BÜRGEREMPFANG AM 6. JANUAR 2020

- Es gilt das gesprochene Wort - 

Ansprache Oberbürgermeister Thomas Keck 

Liebe Reutlingerinnen,
liebe Reutlinger,
 
seien Sie herzlich begrüßt zum Bürgerempfang in der Stadthalle Reutlingen! Ich freue mich, dass Sie so zahlreich gekommen sind! Im Vorfeld haben wir für dieses Ereignis mehr Anmeldungen bekommen als im Vorjahr. Was möglicherweise auch daran liegt, dass manch einer unter Ihnen von der Neugierde getrieben wurde, wie sich „der Neue“ denn so schlägt bei seinem ersten Bürgerempfang als Oberbürgermeister – und vor allem, mit welchen Ergebnissen er denn nach den ersten neun Monaten im Amt aufwarten kann. Nun, wir wissen ja alle, welche wahrhaft erfreulichen Ergebnisse Menschen nach neun Monaten in der Regel im Arm halten. Damit kann ich nun zwar nicht aufwarten, aber frei nach Frank Sinatra, dessen wunderbaren Ohrwurm wir gerade in einer fantastischen Interpretation des Bläserquintetts der Württembergischen Philharmonie Reutlingen genießen durften (– vielen Dank noch mal dafür! –), will ich es einmal so zusammenfassen: „I did it my Way“.
 
Das Schwäbische Tagblatt bilanzierte in der Silvesterausgabe: „Wer die Nachfolge von OB Barbara Bosch nach deren 16 Amtsjahren antritt, muss möglichst rasch ein eigenes Profil ausbilden und sich abgrenzen. Das kann mit markigen Worten und Aktionismus angegangen werden – oder eher überlegt und mit dezenten Schritten. OB Thomas Keck hat sich für die zweite Option entschieden und sich eher unauffällig aus dem großen Schatten seiner großen Vorgängerin bewegt (…)“ Der Autor, Thomas de Marco, ist zu dem Schluss gekommen, dass ich damit gut gefahren bin.
 
Ich bin offen und umfassend in die Stadtverwaltung aufgenommen worden und habe wunderbare Kolleginnen und Kollegen vorgefunden. Schön für ihn, werden Sie jetzt vielleicht sagen, aber, frei nach dem Bonmot unseres verstorbenen Altbundeskanzlers Helmut Kohl: „Wichtig ist, was hinten rauskommt!“
 
Das ist einiges: Im Jahresrückblick 2019, der draußen ausliegt, können Sie detailliert nachlesen, was wir, Ihre Stadtverwaltung, im vergangenen Jahr auf den Weg für Sie bewegt, für Sie auf den Weg gebracht haben. Um nur einige Beispiele zu nennen: Da wäre das neue Stadtbusnetz, mit dem Sie zehn neue Buslinien, über 100 neue Haltestellen, sechs statt vier Millionen Fahrplankilometer – und damit eine echte Alternative zum Auto haben. Die „Kinderkrankheiten“, mit denen Sie und wir anfangs zu kämpfen hatten, werden schon weniger, einiges haben wir schon angepasst, und ich verspreche Ihnen: Den Rest kriegen wir auch noch in den Griff! Das gilt auch für das 365-Euro-Ticket, das bei Ihnen ein echter Verkaufsschlager geworden ist. Derzeit arbeiten wir auf Hochtouren daran, die weitere Finanzierung nach dem Ende des Förderzeitraums, den uns der Bund bewilligt hat, auf die Beine zu stellen.
Auch bei der Kinderbetreuung hat sich so einiges getan. Im vergangenen Jahr haben wir unter anderem die erweiterten und umgebauten Kindergärten in der Humboldtstraße und in der Schopenhauer Straße sowie den Neubau in der August-Lämmle-Straße eingeweiht, um nur einige der „Baustellen“ für unsere Kleinsten zu nennen. 
Am kommenden Montag feiern wir Richtfest für den neuen Kindergarten in der Aalener Straße, in der Aalener und in der Schleestraße wird es Schlag auf Schlag weitergehen. Insgesamt haben wir, der Gemeinderat und die Stadtverwaltung, die Weichen gestellt für 895 neue Betreuungsplätze. Auch fürs Hotel im Bürgerpark haben wir im vergangenen Jahr die Weichen gestellt. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass vom Parkhotel nicht nur die Stadthalle, sondern die ganze Stadt profitieren wird. Dass zum Hotel eine Stadthalle gehört, war immer klar. Wir können froh sein, mit dem Unternehmer Wolfgang Scheidtweiler, der in Reutlingen bereits sehr erfolgreich das Achalm-Hotel betreibt, dem Architekten Max Dudler sowie dem regionalen Architekturbüro Hartmaier und Partner ein kompetentes Trio für die Realisierung des Hotels gefunden haben!
 
