Rede zum Schwörtag 2021

Erneut ist der Schwörtag in diesem Jahr der Pandemie zum Opfer gefallen. Eigentlich hätten die Reutlingerinnen und Reutlinger am 18. Juli 2021 miteinander den 17. Schwörtag der Neuzeit gefeiert. Den traditionellen Bürgermeister-Eid hat OB Thomas Keck in Form einer Videobotschaft dennoch geleistet.

Der Reutlinger Schwörtag – immer am zweiten Sonntag nach dem 4. Juli (dem Ulrichstag) – war ab dem 14. Jahrhundert bis zum Jahr 1802 das zentrale politische Ereignis und zugleich ein großes Bürgerfest in der ehemaligen Freien Reichsstadt Reutlingen. Doch wie so viele Veranstaltungen ist auch die neuzeitliche Version dieses „Tags des demokratischen Frohsinns“ erneut der Pandemie zum Opfer gefallen. Den traditionellen Bürgermeister-Eid hat OB Thomas Keck dennoch geleistet (ein Film von Jochen Heid).

Liebe Reutlingerinnen,
liebe Reutlinger!

„es ist schön, dass wir mal wieder 82 Millionen Bundestrainer im Land haben statt 82 Millionen Virologen.“ Mit diesen Worten des deutschen Nationalspielers Leon Goretzka begrüße ich Sie herzlich an diesem Sonntag, an dem wir eigentlich den 17. Schwörtag der Neuzeit gefeiert hätten. In diesem Jahr ist das Fest wie viele andere Veranstaltungen der Pandemie erneut zum Opfer gefallen. Auch deshalb hätte die Phase der 82 Millionen Bundestrainer ruhig noch ein bisschen länger andauern können, anstatt bereits im Achtelfinale zu enden. Aber dennoch spiegeln diese Worte den Optimismus wider, den niedrige Inzidenzzahlen und die damit einhergehenden Lockerungen, die zunehmende Belebung der Innenstädte und damit auch der Kassen der monatelang darbenden Händler, Gastronomen und Dienstleister mit sich brachten.

Hinter uns liegen Monate der Sorge um unsere Zukunft und wir alle mussten mit vielen Entbehrungen und Einschränkungen unserer Freiheit zurechtkommen.  
Während die einen zu Stillstand verdonnert waren, boomte beispielsweise die Bauwirtschaft. Im vergangenen Jahr konnten wir zum Beispiel die neu gestaltete Ortsmitte von Altenburg einweihen. Rund 8,9 Millionen Euro hat die Baumaßnahme, eine der größten der letzten Jahre, gekostet.

Im Oktober 2021 starteten die Baumaßnahmen für den 28 Millionen teuren Nachfolge-Neubau des Pflegeheims Voller Brunnen.

Das uns auch die Jüngsten am Herzen liegen, zeigen millionenschwere Investitionen in vier neue Kindertagesstätten mit Platz für rund 300 Kinder.

Und vor wenigen Tagen rückten die Abrissbagger auf dem ehemaligen Betz-Areal an, um den Weg für die Entwicklung und Vermarktung des modernen Industrieparks RTunlimited frei zu machen.

RTunlimited soll schon bald Unternehmen aus den Bereichen Industrie 4.0, Smarte Produktion, digitale Transformation und Anwendungen für Künstliche Intelligenz beherbergen.
Mitten in einer der schwersten Wirtschaftskrisen des Landes verwirklichen wir diese Vision von einem zukunftsfähigen Industriepark.

Die Stadt selbst steckt ebenso in einer nie dagewesenen finanziellen Schieflage. Ich will eines klar feststellen: Wir haben keineswegs schlecht gewirtschaftet. Aber es war und ist eine Tatsache, Reutlingen trägt die Ausgabenlast einer Großstadt bei einer gleichzeitigen Einnahmesituation einer mittleren Stadt! Und ich bleibe dabei, gerade in dieser Hinsicht würde eine Stadtkreisgründung unsere Situation nachhaltig verbessern!
Trotzdem möchte ich ausdrücklich betonen: Stillstand wird es in unserer Stadt nicht geben! Der Doppelhaushalt 2021/2022, der derzeit zur Genehmigung beim Regierungspräsidium Tübingen liegt, enthält dennoch Investitionen für Projekte, die keinen Aufschub dulden und die deutlich in die Zukunft weisen.

Die Reutlinger Geschichte lehrt uns jedoch, dass wir es schaffen können. Nicht zuletzt auch dank der engagierten Bürgerschaft hat unsere Stadt schon viele Krisen erfolgreich gemeistert. 
Nach den langen Monaten des Abstands und der sozialen Abstinenz soll Reutlingen wieder zu dem werden, was die Stadt seit jeher besonders macht: ein bunter, lebendiger Ort, der seine Traditionen gern feiert.

Die Stadtmarketing und Tourismus Reutlingen GmbH (StaRT), die Interessensgemeinschaft für ein attraktives Reutlingen RTaktiv e.V., die Reutlinger Gastro Initiative e.V. (RGI), die Kulturbetriebe und die Stadtverwaltung Reutlingen haben sich zusammengeschlossen, um den Reutlinger Sommer 2021 zu einem breit angelegten „RestaRT“ zu machen. Das facettenreiche Programm finden Sie unter www.reutlinger-sommer.de. Reinschauen lohnt sich!

Eine wunderbare Ergänzung des Sommerprogramms wäre zweifelsohne der Schwörtag gewesen. Dieses Wochenende hätten wir allen Grund gehabt, den Schwörtag gemeinsam zu feiern.

Die Deutsche UNESCO-Kommission hat dieses Jahr dem gemeinsamen Antrag der Städte Reutlingen, Ulm und Esslingen entsprochen und die heute noch lebendigen Schwörtagstraditionen in diesen einstigen Reichsstädten in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Ich freue mich sehr, dass diese jahrhundertealten Wurzeln unserer kommunalen Selbstverwaltung nunmehr auch diese Anerkennung erfahren haben.

Auch wenn wir heute noch nicht mit Gewissheit sagen können, ob 2022 die Pandemie erfolgreich bekämpft ist und wir vollständig in die Normalität zurückgekehrt sind, sehe ich zuversichtlich in die Zukunft und schließe mich den Worten des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry an, der einmal sagte:  "Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen". 
Deshalb laufen schon jetzt die Vorbereitungen für das kommende Schwörtagswochenende. Fühlen Sie sich heute schon herzlich eingeladen.

Ich jedenfalls bin bereit, alles zu tun, um die finanzielle Krise erfolgreich zu meistern. Deshalb will ich es nicht versäumen, am heutigen zweiten „Schwörtag der etwas anderen Art“ den traditionellen Bürgermeistereid der Freien Reichsstadt zu leisten.

Eid:

„Meinem befohlenem Ambt mit Treue
und Fleiß, in aller Sorgfältigkeit vor zustehen,
der Statt, dem Land und ganzem Vatterland, jeder Zeith alle
treu und wahrheit zu leisten,
deren Nuzen und Frommen zu schaffen und zu fördern,
Nachtheil und Schaden zu warnen und zu wenden,
auch gegen Reich und Arme ohne unterschied der Persohnen
ein gleicher und unpartheyischer Ambtmann zu seyn,
und innsgemein das Beste zu thun,
nach meinem besten Verständtnuß, ...“

Ihr Thomas Keck
Oberbürgermeister

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