtmauern umgeben - auch ihre Bürger mussten aktiv an ihrer Verteidigung mitwirken. Zunächst erfolgte die Verteidigung durch Bogenschützen, dann Armbrustschützen und ab dem 15. Jahrhundert durch Schützen mit Feuerwaffen. Vor diesem Hintergrund entstanden Schützenvereinigungen. Um im Ernstfall diese Distanzwaffen auch sicher verwenden zu können, musste der richtige Umgang mit ihnen geübt sein. Um regelmäßige Schießübungen zu garantieren, wurden durch den jeweiligen Stadtrat Preise für den besten Schützen gestellt. Ein Ansporn, nicht nur an der wöchentlichen Übung teilzunehmen, sondern auch der beste Schütze zu sein. Um 1290 war dieser Preis in Reutlingen ein Paar Hosen.
Es sollte jedoch nicht nur beim Wettschießen städtischer Schützen untereinander bleiben. Bald schon wollten sich Reutlinger Schützen - sowie andere deutsche Schützengemeinschaften auch - miteinander messen. Die Schützenfeste, zu denen Schützen von weither anreisten, um ihr Können zu zeigen, waren geboren. Ihre Glanzzeit erreichten diese Wettbewerbe im 15. und 16. Jahrhundert. Zur gleichen Zeit verloren Schützenvereinigungen immer mehr ihren Verteidigungscharakter. Statt des regelmäßigen Trainings für den Verteidigungsfall standen bei den Schützenfesten der Erwerb von Prestige - für sich selbst und die Stadt, die man repräsentierte - das Gewinnen von üppigen Preisen und zahlreiche Vergnügungen im Fokus.
An diese Zeit der Reutlinger Schützengilde erinnert auch die Darstellung auf dem Schützentaler, der in Stuttgart anlässlich des 31. Landesschießen entworfen und geprägt wurde. Auf der einen Seite der Medaille ist ein Landsknecht zu sehen, der eine Büchse lädt, auf der anderen Seite befindet sich eine Darstellung der Reichsstadt Reutlingen mit der Überschrift „Alt Reutlingen“. Die Taler bestehen aus 950er Silber.
Ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden Schützenwettbewerbe erstmals auch auf Landesebene statt. 1850 wurde der württembergische Schützenverein gegründet. Das erste württembergische Landesschießen fand 1864 in Heidenheim statt. 1891 wurde Reutlingen zum Abhaltungsort des 13. Württembergischen Landesschießens. Die Wettbewerbe und dazugehörenden Feierlichkeiten dauerten 3 Tage und sollten ein tragisches Ende nehmen. Ein Passant war während des Schießens durch einen Querschläger schwer verletzt worden. Die Folge für die Reutlinger Schützen war, dass nach Beendigung des Landesschießens der Schießbetrieb auf der Anlage der Schützengilde verboten wurde. Ohne einen Ort, an dem die Mitglieder der Gilde schießen konnten, sanken die Mitgliederzahlen. 1907 löste sich der Verein zunächst auf. Erst 1920 wurde die Reutlinger Schützengilde wiederbelebt. 6 Jahre später zählte der Verein etwa 300 Mitglieder. Einige der Mitglieder sind auf dem Bild in der Vitrine vor ihrem Schützenheim zu sehen.
Für 1926 wurde Reutlingen erneut zum Austragungsort des württembergischen Landesschießens bestimmt. Nachdem das 13. Landesschießen in einer Tragödie geendet hatte, lastete ein besonders großer Druck auf Reutlingen und seiner Schützengilde, das 31. Landesschießen zu einem großen Erfolg zu machen. Es wurde vom 4. bis zum 8. Juni 1926 abgehalten. Das Schießen selbst fand an verschiedenen Tagen und im Rahmen mehrerer Wettbewerbe statt, bei denen die Teilnehmer auf spezielle Schützenscheiben schossen. Neben dem Landesschützenmeistertitel, gab es weitere zahlreiche Preise von unterschiedlichster Größe und Wert zu gewinnen, wie z.B. den großen Schützenbecher aus Silber. Er wurde in der Heilbronner Werkstätte Peter Bruckmann & Söhne hergestellt. Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einem Festumzug. Eine erhaltene Fotopostkarte gibt dem Betrachter einen Eindruck von dessen Größe.
Neben dem Schießen selbst gehörten auch zahlreiche weitere Vergnügungen zum Programm, wie Festessen, eine Tanzveranstaltung und ein Volksfest auf dem Markwasen mit Karussell, Achterbahn, Schießbuden und weiteren Attraktionen. Das Landesschießen war am 8. Juni um 12:00 Uhr offiziell beendet. Noch am selben Tag fand die Preisverleihung in der vollbesetzten Reutlinger Bundeshalle statt. In ihren Reden waren die Gäste voller Lob für die Veranstaltung. Die Preise für die Teilnehmer waren so zahlreich wie bei keinem Landesschießen zuvor, weshalb die Preisverleihung mehr als zwei Stunden dauerte. Alles in allem war das 31. Landesschießen ein voller Erfolg, auf den die Reutlinger Schützengilde stolz sein durfte. Wer der württembergische Schützenmeister 1926 geworden war, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Zu den besten Reutlinger Schützen gehörte wohl Gustav Dietz, der den ersten Preis beim Schießen auf die Feld-Meisterscheibe gewann. Ansonsten hatten bei den einzelnen Schießwettbewerben am häufigsten Schützen aus Stuttgart ins Schwarze getroffen.
Literatur:
- Eigmüller, Michaela (u.a.) (Hg.): Schützen. Das Buch. 500 Jahre Kulturgeschichte in Süddeutschland, Kronburg-Illerbeuren 2021.
- 31. Württ. Landesschießen. 4.-8. Juni Reutlingen 1926, Reutlingen 1926.
- Reutlinger General-Anzeiger, 09. Juni 1926.
- https://sgi-reutlingen.de/geschichte-des-vereins, letzter Aufruf: 20.05.2026