Einige große Schritte weitergekommen sind wir im vergangenen Jahr aber auch bei der Sanierung unseres „Schatzkästleins“ in der Altstadt, der historischen Häuserzeile Oberamteistraße, und bei der Entwicklung von RT_Unlimited, Reutlingens modernstem Gewerbeareal.
 
Außerdem habe ich im Sommer ein Wahlkampfversprechen eingelöst: Die „Task Force Radverkehr“ hat ihre Arbeit aufgenommen und strickt schon eifrig an der attraktiven „Radstadt Reutlingen“, immer in Zusammenarbeit mit den einschlägigen Vereinen und Verbänden. Die Erwartungen sind hoch, aber ich bin überzeugt, dass das interdisziplinäre Team aus Mitarbeitern der Stadtplanung, des Amts für Tiefbau, Grünflächen und Umwelt sowie des Amts für öffentliche Ordnung sie erfüllen kann. Nicht alles ist machbar, nicht alles sofort umsetzbar, nicht alles gefällt allen Verkehrsteilnehmern, das muss uns klar sein. Ich stehe dazu und sage, das ist „My Way“!
 
Im Original stammt dieses Stück übrigens von Claude Francois und heißt „Comme d’habitude“, also: so wie gewöhnlich.
 
Meine Damen und Herren, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich denke, mit „so wie gewöhnlich“ werden wir auf Dauer nicht mehr weit kommen. Wir leben in Zeiten der Veränderung, und zwar so rasanter Veränderung, dass ich manchmal darüber staune, wie fern mir das letzte Jahrhundert ist, das doch erst vor gerade mal 20 Jahren zu Ende gegangen ist. In den neuen 20-er Jahren ist alles anders: Vom Smartphone übers Smart Home, das Smart Manufacturing, die Smart City und die „Smart Grids“ (intelligente Stromnetze, die neben Kraftwerken und Konsumenten auch Speicher integrieren); vom autonom fahrenden Auto über künstliche Intelligenzen für die Krebsfrüherkennung und Algorithmen für die Geldanlage bis zum „Internet of Things“, das nicht nur Menschen, sondern Gegenstände miteinander vernetzt; von der Wahl der Urlaubsreise über die Echtzeitkommunikation mit Menschen auf der anderen Seite des Erdballs bis zur Partnerwahl - die digitale Revolution lässt keinen Bereich des menschlichen Daseins aus. Zukunftsforschern zufolge werden 70 bis 80 Prozent unserer Kinder einmal Berufe ausüben, die wir heute noch gar nicht kennen. Viele Berufe werden ganz verschwinden, andere ganz neu definiert. Dinge, die heute noch selbstverständlich sind, wird es nicht mehr geben. Geldscheine und Münzen, um nur ein Beispiel zu nennen, denn künftig zahlen wir alle per „Near Field Communication“ (NFC), einer  künstlichen Intelligenz, die Menschen anhand des Gesichts, der Stimme oder der Lippenbewegung identifiziert. Dass das vielen Menschen beim Gänsehaut einjagt, ist verständlich, denn manches hört sich ja auch wirklich an wie aus einem Horror- oder Science-Fiction-Film. Ich selbst zähle mich aber eher zu jenen, die überzeugt sind, dass die digitale Welt mehr Chancen, mehr Lebensqualität und Zeit bietet. „Optimisten wandeln auf der Wolke, unter der die Pessimisten Trübsal blasen“, wusste schon Charles Joseph Fürst von Ligne (Offizier, Diplomat und Schriftsteller, 1735 – 1814). In diesem Sinne: Lassen Sie uns optimistisch die Chancen ergreifen, die die „vierte industrielle Revolution“ uns bietet!
 
Eine weitere Herausforderung unserer Zeit ist der Klimaschutz. Auf dem Weg hierher haben Sie vielleicht schon gesehen, dass wir in der vergangenen Woche damit begonnen haben, zwei der zusätzlichen Maßnahmen umzusetzen, die Gemeinderat und Bauausschuss in den vergangenen Monaten zur Verbesserung der Luftqualität und damit zur Vermeidung von Fahrverboten verabschiedet haben Das ist zum einen die temporäre Reduzierung einer Fahrspur in der Lederstraße und zum anderen die Erneuerung der Lärmschutzwand zwischen den Gebäuden Lederstraße 84 und 86. Das geht natürlich nicht ohne Verkehrsbehinderungen, und das Sie uns dafür nicht gerade begeistert um den Hals fallen, ist verständlich. Ich möchte die Gelegenheit heute aber noch einmal nutzen, Sie daran zu erinnern, dass wir das nicht machen, um Sie zu ärgern. Wir sind vielmehr an gerichtliche Auflagen gebunden. Im März vergangenen Jahres hat der Verwaltungsgerichtshof Mannheim der Klage der Deutschen Umwelthilfe stattgegeben und das Land Baden-Württemberg dazu verurteilt, den Luftreinhalteplan für Reutlingen so zu ändern, dass der Grenzwert für Stickstoffdioxid „schnellstmöglich“ eingehalten wird. Heißt im Klartext, wenn wir es nicht schaffen, die Stickoxidwerte in der Lederstraße unter den Grenzwert zu bringen, sind Dieselfahrverbote unvermeidlich – und das würde viele von Ihnen noch mehr ärgern. Ganz zu schweigen von den vielen unter Ihnen, die zu Recht von uns fordern, dass wir auf ihre Umwelt und ihre Gesundheit Rücksicht nehmen (Ja, die gibt es auch!).
 
