Oskar Kalbfells Schreibtischgarnitur

 Oskar Kalbfells Schreibtischgarnitur

 

Diese repräsentative Schreibtischgarnitur aus der Nachkriegszeit vermittelt dem Betrachter auf den ersten Blick einen Eindruck von Schlichtheit: Die Form ist streng funktional, beinahe unauffällig. Die Stiftablage mit integriertem Tintenfass weist keinerlei Ornamente auf, die rechteckige Form ist lediglich an den Ecken etwas abgerundet. Selbst der Deckel des Tintenfasses ist flach und unauffällig gestaltet. Auch beim Tintenroller wurde auf jedes verzierende Element verzichtet. Der Griff ist kreisrund und flach und hebt sich gerade so weit vom Korpus ab, dass man ihn problemlos in der Hand halten kann. Besonders deutlich zeigt sich das funktionale Design bei der zweireihigen Briefablage, deren drei Halterungen aus einem schlichten mattschwarz gefärbtem Draht bestehen. Im Kontrast zu dieser zurückhaltenden Gestaltung steht das Material, aus dem die Garnitur gefertigt ist. Sämtliche Stücke bestehen aus massivem schwarzen Marmor, der ihnen ein exklusives und wuchtiges Aussehen verleiht. Damit hebt sich die Schreibtischgarnitur deutlich von vergleichbaren zeitgenössischen Objekten ab. Diese waren und sind bis heute meistens in industrieller Massenproduktion gefertigte Gebrauchsgegenstände für den Büroalltag und bestanden in der Mitte des 20. Jahrhunderts üblicherweise aus Blech, Bakelit oder anderen Kunststoffen.

Der Besitzer dieser zugleich funktional, aber dennoch exklusiv gestalteten Schreibtischgarnitur war der Reutlinger Oberbürgermeister Oskar Kalbfell, an dessen 125. Geburtstag (28. Oktober 2022) wir mit diesem Objekt aus unserer Sammlung erinnern.

Der Sozialdemokrat bekleidete sein Amt als Stadtoberhaupt in den Jahren zwischen 1945 und 1973. Während dieser Zeit gestaltete er den Wandel Reutlingens hin zu einer modernen Großstadt. Er setzte sich für den Sozialwohnungs- und Siedlungsbau in der Stadt ein und trieb die Eingemeindung der umgebenden Dörfer voran, durch die Reutlingen überhaupt erst den offiziellen Status als Großstadt erhielt. Auch mit dem persönlichen Einsatz für den Bau des modernen Rathauses, das zwischen 1962 und 1966 nach Plänen von Wilhelm Tiedje und Rudolf Volz erbaut wurde und das heute unter Denkmalschutz steht, prägte Kalbfell den modernen Charakter der Stadt.

Um Kalbfells Rolle bei der Befreiung der Stadt von der Nazi-Herrschaft am 20. April 1945 durch die Franzosen hatte sich in den Nachkriegsjahren der Mythos einer heldenhaften Übergabe angesichts angreifender französischer Panzertruppen entwickelt. Kalbfell soll diesen Panzern demnach mit einer weißen Fahne entgegengetreten sein und durch seine Kapitulation die friedliche Übergabe der Stadt ermöglicht haben. Neuere Forschungen haben jedoch ergeben, dass es zwar eine Übergabe der Stadtverwaltung durch Oskar Kalbfell am 20. April an französische Panzertruppen gab, diese erfolgte allerdings erst nach heftigen Kämpfen und auch nach der Übergabe fanden noch Widerstandshandlungen und Gegenangriffe statt. Auch die Abwendung eines drohenden alliierten Bomberangriffs hat sich als Legende herausgestellt.

Als Gemeinderat und Fraktionsführer der SPD wurde Kalbfell 1933 zunächst für neun Monate von den Nationalsozialisten interniert, in Folge dessen gelang es ihm allerdings, sich mit der Herrschaft der NSDAP in Reutlingen zu arrangieren. Auch wenn er als ehemaliger Sozialdemokrat keine politische Macht innehatte, war er mit einer Gruppe von Menschen aus Verwaltung und Gesellschaft vernetzt, der es in einigen Fällen gelang, die Herrschaft der Nazis zu unterlaufen. Bemerkenswerte Erfolge, wie die Befreiung des Reutlinger Kommunistenführers Fritz Wandel aus dem KZ Dachau im Jahr 1943 auf legalem Wege, verliehen diesem Netzwerk den Ruf einer Widerstandsgruppe. Es ist jedoch festzustellen, dass die Gruppe zu keinem Zeitpunkt tatsächliche Widerstandshandlungen unternahm, die auf die Schwächung des Regimes hingearbeitet hätten.

Kalbfells politisches Wirken in der Nachkriegszeit war danach von einem klaren Bekenntnis zur neuen Rolle der Sozialdemokratie in Baden-Württemberg geprägt. Als Oberbürgermeister präsentierte sich Kalbfell stets menschennah, während er gleichzeitig durchsetzungsstark seine Position an der Spitze der Stadt für mehrere Jahrzehnte sicherte.

In gewisser Weise spiegelt die präsentierte Schreibtischgarnitur insofern das widersprüchliche Erscheinungsbild des Politikers Kalbfell wider: Während die funktionale Gestaltung eine sachliche Zielstrebigkeit ohne Pomp und Zier vermittelt, verweist der schwarze Marmor auf die politische Kultur einer Nachkriegsverwaltung, die zugleich vom geistigen Aufbruch in ein demokratisches Zeitalter zeugt, hinsichtlich ihres Autoritätsbewusst-seins jedoch auch von Kontinuitäten geprägt war. So präsentierte sich Kalbfell hier eben nicht als Mitarbeiter auf gleicher Augenhöhe, sondern vielmehr als primus inter pares (lat.: „Ein Erster unter Gleichen“).

 

Literatur:

- Wehling, Hans Georg und Manfred Nedele: Oskar Kalbfell. Ein Oberbürgermeister und seine Stadt, Oertel + Spoerer, Reutlingen, 1997

- Ströbele, Werner: Die Reutlinger Widerstandsgruppe. Annäherung an die Formen der Opposition des Kreises um Oskar Kalbfell und Georg Allmendinger während des Zweiten Weltkriegs anhand neuer Quellen und Berichte, in: Reutlinger Geschichtsblätter RGB 1995 NF 34, 381-408.

- Weyell, Lukas: „Die Deutschen verteidigen Reutlingen mit Verbissenheit“ – Die Eroberung Reutlingens durch die französische Armee im April 1945, in: Reutlinger Geschichtsblätter RGB 2020 NF 59, 165-189.

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