Alte Heimat – Neue Heimat

70 Jahre Patenschaft Reutlingens für Schweidnitz

Alte Heimat – Neue Heimat 70 Jahre Patenschaft Reutlingens für Schweidnitz

 

Die „Patenschaftsbank“ entstand anlässlich der Übernahme der Patenschaft der Stadt Reutlingen für die schlesische Stadt Schweidnitz im Jahr 1953. Die Idee zu ihrer Herstellung hatte der damalige Leiter des Heimatmuseums, Werner Hülle (1903-1974). Der in Reutlingen geborene Vor- und Frühgeschichtler war nach dem Ende des 2. Weltkrieges und Kriegsgefangenschaft in seine Heimatstadt zurückkehrt. Dort übernahm er 1953 die Stelle des Kustos (Sammlungsverantwortlicher) im Heimatmuseum. Die aufklappbare Sitzbank besitzt an der Rückenlehne und der Vorderseite insgesamt vier Füllungen. Sie zeigen auf der Rückenlehne einander gegenübergestellt jeweils eine mittelalterliche Stadtansicht der beiden Städte, die Füllungen der Vorderseite enthalten rechts und links je einen Sinnspruch, die symbolisch für Alt- und Neubürger stehen. In der Mitte findet sich eine Ansicht der Schweidnitzer Friedenskirche. Ihren Namen erhielt sie, da sie infolge des Westfälischen Friedens 1648 für die protestantischen Schweidnitzer errichtet wurde, da die bisher von den Protesteanten genutzte Kirche an die Katholiken zurückgegeben werden musste. Kaiser Ferdinand III. gestattete den schlesischen Städten Schweidnitz, Jauer und Glogau im Gegenzug die Errichtung jeweils einer sogenannten „Friedenskirche“. Gebaut hat die Bank die Schreinerei Kimmerle in Reutlingen, die Bemalung mit Ölfarbe besorgte der Reutlinger Gewerbelehrer Erwin Horrwarth (1911-1999).

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden aufgrund der Bestimmungen der Siegermächte im Rahmen der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 die Deutschen aus den ehemaligen Ostprovinzen des Deutschen Reiches und aus den deutschen Siedlungsgebieten in Ost-Mitteleuropa aus ihrer Heimat vertrieben. Die ersten planmäßigen Umsiedlungstransporte begannen 1946. Auch die deutsche Bevölkerung von Schweidnitz ereilte dieses Schicksal.

Noch in seiner ersten Sitzungsperiode hatte der Deutsche Bundestag 1953 das Bundesvertriebenengesetz beschlossen, das die Belange der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge regelte. In Paragraph 96 wurde festgeschrieben, dass der Bundesrepublik und ihren Ländern die Aufgabe zufällt, die Geschichte und das Kulturgut der Deutschen in Ost-Mitteleuropa zu pflegen und zu bewahren.

Der Deutsche Städtetag hatte schon 1952 eine Empfehlung an seine Mitgliedsstädte zur Bewahrung und Pflege der Kultur und zur Betreuung der Heimatvertriebenen ausgesprochen. Zur Umsetzung sollten Straßen nach ostdeutschen Gebieten und Städten benannt, Heimatstuben eingerichtet und Patenschaften für Städte in den ehemaligen Ostgebieten übernommen werden.

Oberbürgermeister Oskar Kalbfell (1897-1979), der selbst Mitglied des ersten Bundestages war, überbrachte diese Anregungen nach Reutlingen. Der Reutlinger Stadtrat Prof. Dr. Otto Klöden (1895-1986) war gleichzeitig Vorsitzender des Landesverbandes der Landsmannschaft Schlesien. Er schlug als mögliche Patenstädte Liegnitz und Schweidnitz vor. Da Liegnitz aber eine Patenschaft mit Wuppertal einging, entschied man sich in Reutlingen für Schweidnitz, das man nach Größe, Lage und Struktur für besonders passend hielt. Die offizielle Patenschaftsurkunde für Schweidnitz wurde am 1. März 1953 im Rahmen eines Festaktes unterzeichnet. Kurz zuvor entdeckte ein Heimatforscher im Stadtarchiv noch einen weiteren Berührungspunkt zwischen den Städten Reutlingen und Schweidnitz: Nach dem Reutlinger Stadtbrand im Jahr 1726 schickte die Stadt Bettelgesandtschaften aus, die bis nach Schlesien kamen. Auch in Schweidnitz, das selbst 9 Jahre zuvor von einem Stadtbrand zerstört worden war und sich noch im Wiederaufbau befand, wurde für Reutlingen gespendet. Infolge der Patenschaft wurde nun begonnen, Archiv- und Kulturgut aus Schweidnitz zu sammeln und im Heimatmuseum wurde eine Schweidnitzer Stube eingerichtet.

Nach Reutlingen waren bis Anfang der 1950er Jahre nur wenige Schweidnitzer gekommen. Nach 1946 waren sie in mehreren Transporten von ihrer Heimatstadt zumeist in die Gegend um Bremen,

Braunschweig und Bielefeld transportiert worden. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Landkreises Schweidnitz gelangten hingegen in das sächsische Vogtland und das Erzgebirge. In Reutlingen fanden einige von ihnen Arbeit in der Textilindustrie, die neben der Porzellanherstellung die Industrie der Heimatstadt geprägt hatte. In den folgenden Jahrzehnten fanden dann regelmäßig Treffen der Schweidnitzer in der Patenstadt statt.

Eng mit den Aktivitäten um die Patenschaft für Schweidnitz ist der aus einer Verlegerfamilie stammende Jürgen Knorrn (1931-2021) verbunden. Er nahm als Vertretung für seinen Großvater an der Patenschaftsfeier 1953 teil und lebte seit 1955 in Reutlingen. Zudem hatte er maßgeblichen Anteil an der Gründung der Bundesheimatgruppe Schweidnitz im Jahr 1959.  Diese pflegte nicht nur Kontakte unter den vertriebenen Schweidnitzern indem sie alle vier Jahre Bundestreffen organisierte, sondern unterstützte auch die in der Heimat verbliebenen Landsleute durch Hilfssendungen. Jürgen Knorrn war nicht nur über viele Jahrzehnte hinweg ein wichtiger Vertreter der aus Schweidnitz und Schlesien stammenden Bevölkerung, sondern war auch ein wichtiges Verbindungsglied zwischen der Stadtverwaltung und den Vertriebenen und damit zwischen Einheimischen und Neubürgern.

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