Die Verkehrswende muss kommen, und sie wird kommen. Ich will Ihnen da auch gar nichts vormachen: Die kurz- und mittelfristigen Maßnahmen gehen zwangsläufig zu Lasten des Autoverkehrs. Der städtische Verkehrsraum hat eine bestimmte Größe, die nicht erweiterbar ist! Wenn wir den Radverkehr ausbauen und neue Verkehrsmittel, wie die Regionalstadtbahn, schaffen wollen, wird dies zwangsläufig zu Lasten des PKW-Individualverkehrs gehen müssen! Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Deshalb wollen wir unter anderem in diesem Jahr mit Ihnen auch über eine autofreie Altstadt sprechen.
 
Mit am eindrücklichsten sind mir persönlich aus dem vergangenen Jahr die vielen, vielen Kinder und Jugendlichen in Erinnerung geblieben, die auf die Straßen und Plätze geströmt sind, um von uns zu fordern, was eigentlich selbstverständlich ist – den Erhalt unserer Erde, so, wie wir sie heute kennen und lieben. Ich sehe das als einen ganz konkreten Auftrag, den uns diese jungen Menschen mit auf den Weg gegeben haben; als eine der ganz großen, wenn nicht die größte Aufgabe der Gegenwart.
 
Nachhaltigkeit und Klimaschutz stehen deshalb ganz oben auf der städtischen Agenda, das Ziel ist klar: ein klimaneutrales Reutlingen bis 2035. Um dieses Ziel zu erreichen, wollen wir unter anderem in diesem Jahr die Weichen stellen für ein städtisches Klimaschutzamt. Wir wollen die Baumschutzsatzung wieder auf die Tagesordnung des Gemeinderats bringen. „Modellstadt“ im Lead-Cities-Bundesprogramm sind wir ja schon: Meine Vision ist, diesen Begriff wirklich mit Leben zu füllen, ein Reutlingen zu schaffen, das in Sachen Luftreinhaltung Vorbildfunktion für andere Städte zu sein, und ich würde mich sehr über Ihre Unterstützung freuen!
Nicht zuletzt wollen wir aber auch kritisch hinterfragen, ob wir am Jahresende wirklich ein extrem feinstaublastiges Feuerwerk brauchen, oder ob wir das neue Jahr nicht auf klimafreundlichere Weise begrüßen können. Das sind die Erfordernisse unserer Zeit. „Man kann seiner eigenen Zeit nicht böse sein, ohne selbst Schaden zu nehmen“, fand Robert Musil, (1880 – 1942, Schriftsteller und Theaterkritiker). In diesem Sinne freue ich mich auf die Diskussion mit Ihnen!
 
Wenn wir alle miteinander an einem Strang ziehen, können wir in diesem, aber auch in vielen anderen Bereichen vieles bewegen. Ich persönlich bin überzeugt davon, dass in unserer Bürgerschaft viel Potenzial vorhanden ist. Gemeinwesen bedeutet, dass jede Bürgerin und jeder Bürger Teil des Ganzen ist und nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten hat, Wenn wir dem Miteinander wieder einen größeren Stellenwert beimessen, den Gemeinschaftsgedanken vertiefen und unsere Kräfte bündeln, können wir mehr erreichen. Daher möchte ich Ihnen heute passend zum Jahresbeginn mit Heinrich Heine (1797 – 1856, Dichter, Schriftsteller und Journalist) zurufen: „Ein kühnes Beginnen ist ein halbes Gewinnen!“
 
Zur Nachhaltigkeit gehören für mich auch nachhaltige Finanzen. Wie Sie wissen, waren wir Ende des vergangenen Jahres haushaltsrechtlich gezwungen, eine Haushaltssperre zu erlassen. Besonders die Gewerbesteuereinnahmen bieten derzeit nur wenig Anlass zu Optimismus. Klar ist, dass das nur eine Momentaufnahme ist. Viel entscheidender wird sein, wie sich die Gewerbesteuer im nächsten Jahr entwickelt. Wir werden Sie kontinuierlich über die weitere Entwicklung informieren und unsere Überlegungen entsprechend anpassen.
 
