Narri-Narro!

Narrenkappen der 1. Carneval-Gesellschaft e.V. Reutlingen

Narri-Narro! Narrenkappen der 1. Carneval-Gesellschaft e.V. Reutlingen

Schon im 16. Jahrhundert wurde in Reutlingen Fastnacht gefeiert, vor allem von den Zunftmitgliedern der Metzger- und Gerberzunft. Sie feierten die tollen Tage mit Fahnenschwingen und Tanzen. Aber die Obrigkeit versuchte immer wieder mit Verboten und Strafen, dem närrischen Treiben Einhalt zu gebieten, zum ersten Mal 1573.

Richtig durchgesetzt werden konnten Verbote aber erst 1669, als der Magistrat der Stadt beschloss, „das übermäßige Springen und Tanzen, Essen und Trinken und Unzucht und Üppigkeit“ abzuschaffen. Im 19. Jahrhundert waren die Verbote vergessen und ab den 1850er Jahren gab es bis Anfang des 20. Jahrhunderts regelmäßig Maskenbälle in den verschiedenen Gasthäusern, z.B. im Gasthaus im Bad, im Kronprinzenhotel oder in der Bundeshalle. Initiatoren waren oft die Vereine und Vereinigungen, die es in der Stadt gab. Verkleidet waren die Reutlinger Bürgerinnen und Bürger beispielsweise als Renaissancefürst, Postillon, Chinesin oder Holländerin. 1907 wurde in der Bundeshalle die 1. Reutlinger Carneval-Gesellschaft gegründet. Die Carneval-Gesellschaft ging aus dem 1863 gegründeten Männerverein hervor, der ein Ableger des Bildungsvereins und eine primär politische Vereinigung war.

Gründungsmitglieder der Carneval-Gesellschaft waren rund 30 Herren, die meisten von ihnen waren Kaufleute. Präsident war Albert Finckh, Konditormeister aus der gleichnamigen Konditorei. Er war eine zentrale Figur im Reutlinger Karnevalstreiben und stand auch der Nachfolgeorganisation vor. Die Gesellschaft wurde mit dem Ziel gegründet, „den Humor und die Geselligkeit zu pflegen, und […] wenn möglich am Fastnachtsdienstag eines jeden Jahres einen karnevalistischen Umzug durch die Straßen Reutlingens abzuhalten“. Nach dem Vorbild des rheinischen Sitzungskarnevals trug jedes Mitglied des Elferrats der Carneval-Gesellschaft Narrenkappen.

Die Narrenkappen, die mittlerweile zur Sammlung des Heimatmuseums gehören, sind aus roter, weißer, rosafarbener, blauer, grüner und gelber Seide genäht, innen befindet sich ein festes, weißes Leinenfutter. An den Rändern sind Brokatbordüren aufgenäht, an denen kleine Glöckchen aus Blech befestigt sind. Die Kappen wurden in Köln bei der Kostüm- und Fahnenfabrik Eberhard Richter gekauft.

Die Idee der Narrenkappe im Karneval wird dem preußischen Kommandeur der Dragoner, Generalmajor Baron Czettritz zugeschrieben. Am 14. Januar 1827 schlug er dem Protokollbuch des Kölner Festordnenden Comités zufolge vor, „daß wir … als Unterscheidungszeichen der Eingeweihten ein kleines buntfarbenes Käppchen während unserer Versammlungen aufsetzen, um diejenigen, die hier unberufen eindringen, erkennen und nach Verdienst abweisen zu können.“ Als Gegenstück zum bürgerlichen Hut war die bunte Kappe ein Symbol dafür, dass während der Fastnachtszeit der Alltag aufgehoben ist und jeder unter der Kappe gleich ist.

1911 fand in Reutlingen der erste Umzug mit 13 geschmückten Festwagen statt, der durch die Oststadt über die Lederstraße zu den Altstadtgassen und dem Marktplatz führte. Auf diesen Wagen wurden verschiedene Themen, die die Stadt damals aktuell bewegten, präsentiert. So wurde z.B. die Gewerbeschule dargestellt und angeprangert, dass dort zu viel Theorie und zu wenig Praxisbezug für die Lehrlinge stattfinden würde. Im Jahr 1913 fand der Umzug an einem Sonntag statt, was zu großen Protesten des Evangelischen Gesamtkirchenbeirats führte, die den Umzug nicht an einem Sonntag als dem Tag der Ruhe und des Herrn in der Stadt haben wollte. Der Protest schlug sich auch im GEA nieder, wo Leser und Leserinnen sich pro und contra zu dem Sonntagsumzug positionierten.

Nach dem ersten Weltkrieg gab es in der Bundeshalle über Jahre hinweg große Kostümfeste. Beendet wurde das närrische Treiben durch die Inflation und den 2. Weltkrieg. 1958 fand sich ein neuer Elferrat zusammen, der den Karneval wiederaufleben ließ, auch wenn es dagegen Protest aus der Bevölkerung gab. Viele waren der Meinung, dass der Fasching in der Stadt der Moral schaden würden. Diese Meinung konnte sich jedoch nicht durchsetzen und so wird seit damals durchgehend bis heute in Reutlingen die 5. Jahreszeit mit Umzügen und Festen gefeiert. Neben den Mitgliedern der 1. Carneval-Gesellschaft kommen seit 1987 die Hästräger der „Reutlinger Schandele“ dazu.

Literatur:

Männerverein Reutlingen 1863 e.V. (Hg.): 100 Jahre 1. Reutlinger Carne-val-Gesellschaft 1907, 20 Jahre Narrenzunft Achalmgautscher 1987, Festschrift. Reutlingen 2006.

www.mainzer-fastnachtsmuseum.de/html/narrenkappe.html, letzter Zugriff 26.01.2023

de.wikipedia.org/wiki/Narrenkappe, letzter Zugriff 26.01.2023

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