- Es gilt das gesprochene Wort -
Ansprache Oberbürgermeister Thomas Keck
am Donnerstag 16.05.2024, 17.30 Uhr im Rathaus, Großer Sitzungssaal
Von der freien Reichsstadt in bürgerlicher Selbstverwaltung, Reformation, Revolution 1848/49 zur demokratischen Stadtgesellschaft der Zukunft.
Die Größte Massierung von sogenannten „freien Reichsstädten“, Städten auf dem Boden des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“, liegt im deutschen Südwesten. Diese Städte waren eigene, kleine (Stadt-) Republiken und nur dem Reich, also dem Kaiser weisungsgebunden. Reutlingen war eine dieser „freien Reichsstädte“. Kaiser Ludwig II., genannt „der Borger“, erlies 1343 eine Wahlordnung für die freie Reichsstadt, die beriets bestimmte Gremien der Kommune und deren Wahlmodi festlegte.
Gut 30 Jahre später, 1374, verfügte Kaiser Karl IV. eine revidierte Fassung der Stadtverfassung, die in nahezu unveränderter Form, - und dies stellt ein Alleinstellungsmerkmal unter allen Reichsstädten dar – bis zum Ende der Reichsstadtzeit durch den Reichsdeputationshauptschluss 1802 in Reutlingen gegolten hat!
Man muss sich das vergegenwärtigen: eine weitgehend selbstbestimmte, selbstverwaltete und entsprechend selbstbewusste Bürgerschaft regelt ihre Angelegenheiten selbst, auch juristisch!
Nur aus diesem starken Bewusstsein der bürgerschaftlichen Selbstverwaltung heraus ist das starke Engagement der Reutlinger Bürgerschaft während der Reformation in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu erklären.
An Pfingsten 1524, vor nun genau 500 Jahren, schworen die Reutlinger Bürger vor dem Reformator Matthäus Alber und Amtsbürgermeister Jos Weiß auf dem Marktplatz „die reine Lehre der Evangelien zu verteidigen“, wie es hieß und traten damit zum evangelischen Glauben über.
Trotzdem ist auch in Reutlingen über Jahrhunderte eine starke Diskriminierung von Juden, auch Pogrome sind belegt, schaffte es die selbstbewusste Stadtgesellschaft im 16. Jahrhundert auch, positiv beispielsweise auch mit Zuwanderung umzugehen. Die gelungene Integration der Hugenotten, calvinistische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, soll hier als Beispiel genannt werden. Eine sehr respektable Leistung für eine Stadt mit damals wenigen tausend Einwohnern. Davon zeugen noch heute eine ganze Reihe hugenottischer Familiennamen in unserer Stadt (übrigens bis in unseren aktuellen Gemeinderat hinein).
Und schließlich die Deutsche Revolution 1848/49!
Aufgrund der aktuellen, höchst bemerkenswerten Sonderausstellung des Heimatmuseums zum 175. Jahrestag der Reutlinger Pfingstversammlung 1849 möchte ich hierauf ausführlicher eingehen!
Diejenigen, die bei der Enthüllung der neuen Tafel an der Spitalkirche am Dienstag voriger Woche dabei waren, wissen es bereits: Nicht auf den Tag genau, aber annähernd vor 175 Jahren, am 27. und 28. Mai 1849, richteten sich die Augen des ganzen Landes auf Reutlingen. Die Stadt mit ihrer weit zurückreichenden Tradition von Mitbestimmung und durchaus auch Protest war für die Versammlung der württembergischen Volksvereine bestimmt geworden. Reutlingen war für den Verlauf der Revolution von 1848/49 in Württemberg ein wichtiger, vielleicht am Ende sogar entscheidender Ort.
In der Stadt lassen sich viele Schauplätze mit dem Revolutionsgeschehen verknüpfen. Die Rennwiese mit der gewaltigen Versammlung vom September 1848 während einer Krisensituation des Paulskirchenparlaments, der Kanzleiplatz als Schauplatz der reichsstädtischen Schwörtage, das einstige Lyzeum am Weibermarkt mit seinen beiden liberalen Vorkämpfern in der Lehrerschaft, Carl Friedrich Schnitzer und Wilhelm Kapff. Natürlich auch etliche Wirtshäuser wie der Badgarten am Listplatz und, wie könnte es anders sein, der Marktplatz mit dem – damals noch – Alten Rathaus und dem Spitalhof.
