„Die Spinnstube“

Vorstudie zu einem verschollenen Gemälde von

Robert Wilhelm Heck (1831-1889)

„Die Spinnstube“ - Vorstudie zu einem verschollenen Gemälde  von Robert Wilhelm Heck (1831-1889)

 

Im April steht ein Gemälde im Fokus, das erst im letzten Jahr Teil der Museumssammlung wurde. Es handelt sich dabei um die Vorstudie zu einem Bild des bekannten Württembergischen Genremalers Robert Wilhelm Heck (1831–1889). Besonders spannend ist die Studie deshalb, weil das fertige Gemälde kurz nach seinem Entstehen in die USA verkauft wurde und seitdem als verschollen gilt. Nur durch einen Nachstich, der sich ebenfalls in der Sammlung des Heimatmuseums befindet, ist das Gemälde überliefert.

Die Vorstudie zeigt den Blick in eine ländliche Spinnstube. Prominent im Mittelpunkt des Bildes steht ein tanzende Paar. Die anderen Figuren sind um es herum angeordnet und tragen – bis auf eine Ausnahme – Die Betzinger Tracht. Links sitzt ein weiteres Paar, bei dem die Frau noch am Spinnen ist, während ein Mann zu ihrer Linken anschmiegsam seinen Arm auf ihre Schultern legt. Auch auf der rechten Bildseite ist im Hintergrund ein anbandelndes Pärchen zu sehen, das am Kachelofen sitzt. Rechts daneben, etwas im Schatten versteckt, ist eine weitere Figur erkennbar. In der Studie noch zu vage angedeutet, zeigt der Nachstich, wer sich dort befindet: die Besitzerin der Stube. Im Vordergrund sitzen zwei weitere Figuren, die uns allerdings den Rücken zuwenden. Der Nachstich zeigt, dass der Mann auf seinem Akkordeon Musik zum Tanz spielt, während die Frau am Spinnrad arbeitet.

Vergleicht man Vorstudie und Nachstich miteinander, so wird deutlich, dass sich der Maler bereits sehr sicher mit der Komposition war. Der Raum ist bereits gegliedert und mit den Figuren bestückt. Lichtquelle und -einfall sind bestimmt und heben das tanzende Paar hervor. Alle weiteren Figuren sind in ihren Positionen auch schon festgelegt. Sieht man von kleinen Detailänderungen, wie etwa der Ausrichtung des Akkordeonspielers oder der jungen Frau am Spinnrad ab, zeigt die Vorstudie bereits das fertige Bild.

Wie ist die Vorstudie zeitlich einzuordnen? Da der Nachstich des fertigen Gemäldes aus dem Jahr 1869 stammt, muss das Bild bereits davor vollendet gewesen sein. Die Vorstudie dürfte demnach irgendwann gegen Mitte/Ende der 1860er Jahren entstanden sein. Daneben fertigte Heck noch weitere Entwürfe an, die sich auf einzelne Figurenpaare bezogen, wie etwa den Akkordeonspieler und die Frau am Spinnrad. Sie sind in Hecks Skizzenbüchern auf das Jahr 1868 datiert und zeigen, dass Heck zusätzlich zur allgemeinen Vorstudie bestimmte Figuren(paare) im Detail ausarbeitete, bevor er das große Gemälde anging.

Der aus Stuttgart stammende Künstler des Gemäldes, Robert Wilhelm Heck, wird heute zu den bedeutendsten Genremalern Württembergs gezählt. Er besuchte oft Betzingen – jenen Ort, der aufgrund seiner Tracht eine Vielzahl an Künstlern anzog und symbolisch für das ländliche Leben stand. Doch nicht nur zu Betzingen hatte Heck eine besondere Verbindung. Auch Reutlingen war für ihn ein wichtiger Ort. Hier lernte er bereits in jungen Jahren Gustav Werner und das Bruderhaus kennen. Heck war so fasziniert von ihm, dass er 1850 selbst dort eintrat und unter anderem als Zeichenlehrer arbeitete.

Nur drei Jahre später verließ Heck das Bruderhaus wieder und schrieb sich an der Kunstschule Stuttgart ein, wo er 1859 sein Studium beendete. Auch während seiner Studienzeit besuchte er ab und zu Betzingen, um unterschiedliche Entwürfe und Zeichnungen anzufertigen, wie seine Skizzenbücher deutlich machen. Aus Tagebüchern und Eintragungen in Gasthäusern lassen sich mindestens 18 Besuche Hecks in Betzigen belegen. Doch darf davon ausgegangen werden, dass er weit öfter zu Besuch war.

Im als Trachtendorf bekannten Betzingen fanden sich glücklicherweise neben urigen Stuben auch viele junge Frauen, die den Künstlern für unterschiedliche Gemälde in ihren Trachten Modell standen. In der Sammlung des Heimatmuseums finden sich daher auch einige Porträts von Tracht tragenden Betzinger Mädchen und Frauen.

Das Bild gewährt Einblick in eine Spinnstube, zeigt Tanz und ausgelassene Stimmung – passt das überhaupt zusammen? Verrichteten die jungen Frauen an solchen Orten nicht vielmehr Handarbeiten, um beispielsweise die Aussteuer vorzubereiten? Mittags wurde in den Spinnstuben durchaus fleißig gesponnen. Abends nahm die Stimmung jedoch Fahrt auf, wenn beim sogenannten Lichtkarz die jungen Betzinger Burschen vorbeikamen und die Mädchen besuchten. Dann wurde zusammen musiziert, getanzt oder einfach nur herumgealbert. Die Vorstudie zeigt einen solchen Lichtkarz und das bunte Treiben in der Spinnstube. Die Lichtkarz fand bei der sogenannten Karzfrau statt, in deren Stube die Mädchen ihre handwerklichen Arbeiten verrichteten. Jeweils zu Beginn und zum Ende jeder Saison erhielt sie von den Mädchen Entgelte für Holz, Licht, Herberge sowie Verpflegung. Fremden – vor allem den jungen Studenten aus Tübingen – war der Zutritt zu den Lichtkarzen allerdings verboten.

Literatur:

Ströbele, Werner (Hrsg.): Württembergs Künstlerkolonie. Genremaler im Trachtendorf Betzingen (Ausst.-Kat.), Reutlingen 2007, S. 44-63, bes. S 58f. sowie S. 102f.

Heck, Thomas Leon/Liebchen, Joachim: Reutlinger Künstler-Lexikon, Reutlingen/Tübingen 1999, S. 110.

Nach oben