Die Firma Büsing bei Olympia
1976 fanden die olympischen Sommerspiele in Montreal statt und die Reutlinger Textilfirma Büsing war als Ausrüster der Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit dabei. Für das Unternehmen waren die Spiele in Montreal auch ein kleines Jubiläum – stattete der Reutlinger Hersteller doch schon seit der Olympiade 1936 in Berlin Sportlerinnen und Sportler mit Trainingsanzügen und Bademoden aus. Anlässlich dieses 40jährigen Jubiläums wurde von der Firma eine Medaille herausgegeben, auf der das offizielle Zeichen – eine Flagge – der Marke Porolastic der Firma Büsing zu sehen ist.
1865 wurde die Firma Büsing als Strick- und Wirkwarenfabrik von Friedrich Büsing und Carl Kessler gegründet. 1876 trennten sich die beiden Inhaber und die Firma lief unter dem Namen Büsing & Co weiter. Die ersten Teile, die produziert wurden, waren Baby- und Kinderkleidung. 1912 wurde neben der Herstellung von Strickwaren auf Flachstrickmaschinen auch die Produktion auf Rundstrickmaschinen aufgenommen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Trikotabteilung mit der Herstellung gestrickter Damenwäsche ausgebaut.
Ab den 1920er Jahren gab es immer mehr Gruppierungen, die dem urbanen und durch die Industrialisierung lautem und dreckigem Leben etwas entgegensetzen wollten. Die Anhänger der Lebensreformbewegung verfolgten das Ziel eines gesunden Lebens im Einklang in und mit der Natur und Körperertüchtigung an der frischen Luft. Von diesen Gruppierungen kamen Forderungen nach dazu passender moderner Kleidung auf, mit der man sich gut bewegen konnte. Zudem entwickelte sich ein neues Bewusstsein von Hygienevorstellungen.
Die Firma Büsing war am Puls der Zeit und entwickelte eine poröse, d.h. durchlässige, und elastische, dehnbare Wäsche. Durch „porös“ und „elastisch“ wurde die Marke und der dazugehörende Markenname „Porolastic“ entwickelt. Unter diesem Namen kamen die ersten Bade- und Trainingsanzüge auf den Markt.
1936 wurde die Firma weltbekannt, als sie Ausrüster für die deutschen Sportler bei der Olympiade in Berlin wurde. 1960 wurden mit der südafrikanischen und iranischen Mannschaft erstmals Sportler anderer Länder eingekleidet, weitere ausländische Mannschaften kamen in den darauffolgenden Jahren dazu, ebenso wie die Olympiamannschaften aus der DDR. Bei der Olympiade 1964 in Tokio trugen selbst die zwei Sportler der Elfenbeinküste POROLASTIC-Anzüge. Beim Zwischenstopp in Paris entdeckten sie die Zweiteiler und bestellten sie sofort – in einem eigens gewünschten Grünton. Die Sportler bekamen die Anzüge direkt in die japanische Hauptstadt nachgeschickt.
Die Porolastic-Modelle waren aus Wolle. Das Material hatte den Vorteil, dass die Kleidung hochelastisch, strapazierfähig, warm und durchlässig war. Die Wolle saugt den Schweiß auf und verhindert so, dass die Sportler und Sportlerinnen auskühlten. Die Produktion der Firma war in verschiedenen Standorten in der Region. Die Verwaltung, das Lager und die Konfektion war in den Geschäftsräumen in der Reutlinger Oststadt in der Kaiserstraße. Billige Importe aus dem Ausland und eine liberale Einfuhrpolitik der Bundesrepublik brachten die um sich greifende Textilkrise ab den 1960er Jahren auch zu den Firmen nach Reutlingen. Obwohl Anfang der 1980er Jahre noch eine neue Marketingkampagne mit einem neuen Logo gestartet wurde, ließ sich der schleppende Geschäftsgang nicht verheimlichen.
1981 kam dann das endgültige Aus für die Traditionsfirma. In der Reutlinger Oststadt sind noch einige Gebäude der Firma Büsing erhalten. An der Ecke Kaiserstraße/Aulberstraße sind die alten Geschäftsräume des Unternehmens, in denen heute u.a. Arztpraxen ansässig sind. In der Bismarckstraße sind noch zwei Villen stumme Zeugen der einst glanzvollen Zeiten der Firma Büsing.
Literatur:
- Textile Vielfalt. Industrielle Erfolgsgeschichten aus Württemberg. Mössingen 2015.