Was uns ein Kleiderbügel über die jüdische Stadtgeschichte Reutlingens erzählt
Ein einfacher, alltäglicher und funktionaler Gegenstand wie ein bedruckter Kleiderbügel, der sich seit 2005 in der Sammlung des Heimatmuseums befindet, dokumentiert einen heute nahezu unsichtbaren Teil der Reutlinger Historie. In diesem Alltagsgegenstand lassen sich verschiedene Entwicklungslinien innerhalb der jüdischen Stadtbevölkerung Reutlingens um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert nachvollziehen.
Das Objekt
Der aus Holz und Metall gefertigte Kleiderbügel besitzt an beiden Enden jeweils eine kleine Metallöse, die von unten in den hölzernen Bügel geschraubt wurde, um als Hängevorrichtung zu dienen. Zur Aufhängung des Kleiderbügels dient ein einfacher Metallhaken, der den gebogenen Holzbügel mittig durchbohrt und an der Unterseite durch eine Biegung des Metalls gesichert wurde. Auf der Vorderseite des Kleiderbügels befindet sich die gedruckte Beschriftung „E. Lederer Nachf. Reutlingen“, die eine ungefähre zeitliche Datierung zulässt. Da das Geschäft erst unter dem Nachfolger des Kaufhausgründers in den Jahren 1891 bis 1908 unter diesem Namen firmierte, muss der Kleiderbügel in diesem Zeitraum entstanden sein.
Neuanfang im 19. Jahrhundert
Seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert war es Jüdinnen und Juden in vielen Städten und Territorien des Heiligen Römischen Reiches über Jahrhunderte verboten, sich anzusiedeln. Das vormals traditionell in Städten beheimatete aschkenasische Judentum erfuhr durch die Aufhebung der Niederlassungsrechte sowie die darauffolgenden Vertreibungen aus den Städten – in Reutlingen seit 1495/1515 – einen radikalen Bruch. Bis zum ersten württembergischen Gesetz zur jüdischen Emanzipation 1828, erlaubten nur wenige Territorialherren, wie beispielsweise Reichsritter, jüdischen Familien, sich in ihrem Gebiet anzusiedeln. Diese Erlaubnisse beschränkten sich fast ausschließlich auf Landstädte und Dörfer, so dass erst nach den Impulsen der 1848er Revolution das ländlich geprägte Milieu der jüdischen Gemeinden zunehmend aufbrach. Mit dem Gesetz zur bürgerlichen Gleichberechtigung der württembergischen Juden vom 13. August 1864 fand eine grundlegende Veränderung der Siedlungsstruktur in Württemberg durch eine Migrationsbewegung aus jüdischen Landgemeinden in städtische Zentren statt.
Lederer - Ein Name, drei Familien
Der Name des Kaufhauses „Lederer“ steht für drei jüdische Familien um 1900, deren jeweilige Geschichten die Entwicklungen ihrer Zeit widerspiegeln. In Folge der fortschreitenden Emanzipationsbewegung in den 1880er Jahren ließen sich erste jüdische Familien in Reutlingen nieder. 1891 siedelte sich der aus Böhmen stammende jüdische Kaufmann Eduard Lederer mit seiner Frau als erster jüdischer Textilhändler in Reutlingen an und eröffnete in der Wilhelmstraße Nr. 110 (heute: Ulla Popken) ein Bekleidungsgeschäft. Trotz wirtschaftlichem Erfolg – der „Lederer“ war bald weithin bekannt – verließ die Familie bereits 1908 Reutlingen, um nach Heilbronn zu ziehen. Sein Geschäft übernahm der jüdische Kaufmann Gustav Hirsch aus Speyer, der es unter dem Namen „E. Lederer Nachf.“ an gleicher Stelle fortführte. Dem kaiserlichen Aufruf (Balkonrede 1. August 1914): „Ich kenne keine Parteien und auch keine Konfessionen mehr; wir sind heute alle deutsche Brüder und nur noch deutsche Brüder. […]“ folgend, zog Gustav Hirsch wie viele Juden begeistert für das Deutsche Reich in den Krieg und fiel 1917. Seine Witwe heiratete den aus Aschaffenburg stammenden Juden Alfred Hamburger, mit dem sie das Geschäft bis zum Verkauf im Jahr 1936 unter dem ursprünglichen Namen „E. Lederer“ weiterführte. Der wirtschaftliche Erfolg des Bekleidungsgeschäfts Lederer schützte die Familie Hamburger in der NS-Zeit nicht. Die gesellschaftliche Ausgrenzung und Verleumdung, die wirtschaftliche Vernichtung und sogar die Ermordung durch die Nationalsozialisten im Ghetto Theresienstadt teilte das Ehepaar Hamburger mit ihrem jüdischen Schicksalsgenossen und Geschäftsgründer Eduard Lederer.
Resümee
Die massenhafte Ermordung von Jüdinnen und Juden in der Schoah stellen einen fundamentalen Zivilisationsbruch der deutsch-jüdischen Geschichte dar, an den im kommenden Monat November vielfach erinnert wird. Ein Kleiderbügel, der nach über 100 Jahren seiner Verwendung in einem jüdischen Kaufhaus seinen Weg in die Sammlung des Heimatmuseums gefunden hat, bezeugt damit einerseits den unvorstellbaren Verlust durch die Schoah und dokumentiert anderseits die facettenreiche jüdische Geschichte Reutlingens.
Literatur
- Lang, Stefan: Gleichstellung in Württemberg. Die rechtliche Situation der jüdischen Bevölkerung Württembergs 1806-1871, online nachlesen (Stand: 1.10.2023).
- Schönhagen, Benigna: Der jüdische Friedhof Wankheim. Stätte der Erinnerung, historisches Dokument und Gedenkort. In: Schriftenreihe des Fördervereins für jüdische Kultur in Tübingen E.V. Bd. II, Gomaringen 2021.
- Serger, Bernd/Böttcher, Katrin-Anne: Es gab Juden in Reutlingen. Reutlingen 2005, S. 123ff.