Fußballstiefel von 1910
Am 20. November 2022 beginnt mit der Fußballweltmeisterschaft in Katar das 22. „Fußball-Hochfest“ für Mannschaften und Fans. 32 Nationen haben sich für das in der öffentlichen Diskussion nicht unumstrittene Turnier qualifiziert, an dessen Ende am 18. Dezember 2022 die beste Fußballmannschaft der Welt den WM-Pokal in ihren Händen halten wird. Entworfen wurde dieser von dem italienischen Bildhauer Silvio Gazzaniga (1921-2016) für die Weltmeisterschaft 1974. Dieses sportliche Großereignis bot den Anlass, aus der Sammlung des Heimatmuseums ein Objekt mit Fußballbezug für diesen Monat auszuwählen.
Die schwarzen Fußballstiefel aus Leder in Größe 42 stammen von einem unbekannten Vorbesitzer. Die knöchelhohen Schnürstiefel sind typische Exemplare früher Fußballschuhe, die aufgrund ihrer eleganten Form durchaus auch als Alltagsschuh tauglich wären. Den Unterschied machen allerdings die mit einem Besatz aus härterem Leder verstärkte Schuhspitze und die an der Schuhsohle mit kleinen Schuhmachernägeln befestigten „Stollen“ aus Leder: An Ferse und Spitze sowie im Bereich des Fußballens befinden sich größere, balkenförmige bzw. in der Form angepasste Lederstücke. Im Bereich der Zehen und des Hinterfußes gibt es jeweils zwei kreisförmige Verstärkungen mit einem Durchmesser von ca. 2 cm. Ein Schuh wiegt 440 Gramm (zum Vergleich: ein heutiger Schuh für Fußballprofis wiegt ca. 150 Gramm, der leichteste Fußballschuh bringt gerade einmal 98 Gramm auf die Waage.)
Mit ihrer Ausführung erfüllen die gezeigten Fußballstiefel bereits (fast) alle bis heute notwendigen Anforderungen an einen Fußballschuh: Sie bieten ihrem Träger Stabilität und Halt und schützen dank des hochgezogenen Stiefelschaftes auch den Knöchel. Mit Hilfe der Lederstollen gewährleisten sie einen guten Stand bei rutschigem Spielfeld. Das auch heute noch überraschend weiche und relativ dünne Leder erlaubt ein möglichst gutes Ballgefühl. Die Reduzierung des Gewichts der Schuhe wurde allerdings erst mit der Entwicklung von Kunststoffmaterialien im Lauf des 20. Jahrhunderts zu einem wichtigen Punkt bei der Schuhherstellung.
In der Frühzeit des Fußballsports zu Beginn des 19. Jahrhunderts trugen die Spieler bei der Torjagd vermutlich robuste Arbeitsschuhe. Wenig später hatte sich die Sportart in England dann bereits an den meisten größeren öffentlichen Schulen etabliert und nun erhielten die Schüler erstmals extra angefertigte Fußballschuhe. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es für das Schuhwerk keine genaueren Vorgaben mit Ausnahme der Regel Nr. 13 der englischen Fußballregeln von 1863. Sie legte fest, dass die Spieler ihre Schuhe nicht mit Nägeln, Eisenplatten oder Gutta-Percha ausstatten durften. Daher setzten sich im Spielbetrieb Stollen aus Leder durch. Um zu verhindern, dass sie sich durch die Sohle drückten, waren sie bis zum Zweiten Weltkrieg häufig länglich oder hufeisenförmig ausgeführt. Später wurden sie durch Schraubstollen ersetzt. Da in der Anfangszeit des Fußballsports der Ball meist mit der Schuhspitze getreten wurde, hatten die Schuhe dort eine Verstärkung – genau wie die ausgestellten Exemplare.
Bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg blieb hierzulande diese robuste und stabile Form des Fußballschuhs üblich, da sie es den Spielern erlaubte, auch bei widrigen Platzverhältnissen und von Regen durchtränkten Lederbällen zuverlässig spielen zu können. Wenig überraschend hatten auch alle bis dahin vorgenommenen Veränderungen an den Schuhen vor allem die Verbesserung der Standfestigkeit und der Stabilität der Sohle zum Ziel, ohne von der bisherigen Stiefelform abzuweichen. Leichtere Ausführungen gab es dagegen in südlichen Ländern und Südamerika, wo das Wetter weniger regnerisch war. Dies ermöglichte eine durchaus andere Spieltechnik: Das Spiel war wesentlich schneller und körperbetonter und viele Spieler besaßen eine hervorragende Spieltechnik.
Dieser Vorteil, der sich in den seit 1945 häufiger werdenden Spielen gegen südamerikanische Mannschaften, insbesondere bei internationalen Turnieren gezeigt hatte, brachte Bewegung in die Schuhentwicklung und führte dazu, dass die Ausrüstung leichter und flexibler wurde.
Die Verwendung neuer Materialien wie Kunststoff führte vor allem zu Veränderungen an der Sohle und der besonders schweren Lederkappe an der Schuhspitze. Gerade an der Sohle wurden bis heute zahlreiche Veränderungen vorgenommen. Neben der Verwendung von Kunststoff werden hier vor allem Lösungen für die jeweils unterschiedlichen Spieluntergründe angeboten, so dass sich Schuhe für Rasen, Hallenboden oder Kunstrasenplätze deutlich voneinander unterscheiden. Auch die jeweilige Spielposition kann sich auf die Gestaltung der Sohle auswirken, so dass bei Schuhen für Torhüter andere Sohlen als für Feldspieler verwendet werden.
Nachdem der Ball nicht mehr mit der Fußspitze getreten wurde, richtete sich das Augenmerk der Hersteller zunehmend auch auf die Ausgestaltung des Schuhspannes und der Innenseite, um die Schusskraft der Spieler zu unterstützen. Auch hier ermöglichen Kunststoffe neue Ausführungen der Oberflächenmaterialien für die unterschiedlichen Teile des Schuhs.
All diese Entwicklungen führten dazu, dass heutige Schuhe optisch und technisch kaum mehr etwas mit ihren Vorläufern gemeinsam haben. Allerdings war heute wie damals das Ziel, den Sportlern mit Hilfe eines optimalen Ausrüstungsstückes die bestmögliche Entfaltung ihrer technischen Fähigkeiten zu ermöglichen.