Als unser neues Rathaus als Abschluss des Wiederaufbaus der Stadt nach dem fürchterlichen Krieg wieder errichtet wurde, ging es den Planern und der Stadtspitze um Oskar Kalbfell nicht zuletzt darum, an die Geschichte anzuknüpfen. Ein zeitgemäßes, zum Marktplatz und zur Bevölkerung hin transparentes Ratsgebäude stand (und steht) für demokratische Grundprinzipien nach Jahren der Gewaltherrschaft. Die Öffnung zum Marktplatz mit einer Freitreppe griff die früheste Erwähnung des Rathauses überhaupt in den mittelalterlichen Quellen auf, wo von einer „Ratsstiege“ am Markt die Rede ist.
Am Markt schlug seit jeher das politische und wirtschaftliche Herz der Stadt. Vor 500 Jahren sind hier – übrigens wie 1849 um die Pfingsttage herum – die Bürger mit dem Markteid für mehr Mitbestimmung und für reformatorische Erneuerung eingetreten. Es war der Marktplatz, wo im November 1918 auf gleich zwei konkurrierenden Kundgebungen vor Tausenden Teilnehmern – alles ohne Mikrofon – die neue republikanische Staatsform erklärt wurde. Und es war hier, wo Oskar Kalbfell in mehreren programmatischen Reden seinen Reutlingern nach dem völligen Zusammenbruch wieder Mut zusprach. Eine Linie demokratischer Tradition, weit über die 48er-Revolution hinaus.
Wenn wir heute an die Pfingstversammlung in der Spitalkirche und am Badgarten vor 175 Jahren als Element demokratischer Tradition in Reutlingen erinnern, muss man sich die zugespitzte Lage in der Endphase der Revolution vor Augen führen. Die Menschen standen vor der Entscheidung, sich dem badischen Aufstand anzuschließen oder die Ziele des inzwischen nach Stuttgart ausgewichenen Nationalparlaments auf anderem Weg zu erreichen. Die dort gefassten Beschlüsse mussten auf der für den nächsten Tag im Badgarten angesetzten Volksversammlung durchgesetzt werden. Erst zehn Tage zuvor waren in Offenburg die badischen Volksvereine zusammengekommen. Offenburg galt als Fanal zum badischen Aufstand. Der Großherzog floh, der am Ende blutig niedergeschlagene Versuch, eine deutsche Republik von der Peripherie her zu errichten, nahm dort seinen Ausgang, und scheiterte.
Wie würde sich Württemberg nun verhalten? Diese hoch emotional geführte Debatte handelte genau um diese Frage, Revolution oder Reform, der Griff zu den Waffen oder der Weg der Überzeugung. Die Reutlinger Pfingstversammlung mit ihren 15- oder 20.000, ja manche sprechen von 25.000 Teilnehmern war nach Meinung der Historiker die größte Volksversammlung im Königreich, die es bis dahin gab. Wie viele Menschen sich tatsächlich versammelten, wird nicht mehr zweifelsfrei festzustellen sein. Dass es sich um einen Höhepunkt der Einheits- und Freiheitsbewegung in Württemberg handelte, steht außer Frage. Zeitgenossen schildern ein farbiges Bild von Bürgerwehrmännern und Vereinen aus allen Richtungen des Landes, die mit Fahnen und Trommeln in die Stadt einzogen. Redner aus dem ganzen Land, aber auch ein Vertreter der österreichischen Nationalversammlung in Wien, erhielten das Wort.
Konkret ging es damals auch um die Verteidigung und die Durchsetzung der Paulskirchenverfassung. Der württembergische König Wilhelm hatte sie kurz zuvor mehr widerwillig anerkannt, in Reutlingen war das ganz anders. Gerade heute, 75 Jahre nach der Verabschiedung unseres Grundgesetzes, das am 8. Mai 1949 und sprichwörtlich fünf Minuten vor zwölf unterzeichnet wurde, darf daran erinnert werden, dass in Reutlingen die Bürger im Spitalhof zusammenkamen, um sich öffentlich für die Annahme der Reichsverfassung auszusprechen – mit etwas Pathos ließe sich sagen, für Einheit, Recht und Freiheit aller Deutschen. Wie ernst man das in Reutlingen nahm, zeigt der bald folgende Beschluss, die Verfassung auf Stadtkosten drucken zu lassen und jedem Haushalt zur Verfügung zu stellen.
Verfassungslektüre als Bürgerpflicht. Ich denke, auf diese Idee konnte kommen, wer die Verfassungswirklichkeit der alten Reichsstadt noch vor Augen hatte. Manche kannten damals ja noch die Schwörtage aus eigener Anschauung, wo sich alljährlich unter freiem Himmel zumindest die männliche Hälfte der Bürgerschaft durch Eid mit dem neu gewählten Rat für das Beste der Stadt verband. Die so über Jahrhunderte eingeübte, unmittelbare Anteilnahme am politischen Geschehen bezeichnete Hermann Kurz in einem treffenden Bonmot ein „seltenes Beispiel der reinsten Demokratie“.
