Wilhelm Laages Holzschnitt „Dorfbrand“ (1898)
Vor 300 Jahren, im September 1726, wurde Reutlingen von einem verheerenden Stadtbrand getroffen. Aus diesem Grund hat das Heimatmuseum diesen Holzschnitt aus seiner Sammlung als Ein.Blick ausgewählt. Er verdeutlicht, wie existenziell die Angst vor dem Feuer sein kann.
Das Werk: Der Holzschnitt von Wilhelm Laage (geb. 1868 in der Nähe von Hamburg, gest. 1930 in Ulm) zeigt eine äußerst bedrohliche Situation: Den verzweifelten Kampf von Menschen gegen ein Flammeninferno, das (so der Titel) ein Dorf zu verschlingen scheint. Im Vordergrund sind zwei Personen mit einem Schlauch zu sehen, wie sie versuchen, die lodernden Flammen mit Wasser zu löschen. Im Hintergrund erkennt man schemenhaft angedeutet weitere Personen, eng aneinandergedrängt. Das Feuer selbst zeigt sein schreckliches Gesicht als eine Art totenkopfähnliche Fratze, die die rechte obere Bildseite beherrscht. Starke Winde strömen aus den offenen Mäulern von Wolkenformationen, die wie Teufelsgestalten anmuten. Gegen diese entfesselten Naturkräfte haben die Löschenden nur Wenig entgegen zu setzen. Der düstere Charakter des Bildes wird durch die fehlende Farbe unterstrichen. In dem schwarz-weißen Holzschnitt dominieren die dunklen, schwarzen Flächen. Dynamisch gebogene Linien der sturmgepeitschten Wolken und züngelnden Flammen des Feuermeeres zeugen von der Dramatik der gezeigten Brandkatastrophe. Den stärksten Ausdruck von Schrecken während dieses makaberen Brandereignisses geht von dem riesigen Kopf rechts aus. Der Mund ist zu einem stummen Schrei geöffnet, die Augen sind aufgerissen und blicken seelenlos in die Ferne. Zu Recht sieht man hier eine Parallele zu dem berühmten Werk von Edvard Munch „Der Schrei“ (verschiedene Fassungen, die zwischen 1893 und 1910 entstanden). Beide Bilder – der Holzschnitt von Laage und das Gemälde von Munch – sind Meilensteine des frühen Expressionismus. Laages „Dorfbrand“ wurde bereits von Zeitgenossen als ein wichtiges Werk des neuen deutschen Holzschnitts beschrieben und hervorgehoben.
Der Künstler und Reutlingen: Wilhelm Laage war 1868 auf dem Land in der Nähe von Hamburg im Bauernhaus der Großeltern auf die Welt gekommen. Sein Vater war Friedhofsgärtner und Totengräber und seine Mutter arbeitete in einer Bleicherei. Nach der Schulzeit verdiente Wilhelm als 15-Jähriger zunächst Geld in der Bleicherei und später in einem Hamburger Wirtshaus. Er war 22 Jahre alt, als seine künstlerische Ausbildung auf der Gewerbeschule in Hamburg begann. 1893 wechselte er für 6 Jahre an die Kunstakademie in Karlsruhe und von dort 1904 an die Kunstakademie Stuttgart. In Karlsruhe lernte er unter anderem den aus Baden-Baden stammenden Emil Rudolf Weiss kennen, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband. Beide reisten mehrfach in die Kunstmetropole Paris und begegneten dort Künstlern wie Van Gogh oder Edvard Munch. Im gleichen Jahr wie Laage hatte auch Munch den Holzschnitt als ausdrucksstarkes künstlerisches Mittel für sich entdeckt.
Wilhelm Laage heiratete im Alter von 36 Jahren 1904 die Reutlingerin Hedwig Kurtz. Ein Jahr später wurde der Sohn Friedrich geboren. Die Familie lebte zunächst in Cuxhaven, bis sie im September 1907 nach Betzingen in die Villa Marggraff (Mühlstraße 23) zog. Im Oktober 1914 folgte ein weiterer Umzug, dieses Mal nach Reutlingen in die Lederstraße 100. Sein Atelier befand sich damals in der Karlstraße 22 (im Shedbau der Firma Wagner) in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinen Schwiegereltern. 1923 zog die Familie aus finanziellen Gründen bei der Schwiegermutter Fanny Kurtz in die Karlstraße ein.
Als angesehener Künstler war Laage auf zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen vertreten (z.B. 1906 in Dresden gemeinsam mit Wassily Kandinsky als Gast bei der Künstlergemeinschaft „Die Brücke“). Laage starb Anfang 1930 in Ulm beim Aufbau einer Ausstellung und wurde in Reutlingen beigesetzt, seine Frau Hedwig verstarb 5 Jahre später. Sein Sohn Friedrich, der als Kind an einer Hirnhautentzündung erkrankt war und bleibende Hirnschäden erlitten hatte, wurde 1940 in Grafeneck im Zuge der NS-„Euthanasie“-Verbrechen ermordet.
Das persönliche Erlebnis im Bild: Laage war als Kind fasziniert von Naturereignissen, insbesondere von Feuer. In seinen Lebenserinnerungen, die Zoepf 1934 veröffentlichte, schreibt er: „Als echte Feld- und Waldstromer haben wir Jungs gezündelt, wo sich uns Gelegenheit dazu bot.“ Er beschreibt, wie die Feuergefahr zum Alltag der Dorfbewohner gehörte: „,Was brennen soll, brennt doch!‘ sagen die Bauern. Ein heller Blitzstrahl zuckte über einem Backsteinhaus, gleich hinterher loderten die Flammen zum Dache hinaus. Ein Mann, der unter der Dachtraufe vor dem Regen Schutz gesucht, wurde durch den Feuerstrahl getötet. Als kleiner Junge sah ich in der Dämmerung den großen Feuerschein in der Nähe unseres Hauses auf einer Schnitzbank, bis die Mutter mich auslachte und wieder zur Besinnung brachte.“ Es waren persönliche Erlebnisse wie diese, die ihn als Künstler zu diesem ausdrucksstarken Holzschnitt gedrängt haben.