Adventskalender "Vorweihnachten"

Besinnliche Propaganda im Zweiten Weltkrieg

Adventskalender "Vorweihnachten", 1943

Alle Jahre wieder müssen sich Kinder nicht nur hierzulande in Geduld üben. 24 lange Tage dauert es, bis die – hoffentlich zahlreichen – Geschenke unter dem Weihnachtsbaum geöffnet werden dürfen. Um die Wartezeit zu versüßen, werden bis heute zahlreiche Adventskalender geöffnet. Tag um Tag ein Türchen, hinter dem sich entweder etwas Schokolade, ein Spielzeug oder eine Geschichte verbirgt.

Zu dieser Zeit der Vorfreude rückt ein Adventskalender in den Fokus, der vor knapp 80 Jahren während den Wirren des Zweiten Weltkriegs herausgegeben wurde und den Titel „Vorweihnachten“ trägt.

Der Adventskalender wurde von der Grafikerin Thea Haupt gestaltet und zusammengestellt. Die Reichspropagandaleitung der NSDAP brachte ihn ab 1941 heraus. Zunächst wurde er allerdings nur an kinderreiche Familien von NSDAP-Funktionären verschickt. Diese Testphase mit dem auf den ersten Blick harmlosen Kalender verlief sehr gut, so dass er 1942 in den allgemeinen Verkauf kam. Interessierte konnten den Kalender bei der jeweiligen Ortsgruppe der NSDAP beziehen. Der Preis betrug eine Reichsmark.

Bei genauerer Betrachtung der Inhalte fällt auf, welche Änderung die Reichspropagandaleitung im Vergleich zu herkömmlichen Adventskalendern vorgenommen hatte. Bereits im 19. Jahrhundert und vor allem während den 1920er Jahren erfreuten sich die Kinder an schön illustrierten Bildern mit christlichen Motiven. Zunächst zum selber malen oder basteln, versteckten sich die Bilder bald hinter Türchen, die geöffnet werden konnten. Jeden Tag gab es ein anderes auszuschneiden, aufzudecken oder einfach nur zu bestaunen. So war der Kalender gleichzeitig ein Zeitmesser bis zum Heiligen Abend.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten änderte sich der Inhalt und die Bildsprache. Gängige Weihnachtslieder wurden umgedichtet und christliche Szenen oder Figuren durch Märchengeschichten oder Tierfiguren ersetzt, um so die Verflechtung der besinnlichen Zeit mit dem Christentum zu lösen. Neben den Märchengeschichten enthielt er auch Anleitungen für das Basteln von Weihnachtsschmuck aus Holz oder Ideen und Rezepte für unterschiedliches Sinngebäck. Dieses hat die Form von Symbolen oder Tieren, wie etwa die Martinsgans aus Hefeteig. Daneben machte er aber auch mit Runen bekannt oder thematisierte die Ahnen- und Sippenlehre. Hierfür enthielt er die Bastel-Vorlage für die Erstellung des eigenen Familienstammbaums.

Durch diese Änderungen war der Adventskalender zu einem weiteren Medium der nationalsozialistischen Propaganda geworden. Das Ziel: Kinder auf die Kriegssituation an der Front aufmerksam zu machen und sie aktiv in das Geschehen miteinzubeziehen. So hielten Darstellungen von Soldaten Einzug in den Kalender und er animierte beispielsweise beim Spielen draußen, einen Schneebunker zu bauen. In der Rubrik „Kinder malen“ waren brennende russische Panzer und zerstörte englische Schiffe zu sehen.

Durch den direkten Bezug zum Kriegsgeschehen wurden die Kinder und Familien auch in der besinnlichen Adventszeit mit dem Krieg konfrontiert. Unter anderem bei den Bastelanleitungen wird das deutlich, sollten die Kinder beim Anfertigen der unterschiedlichen Stücke doch an die tapferen Soldaten denken, die in dieser Zeit nicht bei ihren Familien sein können. Ihnen war oft auch das Gebastelte gewidmet. Daneben vermittelte der Kalender weitere NS-Ideale, wie zum Beispiel die Folgsamkeit gegenüber der Mutter.

Mit dem Adventskalender setzte die nationalsozialistische Regierung ihre Bestrebungen fort, die christlichen Weihnachtsbräuche aus dem öffentlichen Leben zu drängen, sie umzudeuten und in Einklang mit der eigenen Ideologie zu bringen. Bei den Kalenderblättern gibt es zwar sowohl solche mit ideologischer Aufladung als auch solche mit harmlosen Bastelanleitungen. Im Vordergrund allerdings steht die Ausrichtung der Vorweihnachtszeit gemäß den Vorstellungen der NSDAP.

Daneben gewährt der Kalender auch einen Einblick in die praktische Lebensrealität während seiner Erscheinungsjahre. Im Unterschied zu den früheren Kalendern sind ab 1943 Rezepte für Gebäck enthalten, bei denen weder Fett noch Eier von Nöten sind.

Der Adventskalender „Vorweihnachten“ weist neben den ideologisch aufgeladenen Inhalten aber auch eine andere Besonderheit auf: Durch seine Buchform, die aufgehängt und jeden Tag umgeblättert werden konnte, zählt er mit zu den ersten Bastel- und Mitmachkalender dieser Art.

Nach dem Ende des Krieges konfiszierten die Alliierten den Kalender zunächst. Im Zuge von Entnazifizierungsprogrammen entschärften sie die Inhalte und 1968, 1973 sowie 1982 erschienen Neuauflagen des einstmals zu Propagandazwecken verwendeten Adventskalenders.

Literatur:

Peschel, Tina: Adventskalender. Geschichte und Geschichten aus 100 Jahren, Husum 2009.

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