Wie ging es nun aus in Reutlingen? Anders als in Offenburg setzte sich die Reformpartei durch, die auf Verständigung anstelle revolutionärer, bewaffneter Bewegung setzte. Eine Delegation sollte in Stuttgart ein Volksheer und ein Zusammengehen mit Baden einfordern, ebenso die Abschaffung der Feudallasten und die Einberufung einer verfassunggebenden Landesversammlung.
Nicht immer findet man in Stuttgart Gehör für das, was man für richtig hält, so ging es auch damals. Es gibt heute nicht wenige Stimmen, die deswegen den in Reutlingen beschlossenen Weg über Minister und Landesparlament für falsch halten, ja sogar für das Scheitern der Revolution verantwortlich machen – sozusagen die berühmte Bahnsteigkarte, die sich die Deutschen laut Lenin kaufen, wenn sie einen Bahnhof besetzen wollen.
Aber es gibt auch andere Ansichten. Man darf wohl skeptisch sein, was die Chancen eines gewaltsamen Weges zu diesem Zeitpunkt anbelangt, da vielerorts in Europa die Bewegung blutig niedergeschlagen wurde und Preußen bereits gegen Baden marschierte. Zudem kann man auch nicht von einem völligen Scheitern der Revolution sprechen. Vielmehr ist Ewald Grothe zuzustimmen, der unlängst die Revolution von 1848/49 als Teil des deutschen Weges zum Parlamentarismus würdigte. Legt man die damals formulierten Grundrechte neben unser Grundgesetz, wird man Vieles von dem wiederfinden, auf was sich die ersten frei gewählten Abgeordneten eines nationalen Parlamentes einhundert Jahre zuvor verständigt hatten und für die man auch in Reutlingen eintrat: Versammlungsfreiheit, Unverletzlichkeit der Wohnung, Freiheit der Wissenschaft und der Religion. Es sind progressive, nach wie vor aktuelle Prinzipien, die weltweit auch heute keineswegs selbstverständlich sind.
Ich darf allen einen Besuch in der diese Woche eröffneten Sonderausstellung des Heimatmuseums zum Thema empfehlen. Die Ereignisse der Revolution in Reutlingen werden hier nachgezeichnet und besonders wird dem Begriff der „Freiheit“ auch unter dem heutigen Blickwinkel nachgegangen. Außerdem gibt es nach wie vor den profunden Themenband der Reutlinger Geschichtsblätter, der zum 150. Jahrestag der Revolution erarbeitet worden ist und die Ereignisse der Pfingstversammlung nachzeichnet.
Meine Damen und Herren,
warum gehe ich zu Beginn der heutigen Gemeinderatssitzung so ausführlich auf diese Dinge ein? Zum einen ist die heutige Gemeinderatssitzung zeitlich dem 175. Jahrestag der Pfingstversammlung am nächsten, zum anderen können wir in diesem Jahr gleich drei besondere Jahrestage von für unsere Stadtgeschichte hoch bedeutenden Ereignissen begehen:
1) Die Bestätigung der Ratswahlverfassung durch Kaiser Karl IV. jährt sich zum 650. Mal.
2) Der Markteid von 1524 jährt sich zum 500. Mal. – und
3) Die Pfingstversammlung 1849 jährt sich zum 175. Mal.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt, worauf ich mit all dem hinaus will?
Reutlingen weist eine herausragende Demokratiegeschichte auf, die es wert ist, weit stärker beachtet zu werden, als dies bislang der Fall ist!
Seit 1343 spinnt sich der Faden demokratischer Errungenschaften und immer wieder damit verbundener besonderen Ereignissen fort.
In keiner freien Reichsstadt war die Stadtverfassung so lange nahezu unverändert und unverfälscht gültig, über 428 Jahre hinweg! Dies, meine Damen und Herren, ist ein historisches Alleinstellungsmerkmal, das diese Stadt auszeichnet!
Reutlingen ist die Stadt der „demokratischen Traditionen“!
Aber, - und darauf kommt es entscheidend an, - tun wir einerseits gut daran, zurückzuschauen auf das, was war an positiver Demokratiegeschichte, aber andererseits den Blick auch nach vorn richten und uns den Zukunftsfragen zu stellen.
Die Rückbesinnung auf die demokratischen Traditionen in unserer Stadt, auf die Opfer und auf ihre Vorkämpfer, sollte Ansporn sein, wenn wir heutigen und zukünftigen Herausforderungen begegnen.
Getreu dem Motto Wilhelm von Humboldts: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, hat keine Zukunft!“