Rede zum Gedenktag „Nein zu Gewalt an Frauen“

Am 25.11.1999 wurde von der UNO ein internationaler Gedenktag „Nein zu Gewalt an Frauen“ eingeführt. Anlässlich dieses Gedenktages beteiligt sich das Frauenforum Reutlingen gemeinsam mit der Stadt Reutlingen seit 2001 an der bundesweiten Fahnenaktion von TERRE DES FEMMES für ein freies Leben ohne Gewalt für Mädchen und Frauen. 2020 jährt sich das gemeinsame Fahnenhissen zum 19. Mal. Traditionell wird in Reutlingen um den „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“ ein vielfältiges Programm aus Veranstaltungen durchgeführt, die für die vielen Formen von Gewalt an Frauen sensibilisieren sollen. Dies kann pandemiebedingt in diesem Jahr leider nicht stattfinden. Oberbürgermeister Thomas Keck hat die Fahne am Marktplatz dennoch gehisst - und auch sein traditionelles Grußwort zum Gedenktag gesprochen.
  • Liebe Reutlingerinnen und Reutlinger


    Heute ist der internationale Gedenktag „Nein zu Gewalt an Frauen“, der vor 21 Jahren von der UNO eingeführt wurde. Fast genauso lange zeigt die Stadt Reutlingen gemeinsam mit dem Forum Reutlinger Frauengruppen alljährlich Flagge gegen Gewalt an Frauen.  Im Corona-​Jahr 2020 musste ich die Fahne leider alleine hissen. Das Forum Reutlinger Frauengruppen, das alljährlich zu dieser Veranstaltung einlädt, kann Pandemie-​bedingt leider nicht dabei sein.
     
    Gewalt an Frauen und Mädchen ist aber gerade auch in Corona-​Zeiten ein Thema: Letzte Woche erst wurden die neuen Zahlen des Bundeskriminalamtes der Gewaltvorfälle zur häuslichen Gewalt veröffentlicht. Seit Jahren steigen die Zahlen der erfassten Gewalttaten. Alle 45 Minuten wird eine Frau durch ihren Partner oder Ex-​Partner angegriffen oder verletzt. An fast jedem dritten Tag stirbt eine Frau aufgrund der Gewalttat ihres Partners. Die Opfer sind in 81 Prozent der Fälle Frauen. Die Statistik umfasst Delikte wie Mord und Totschlag, Körperverletzung, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Bedrohung und Stalking sowie Freiheitsberaubung. Die Dunkelziffer ist noch viel höher: Viele Fälle werden leider gar nicht erst gemeldet und somit auch nicht offiziell erfasst. Darüber hinaus sind Frauen auch im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz, in Bildungseinrichtungen und zunehmend auch im Internet von Gewalt betroffen.
     
    Unter Pandemiebedingungen und im Lockdown ist das Thema „Gewalt gegen Frauen und Mädchen“ schwieriger und komplexer geworden. Wenn Partner räumlich so nah zusammen leben und vermehrt finanzieller und psychischer Druck aufkommt, können Konflikte häufiger eskalieren. Erschwerend kommt hinzu, dass im Lockdown Frauen weniger Hilfe suchen. Wenn Frauen durch ihre Partner kontrolliert werden, haben sie praktisch keine Möglichkeit, telefonische Beratungs-​ und Hilfsangebote zu nutzen. Dies melden bundesweit die Beratungsstellen und Frauenhäuser. De Beratungsstellen in Reutlingen bestätigen das.
     
    Zu Beginn der Corona-​Pandemie gingen insbesondere die Zahlen der Wohnungsverweise zurück. Mittlerweile steigen jedoch die Anfragen deutlich an. Die Beratungsstellen gehen davon aus, dass Menschen häusliche Gewalt erleben, sich aber keine Hilfe holen. So reduzierten sich die Nachfragen nach Hilfsangeboten bei der Fachberatungsstelle Frauenzentrum Reutlingen während des Lockdowns im Frühjahr. Dafür war das Frauenhaus im Juli und August weit über die Kapazitätsgrenzen ausgelastet. Es mussten zusätzliche Schutzwohnungen angemietet werden, die auf dem lokalen Wohnungsmarkt kaum zu bekommen sind.
     
    Deshalb lege ich Ihnen, liebe Reutlingerinnen und Reutlinger, ans Herz: Seien Sie gerade jetzt aufmerksam in Ihren Familien, Nachbarschaften, Freundeskreisen, in Ihrem Arbeitsumfeld, in der Schule oder auch im Internet! Schalten Sie die Polizei ein. Schreiten Sie ein, wenn Frauen und Mädchen beschimpft, beleidigt oder bedroht werden, aber gefährden Sie sich nicht selbst.
     
    Übrigens gibt es traditionell um den „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“ ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm – in diesem Jahr leider nur reduziert und online. Auf unserer Homepage finden Sie alle Infos.
     
    Wir haben die Nase voll von Gewalt an Frauen! Deshalb gibt es auch in diesem Jahr wieder unsere Aktions-​Taschentücher samt hilfreichem Beipackzettel in Apotheken und Arztpraxen. Halten Sie danach Ausschau und denken Sie immer daran: Sie sind nicht allein! Wir helfen Ihnen dabei, Gewalt für immer hinter sich zu lassen!
     
    Herzlich, Ihr
    Thomas Keck
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