Bauforscher

Drei Fragen an den projektbeteiligten Bauforscher Tilmann Marstaller

Wofür und seit wann sind Sie in dem Projekt tätig?

Meine Aufgabe am Gebäudekomplex ist dessen bauhistorische und – gemeinsam mit Markus Wolf – archäologische Untersuchung. Meine Forschungsarbeit an den Bauten der Oberamteistraße begann lange Zeit vor Start des jetzigen Projektes. 1999 durfte ich im Rahmen des Ausstellungsprojekts „Unter Putz und Pflasterstein“ den Keller von Nr. 30 dendrochronologisch untersuchen. Die damals gewonnenen Erkenntnisse waren Startschuss für weitere bauhistorische und archäologische Untersuchungen 2001, 2004, 2012/13 und 2015-2017. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse bilden heute das wissenschaftliche Fundament für das große Sanierungsvorhaben. Auch während der Sanierung wird an diesem „Fundament“ weitergearbeitet.


Was ist für Sie das besondere an dem Projekt?

Die Sanierung der Gebäudezeile ist eine einmalige, zugleich aber für Reutlingen letzte Chance, ein authentisch in zahlreichen Facetten mit überregional bedeutenden Baubefunden überliefertes Ensemble aus der großen Epoche Reutlingens als Reichstadt zu erhalten. Die Besonderheiten am Bauensemble sind so zahlreich, dass sie aufzuzählen hier jeglichen Rahmen sprengen würde. Schon allein die Tatsache, dass hier vorzeigbare Bausubstanz erhalten ist, die bis in die Gründungszeit im frühen 13. Jh. zurückreicht und über beinahe 700 Jahre hinweg die Entwicklung der bürgerlichen Wohnkultur Reutlingens mit Originalbefunden aufzeigt, ist schlicht atemberaubend.


Wie ist Ihre Arbeitsweise, welche Werkzeuge setzen Sie ein?

Als Bauarchäologe benötigt man zunächst zwei entscheidende Dinge: gute Augen und ein funktionswilliges Gehirn. Nur durch akribische Begutachtung, gezielte Freilegungen und schließlich durch die grafische Interpretation der Befunde können solch komplexe Baustrukturen wie hier zum Sprechen gebracht werden. Datiert werden die Bauabläufe vor allem durch Sachkenntnis sowie - wo möglich - mit Hilfe der zugehörigen Bauhölzer, welche die Chance auf eine dendrochronologische Untersuchung bieten. Dazu entnimmt der Bauforscher mit der Bohrmaschine Bohrproben an sorgsam ausgewählten Bauhölzern und lässt diese in einem Labor auswerten. Heraus kommen bestenfalls jahr(eszeit)genaue Fälldaten der Bauhölzer. Zur Interpretation der Daten ist dann wieder der Sachverstand des Bauarchäologen gefragt. Eines der wichtigsten Werkzeuge ist der Fotoapparat, der unaufhaltsam die freiliegenden und freigelegten Baubefunde festhält.

Bauforscher Tilmann Marstaller bei der Arbeit
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