Auf diese schwieriger werdenden finanziellen Rahmenbedingungen haben wir nur sehr begrenzt Einfluss. Das Gebaren eines amerikanischen Präsidenten, der wie es derzeit aussieht, beste Chancen hat, sowohl das Impeachment-Verfahren als auch die Präsidentenwahl in diesem Jahr unbeschadet zu überstehen – („Yes, he can!“, titelte der Spiegel in einer seiner letzten Ausgaben) – hat auf unseren Stadtsäckel ebenso Einfluss wie die Gestaltung der Steuerpolitik und vieles andere mehr auf Bundes- und auf Landesebene.
 
Wenn ich daran denke, kommt mir der folgende Spruch Friedrich Hebbels (1813 bis 1863, Dramatiker und Lyriker) in den Sinn: „Es gibt Leute, denen man, wenn sie einen Stiefel schon anhaben, nicht unbedingt zutrauen darf, dass sie auch den zweiten anziehen werden“. Hier wünsche ich mir mehr, deutlich mehr Einfluss der kommunalen Spitzenverbände auf die Bundes- und Landespolitik! Städte- und Gemeindetag auf beiden Ebenen können mit ihren Forderungen nicht mehr länger wie Bittsteller behandelt, sondern müssen als Berater und Vertreter jener Behörden, die am nächsten an der Bürgerschaft und deren Forderungen dran sind, ernst genommen werden!
 
Und da wir gerade dabei sind: Auch, was das Ernstnehmen des berechtigten Antrags der Stadt Reutlingen auf die Gründung eines Stadtkreises angeht, ist durchaus noch Luft nach oben! Wir bleiben dran, denn so, wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben!
 
Liebe Bürgerinnen und Bürger, es ist schon viel darüber gesagt worden, dass wir nicht nur am Beginn eines neuen Jahres stehen, sondern sogar eines neuen Jahrzehnts. Viele erkennen Parallelen zwischen den neuen und den alten 20-er Jahren, vieles scheint schon mal dagewesen zu sein. Andere wiederum warnen davor, diese Parallelen zu ziehen.
 
Sicher ist, die „Golden Twenties“ des 21. Jahrhunderts haben ihre eigenen Herausforderungen und bergen ihre eigenen Chancen. Und noch eines ist nach heutigem Kenntnisstand sicher: Wenn der Asteroid „Apophis“, dessen Name auf Deutsch „Gott des Chaos“ bedeutet, gegen Ende dieses Jahrzehnts, nämlich am 13. April 2029, auf die Erde zurast, wird er sie aller Voraussicht nicht zerstören. Der Aufschlag des Kleinplaneten mit rund 300 Metern Durchmesser, der eine Explosion vergleichbar mit einem Erdbeben der Stärke 8,0 auslösen würde, bleibt uns erspart, denn der „Gott des Chaos“ rauscht in 29.470 Kilometern Entfernung an der Erde vorbei. Das ist doch eine gute Nachricht!
 
Und ich habe noch eine weitere gute Nachricht für Sie: Ich bin fast am Ende meiner Rede angekommen! „Die Fähigkeit, sich kurz zu fassen, verlängert das Leben um das Doppelte“, wusste schon die russische Schriftstellerin Soja Boguslawskaya, die übrigens in den 20-er Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren ist und immer noch lebt, was zumindest nicht gegen diese Theorie spricht. Weil ich weder Ihr Leben unnötig verkürzen noch das Leben des leckeren Gebäcks, das uns auch in diesem Jahr dankenswerter Weise wieder die Vollkornbäckerei Berger spendiert hat, unnötig verlängern will, rufe ich Ihnen nun zum guten Schluss ein herzhaftes „Prosit Neujahr!“ zu – nicht ohne Ihnen noch kurz zu erklären, was ich Ihnen da eigentlich wünsche:
Der Ausdruck Prosit geht auf das lateinische prodesse zurück, das so viel bedeutet wie „nützen“ oder „zuträglich sein“. Prosit ist eine der Konjugationsformen von prodesse und bedeutet folglich „es möge zuträglich sein“. Mit diesem Trinkspruch wünsche ich Ihnen also nicht etwa, dass Sie in ein paar Stunden sturzbetrunken aus der Stadthalle torkeln, sondern, dass Ihnen das neue Jahr besonders viel Gutes bringen möge. In diesem Sinne: Prosit Neujahr Ihnen und Ihren Lieben!

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