Wilhelm Kehrer

Der Bau des Kaufhauses Merkur

 Wilhelm Kehrer - Der Bau des Kaufhauses Merkur

Der Reutlinger Maler Wilhelm Kehrer hielt in seinen Werken nach Ende des 2. Weltkrieges immer wieder die Zerstörung Reutlingens und den Wiederaufbau im Sinne eines dokumentierenden Zeitzeugen fest. Zu diesen Werken zählt auch der „Bau des Kaufhauses Merkur“, das Kehrer 1952 mit Ölfarbe auf Pressspan malte.

Der entstehende Baukörper dominiert das Bild. Er wird flankiert von zwei Kränen, die sich dem Baukörper zuneigen und somit unseren Blick auf das Gebäude lenken. Im Vordergrund sind ungeordnete Baumaterialien und Mischtürme für Beton zu sehen. Die neue Stahlbetonskelettbau-weise ist deutlich zu erkennen. Was Kehrer nicht im Bild festgehalten hat, sind die Straßen, an denen die Baustelle steht. Fast erscheint es, als handle es sich um einen Neubau auf der grünen Wiese. Dieser Eindruck wird auch durch die impressionistisch beeinflusste Malweise unterstützt.

Der Bau des Kaufhauses Merkur war nicht unumstritten. Die Merkur AG erwarb das Grundstück der zerbombten Strickerei Grub an der Karlstraße 22 sowie Grundstücke im sogenannten Adlerblock. Gegen das Bauvorhaben protestierten vor allem Reutlinger Einzelhändler. Sie pochten darauf, dass die Ruinengrundstücke aus städtischem Besitz nur an Bürger der Stadt verkauft werden sollten, um das Geldverdienen von „Auswärtigen“ (die Firma hatte ihren Sitz in Bayern) zu verhindern. Die Stadt hatte dagegen ein großes Interesse daran, dass mit der Bebauung der Ruinengrundstücke endlich begonnen wurde und das Eingangstor zur Stadt ein „würdiges Aussehen“ bekam, wie bei einer Gemeinderatssitzung im April 1952 festgehalten wurde.

Der Hintergrund der Firma war zu diesem Zeitpunkt kein Thema: 1938 wurde die in Sachsen ansässige Schocken AG zwangsweise arisiert und in Merkur AG umbenannt, die zu diesem Zeitpunkt über 30 Warenhäuser in ganz Deutschland betrieb. Der jüdische Besitzer Salman Schocken war unter dem Druck der Nationalsozialisten bereits 1934 nach Palästina emigriert und lebte ab 1940 in den USA. 1949 konnte er 51% seines Konzerns, allerdings nur bezogen auf die Kaufhäuser in der amerikanischen Besatzungszone, zurückerhalten. Nach erfolgreicher Konsolidierung verkaufte er seine Anteile an der Merkur AG 1953 an Helmut Horten. Die Horten AG führte den Markennamen Merkur bis 1967 weiter. Der Bau des Kaufhauses erfolgte im Sommer 1952 in der Rekordzeit von nur 85 Tagen. Architekt Egon Eiermann hatte das Gebäude mit 5 Geschossen in Stahlbetonskelettbauweise konzipiert. Dies ermöglichte den schnellen Baufortschritt. Die Verblendung mit maisgelben Backsteinen sowie die Gliederung des Gebäudes durch Stahlrohr, Glas und Beton bildete ein Äußeres, das den Beginn der modernen Architektur in Reutlingen in den 1950er Jahren markierte und die nachfolgenden Großbauten in der Nachbarschaft beeinflusste.

Die Eröffnung fand am 20. November 1952 statt. Der Andrang war so groß, dass der Lehrling, der die Eingangstür zum ersten Mal öffnen durfte, zwischen Tür und Wand eingeklemmt wurde. Rund 260 Mitarbeiter*innen sorgten für den reibungslosen Ablauf im Kaufhaus. Bereits im ersten Jahr machte Merkur 10,8 Mio. DM Umsatz. Das Geschäftsprinzip sah vor, dass jeder Artikel im Kaufhaus billiger sein musste als in den Reutlinger Geschäften. Die Abteilungsleiter gingen regelmäßig durch die Stadt, um Preise ihrer Warengruppen bei den Einzelhändlern zu notieren. Deshalb gaben viele Reutlinger*innen einen Einkauf bei

Merkur anfangs nicht gerne zu. Bei einem Einkauf über 10,00 DM konnte man sich die Waren nach Hause liefern lassen. Viele Kund*innen fragten, ob das Gerät in einem neutralen LKW geliefert werden würde, oder ob der LKW in der Parallelstraße halten könne, damit die Nachbarn nicht sehen, dass man bei Merkur eingekauft hat. Aus diesem Grund gab es anfangs auch keine Werbung auf den Einkaufstüten des Merkur.

Die Erweiterung mit Umbau 1960 vergrößerte die Attraktivität erneut. Die Lebensmittelabteilung im Untergeschoss wurde zum Supermarkt mit Selbstbedienung und Laufbandkassen und vor allem die Rolltreppen waren Anziehungspunkte für Groß und Klein.

Daneben legte Merkur viel Wert auf die Schaufenstergestaltung, die oft Preise von der Handelskammer gewann. Auch die Modeschauen (Eintritt: 1,50 DM mit Kaffee und Kuchen) und Autogrammstunden mit Prominenten erfreuten sich großer Beliebtheit. Von Mitte der 1950er bis Anfang der 1970er Jahre gaben die Schneidermeister*innen des Kaufhauses zweimal im Jahr Nähkurse, die das Kaufhaus in Zusammenarbeit mit den Firmen Burda und Ullstein anbot. Die Kurse fanden in der Kantine des Kaufhauses statt. Die entstandenen Kleider wurden manchmal in Modeschauen präsentiert und die Schneiderin des besten Modells von einer Jury als „Nadelprinzessin“ gekürt. Daneben engagierte sich Merkur auch sozial: Mehr als 10 Jahre lang spendete die Firma in der Vorweihnachtszeit zwischen 10.000,- und 15.000,- DM, die in Form von Warengutscheinen an bedürftige Personen verteilt wurden.

Wilhelm Kehrer lenkt mit seinem Gemälde unseren Blick auf dieses für Reutlingen so prägende Kaufhaus und auf eine Zeit, als die Stadt in großem Maße ihr Gesicht veränderte.

 

Literatur:

Stadt Reutlingen, Schul Kultur-und Sportamt (Hg.): Wilhelm Kehrer 1892-1960, Reutlingen 1982

Stadtarchiv Reutlingen (Hg.): Adieu Tristesse – Reutlingen in den 50er Jahren, Reutlingen 2000

„Kaufhaus Merkur im Heimatmuseum“, GEA 15.2.2000

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