Im Juni 2023 steht eine besondere Kopfbedeckung – ein Tschako – im Mittelpunkt unseres „Ein.Blicks“. Der mit Leder und Fell bespannte Hut erinnert an Militär-Hüte aus dem 19. Jahrhundert. Die Kokarde in den württembergischen Farben Schwarz-Rot und die Messingplatte mit dem ausgestanzten „R“ für Reutlingen fallen neben dem Pompon mit Rosshaarbüschel sofort ins Auge. Sie weisen uns auf die Entstehungszeit des Tschakos hin – den Zeitraum der 1848er Revolution. Er gehörte zur Ausrüstung eines Artillerie-Offiziers der Reutlinger Bürgerwehr, die von März 1848 bis in die zweite Jahreshälfte 1850 bestand. Der schuppenartige Kinnriemen konnte nach oben geklappt und am Pompon befestigt werden.
Als im Februar und März 1848 der revolutionäre Funke aus Frankreich in die deutschen Länder übersprang formulierten Bürgerversammlungen an vielen Orten Forderungen an ihre Regierungen. Die Menschen forderten Pressefreiheit und Aufhebung der Zensur, Vereins- und Versammlungsfreiheit, Schaffung von Schwurgerichten als Gegenstück zu staatlichen Instanzen, Wahl eines nationalen Parlaments, Verabschiedung einer Verfassung für einen deutschen Nationalstaat und Volksbewaffnung. Auch in Reutlingen kamen am 3. März rund 1.000 Menschen im Innenhof des Spitalshofs zusammen und unterzeichneten eine solche Petition.
Die alte reichsstädtische Freiheit, sich selbst zu verteidigen, war mit dem Übergang Reutlingens an Württemberg verloren gegangen. Seit den 1820er Jahren bestand zwar eine uniformierte und leicht bewaffnete Bürgergarde, diese hatte aber nur repräsentative Aufgaben. Spätestens als es 1847 im ganzen Land zu Unruhen und Ausschreitungen aufgrund von Nahrungsknappheit und Preissteigerungen kam, wurde der Wunsch nach einem Ausbau der Bürgergarden immer lauter. Als Ende Februar 1848 die Nachrichten von der Revolution in Frankreich in Württemberg eintrafen, wuchs die Angst vor einem „Franzoseneinfall“ und Unruhen auf den Straßen rapide. Dies erklärt den lauten Ruf nach einer Volksbewaffnung in den sogenannten „Märzforderungen“. Allerdings verbargen sich hinter diesem Schlagwort unterschiedliche Vorstellungen: Demokratisch gesinnte Personen wie z.B. der Herausgeber des „Reutlinger Couriers“ Gustav Heerbrand traten für eine Abschaffung der stehenden Heere der Fürsten zugunsten einer Volksarmee ein. Liberal-konservative Kreise sahen in einer Bürgerwehr eine Art Stadtpolizei, die für Ruhe und Ordnung sorgen, das Eigentum der Bürger schützen und notfalls bei einem Angriff der Franzosen die Stadt verteidigen sollte. Das württembergische „Gesetz die Volksbewaffnung betreffend“ vom 1. April 1848 legte nun die Aufgaben der neuen Bürgerwehren fest. Sie sollten die Wehrhaftigkeit der Staatsbürger befördern, die Verfassung und Gesetze schützen und die öffentliche Ruhe und Ordnung aufrechterhalten.
In Reutlingen beschlossen Stadtrat und Bürgerausschuss bereits knapp vier Wochen früher – am 6. März – die Einrichtung einer Bürgerwehr zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Die Mitglieder kamen zunächst vor allem aus der bisherige Bürgergarde und der Turnerbewegung. Mitte Mai 1848 waren rund 1.000 Mann aus allen Gesellschaftsschichten in der Bürgerwehr. Neben den 6 Infanterie-Kompagnien gab es eine Freiwilligen-, eine Artillerie-, eine Scharfschützen- und eine Reiter-Kompagnie, sowie ein Musik-Bataillon. Diese trainierten anfangs fast täglich auf verschiedenen Plätzen in der Stadt, dazu kam sonntags meist ein Marsch. Der Apotheker August Finckh, der in seinem Tagebuch die verschiedenen Abteilungen der Bürgerwehr in kolorierten Tuschezeichnungen festhielt, beschrieb auch seine Erlebnisse bei nächtlichen Wachdiensten in Sommer und Herbst 1848: „Einmal war es im Bad, als wir unser Wachlokal hatten […], ich stand Posten als auf einmal ein Pferde Getrappel anging u. man endlich weiße Federbüsche und Reitersäbel blinken sah, es war die Reiterschwadron unter Müller von Oberst Finckh angeführt, die ihren nächtlichen Umritt hielt“. Die starke zeitliche Inanspruchnahme der Bürgerwehr-Männer war einer der Gründe, warum die Begeisterung schnell nachließ. Ein anderer Grund war die finanzielle Belastung. Die schwarz-grünen Waffenröcke, Hosen, Kopfbedeckungen, Schärpen sowie die Waffen mussten von den Bürgerwehrmännern auf eigene Kosten angeschafft werden. Da sich Viele dies nicht leisten konnten, sprang die Stadt mit zinslosen Darlehen z.B. für Musketen ein.
Im Sommer 1848 hatte sich die Begeisterung für die Volksbewaffnung deutlich abgekühlt. Neben den zeitlichen und finanziellen Belastungen setzte auch Ernüchterung über die Ziele der Bürgerwehr ein. Die Vorstellung, dass die stehenden Fürstenheere zugunsten der Bürgerwehren aufgelöst werden würden, hatte sich nicht erfüllt. Noch stellte sich die Frage des bewaffneten Kampfs zur Verteidigung der revolutionären Errungenschaften nicht. Diese wurde erst 1849 relevant.
Literatur:
Stefanie Baumann: Die Reutlinger Bürgerwehr in der Revolution von 1848/49, unveröff. Magister-Arbeit, Universität Tübingen 1999
Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stadt Reutlingen, Stadtarchiv, Heimatmuseum Reutlingen (Hrsg.): Freiheit oder Tod. Die Reutlinger Pfingstversammlung und die Revolution von 1848/49, Stuttgart 1998
Tagebuch des Apothekers August Finckh 1850-1855, Heimatmuseum Reutlingen