25 Jahre Städtepartnerschaft: Reading - Reutlingen
Ungefähr 6.400 Kilometer Luftlinie sowie der Atlantische Ozean trennen Reutlingen von der Stadt Reading im US-Bundesstaat Pennsylvania. Seit 1998 besteht eine Partnerschaft zwischen den beiden Städten. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft im September tritt diesen Monat ein Objekt in den Vordergrund, das aus Reading stammt: Ein Schurz der dort im Jahr 1794 gegründeten Freimaurerloge No. 62 F. & A. M. Die Abkürzung steht für „Free and Accepted Masons“ und gibt Aufschluss über die Gründung der Loge durch den Zusammenschluss „freier und anerkannter Maurer“.
Das Objekt
Der Schurz besteht aus weißem Seidenstoff, dessen Kanten Moirébänder säumen. Bei Moiré handelt es sich um ein Gewebe, das eine Maserung aufweist. Diese entsteht durch das leicht versetzte Übereinanderlegen mehrerer Stofflagen, wobei meist Seide oder Viskose verwendet wird. An der Oberkante des Schurzes ist ein dreieckiger Überschlag angenäht, auf dem die Zahl „62“ und darüber eine Winkelwaage zu sehen ist. Der Schurz selbst weist auf der Vorderseite weitere Winkelwaagen, Zirkel sowie Zirkelmaß auf. Daneben ist auch dort blaues Moiréband verarbeitet. Am oberen Rand des Schurzes verläuft eine ebenfalls blaue Kordel, die an beiden Enden in Quasten ausläuft und zum Umbinden dient.
Die Freimaurer: Der Bund, ihre Ideale und Attribute
Die Freimaurer tragen solche Schurze meist zu festlichen Anlässen innerhalb der Loge. Er versinnbildlicht die sogenannte Tempelarbeit – das Arbeiten an sich selbst, die dadurch angestrebte Selbstfindung sowie die damit einhergehende sinnbildliche Errichtung eines Tempels der Humanität. Das Dekor besteht aus Symbolen, die bekanntermaßen den Freimaurern zugeschrieben sind. Doch auch die Farben haben eine symbolische Bedeutung. Die Farbe Weiß wird mit Licht, Reinheit, Unschuld und der Wahrheit in Verbindung gebracht. Die Farbe Blau steht oftmals für etwas Himmlisches, Göttliches, für Leichtigkeit oder Freundschaft. Außerdem ist es die Farbe der Johannislogen, bei denen Mitglieder drei Grade – Lehrling, Geselle, Meister – durchlaufen. Klassische, mit den Freimaurern assoziierte Werkzeuge zieren den Schurz: Winkel, Winkelmaß sowie Zirkel. Alle diese Symbole verweisen vereinfacht gesagt darauf, das richtige Maß zu finden und vor allem auch zu halten. Eine interessante Bedeutungsebene eröffnet dabei der Zirkel: Von seinen beiden Schenkeln ist der eine fest und der andere beweglich. Dadurch ist es möglich, mit einem Zirkel unterschiedlich große Kreise zu ziehen. Bei den Freimaurern wird das auf den Geist übertragen, der im Rahmen der Tempelarbeit immer größere Bahnen ziehen soll. Außerdem schmücken auch zwei senkrechte Moiré-Balken den Schurz. Diese verweisen auf den Tempel Salomos aus dem Alten Testament. Dieser ließ am Tempeleingang zwei Säulen errichten. Eine von ihnen nannte er „Jachin“, was „ich werde aufrichten“ bedeutet. Der anderen gab er den Namen „Boas“, was für „in ihm ist Stärke“ steht. Auf die Freimaurer bezogen, verdeutlichen die Säulen somit die bereits erwähnte Kernaufgabe der Logenarbeit: das Errichten eines sinnbildlichen Tempels der Humanität. Bei der Zahl „62“ auf dem Überschlag handelt es sich um die Nummer der Loge.
Verbindung: Reading - Reutlingen
Aber was hat der Schurz nun mit Reutlingen zu tun? Die Verbindung stellt ein ehemaliges Logenmitglied her: der Nationalökonom, Eisenbahnpionier und bedeutendste Reutlinger Sohn Friedrich List. Dieser musste, um seiner Haftstrafe auf dem Hohenasperg frühzeitig zu entkommen, Württemberg verlassen und in die USA emigrieren. Dort landete List 1825 und versuchte sich zunächst als Landwirt, bevor er im Herbst 1826 nach Reading übersiedelte. In der Stadt am Schuylkill River arbeitete er als Journalist und Redakteur bei der auf Deutsch erscheinenden Tageszeitung „Readinger Adler“ und war außerdem Teilhaber einer Druckerei. Einen ähnlichen Schurz wie den gezeigten muss auch List erhalten haben, als ihn die örtliche Freimaurerloge aufnahm. Am 7. März 1827 wurde er Lehrling, kurz darauf Geselle und am 2. Mai schließlich zum „Master Mason“ ernannt. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland brach der Kontakt zur Loge jedoch ab. Zwar weilte List nur kurz in Übersee, doch sein dortiges Engagement bildete die Grundlage der Städtepartnerschaft zwischen Reutlingen und Reading. Im September 1998 reiste eine zehnköpfige Delegation um den damaligen OB Stefan Schultes nach Reading. Dort bekräftigten beide Städte ihren Willen, eine Partnerschaft zu etablieren. Die besondere Verbundenheit mit der Historical Society in Reading demonstrierte der damalige Archivleiter Alfred Gemeinhardt, indem er dem Präsidenten des dortigen Geschichtsvereins ein Porträt Friedrich Lists als Dauerleigabe überreichte sowie einige wichtige Archivalien, darunter der Briefverkehr Lists aus der Zeit seines Aufenthalts in den USA. Bis heute pflegen Reutlingen und Reading ihre Partnerschaft aktiv, was beispielsweise an den regelmäßig stattfindenden Schüleraustauschen sichtbar wird. Für Reading hält das Jahr 2023 übrigens ein weiteres stadtgeschichtliches Jubiläum bereit: Die Gründung der Stadt jährt sich zum 275. Mal, was die Bevölkerung bereits im Frühjahr gebührend feierte.
Literatur:
- Stadt Reutlingen (Hrsg.): Friedrich List und seine Zeit (Ausst.-Kat.), Reutlingen 1989, S. 117f.
- Gehring, Paul: „Friedrich List als Freimaurer“, in: Reutlinger Geschichtsblätter, NF 19, 1980, S. 237-245.