Abwasserreinigung als Zeitzeugnis

Wilhelm Kehrers Gemälde „Kläranlage bei Wannweil“ (1952)

Wilhelm Kehrer: „Kläranlage bei Wannweil“, Gemälde, 1952

Typisch für das Werk von Wilhelm Kehrer (1892 Honau – Reutlingen 1960) sind Technikmotive und Ansichten der Stadt Reutlingen. Letztere haben oft einen dokumentarischen Charakter, bildet der Künstler mit ihnen doch beispielsweise das Ausmaß der Kriegsschäden oder im Bau befindliche Gebäude in der Stadt ab. Dies ist auch bei dem Gemälde der „Kläranlage bei Wannweil“ der Fall. Darüber hinaus gibt es vom Künstler Landschaftsgemälde, Blumenstilleben und auch Karikaturen.

Das Ölgemälde zeigt die noch nicht fertig gestellte, unmittelbar an der Gemeindegrenze zwischen dem Reutlinger Stadtteil Betzingen und der Gemeinde Wannweil gelegene Kläranlage. Es entstand laut der Signatur erst nach der offiziellen Eröffnung. Vermutlich hatte Kehrer während des Baus der Anlage Skizzen angefertigt oder malte die Situation aus dem Kopf. Die trotz einem pastösen Farbauftrag detailreiche Darstellung zeigt die Kläranlage von Reutlingen aus in Richtung Wannweil gesehen.  Im Vordergrund sieht der Betrachtende die im Entstehen befindlichen Klärbecken, die Bildmitte zeigt das noch im Bau befindliche Betriebsgebäude, das gut zur Hälfte fertiggestellt ist. Dahinter befinden sich zwei Faultürme. Die Szene wird von den noch laufenden Arbeiten auf der Baustelle geprägt, deren Betrieb durch das Baustellenschild, Meßpfähle und herumliegende Materialien dargestellt sind.

Das Richtfest für die neue Kläranlage fand am 19. September 1951 statt, die Inbetriebnahme erfolgte noch im gleichen Jahr. 2019 bis 2021 wurde die Anlage technisch auf den neuesten Stand gebracht. Bisher verfügt sie über drei Reinigungsstufen. Durch die mechanische Vorreinigung werden grobe Verschmutzungen und Abfälle beseitigt, im folgenden Sandfang können sich größere Verunreinigungen, aber auch Fette und Öle absetzen. In der anschließenden biologischen Reinigung werden die noch vorhandenen Schmutzstoffe von Mikroorganismen zersetzt. Die dritte Stufe dient als chemische Reinigungsstufe vor allem dem Abbau von Phosphaten. Derzeit erhält die Kläranlage eine vierte Reinigungsstufe, die es ermöglicht bestimmte Mikroschadstoffe, wie beispielsweise Medikamentenrückstände aus dem Abwasser zu entfernen. Die Arbeiten werden voraussichtlich im Dezember 2033 abgeschlossen sein, da sie im laufenden Betrieb erfolgen.

Kläranlagen wie wir sie heute kennen, sind ein verhältnismäßig junges Phänomen, obwohl es schon im alten Rom mit der cloaca maxima ein ausgeklügeltes Abwassersystem gab. Gemeinsam mit der Versorgung der Stadt mit Frischwasser durch Aquädukte war stets fließendes Wasser vorhanden, mit dessen Hilfe Müll aus den Straßen weggespült und die Kanalisation vor Verstopfung geschützt wurde.

Hierzulande nutzten die Menschen dagegen lange Zeit vor allem vier Möglichkeiten der Entsorgung von Abwässern. Man ließ sie entweder einfach im Boden versickern, wobei das Wasser teilweise von Verunreinigungen gereinigt wurde, eine andere Art der Entsorgung war es, Abwässer einfach in Flüsse und Bäche zu leiten. In Städten wie Reutlingen war dies ebenfalls der Fall, wobei bis um 1900 in der Innenstadt offene Rinnen in den Straßen verliefen, die das Regenwasser ableiteten und gleichzeitig für eine Entsorgung eines Teils der Abfälle auf der Straße sorgten. Da bei diesen Methoden die Gefahr bestand, dass Trinkwasserquellen wie Brunnen, Flüsse und Grundwasser durch den Kontakt mit Abwässern verunreinigt wurden, bestand eine erhebliche Gefahr für Erkrankungen. Für menschliche Fäkalien gab es zudem Abortgruben. Wenn sie gefüllt waren, wurden sie geleert und ihr Inhalt zum Teil als Dünger genutzt.

Aufgrund der Industrialisierung nahm die Bevölkerung in den Städten stark zu. Die Folge war, dass natürlich auch die Menge an Abwasser erheblich anstieg, was zu Epidemien mit Cholera und Typhus führen konnte. Um dies zu verhindern, begann man das Abwasser professionell zu reinigen.

Die erste Kläranlage in Europa nahm ihren Betrieb 1887 in Frankfurt-Niederrad auf. Etwa zur gleichen Zeit erhielt Reutlingen seine erste Kanalisation, die die bisherigen Dolen in den Straßen ersetzte. Bis zum Zweiten Weltkrieg erhielten vor allem die größeren Städte eine Kanalisation und häufig auch erste Kläranlagen, die allerdings nur zwei Klärstufen hatten. Erst in den 1950er Jahren begann schließlich der flächendeckende Ausbau auch in kleineren Städten und Gemeinden. Allerdings führte die boomende Industrie der Wirtschaftswunderzeit zu einer erheblichen Verschmutzung der Gewässer. So galten beispielsweise Ruhr und Emscher, Rhein und Main, aber auch der Neckar als nahezu biologisch tot.

Erst mit der aufkommenden Umweltbewegung der 1970er Jahre wandelte sich die Haltung der Politik. Strengere Umweltgesetze wurden geschaffen und die Anstrengungen zur Abwasserreinigung verstärkt. Dies führte zum Ausbau der vorhandenen Kläranlagen und der Erhöhung ihrer Zahl insgesamt. Heute verfügt Deutschland nahezu vollständig über ein Netz kommunaler Kläranlagen. Dies zeigt vor allem die heute stark gestiegene Gewässerqualität im Land und die große Vielfalt an Pflanzen und Tieren.

             
               

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