- Es gilt das gesprochene Wort -
Liebe Reutlinger Bürgerschaft,
verehrte Gäste!
Leider muss ich Ihnen mitteilen: Sie sind in Reutlingen! Wohl durch eine üble Laune des Schicksals hat es Sie an diesem an sich recht schönen und sonnigen Sonntag ausgerechnet in die Stadt verschlagen, deren Anfangsbuchstaben REU für bereuen stehen. Vielleicht sind Sie heute Morgen sogar in bester Urlaubslaune aufgewacht – nur, um sich unverhofft in einer Stadt wiederzufinden, deren Bürgerinnen und Bürger leben, wo keiner Urlaub macht. Hier sitzen Sie also nun – und stellen ernüchtert fest: Große Achalm, nichts dahinter. Selber schuld! Denn schließlich hatten wir Sie ja ausdrücklich gewarnt: Nichts ist so langweilig wie ein aufregender Tag in Reutlingen.
Meine Damen und Herren, Sie haben es natürlich schon gemerkt: Ich spiele an auf unsere Marketingkampagne, die jüngst bundesweit für Aufsehen sorgte. Die Tagesschau, Sat1, RTL, Pro Sieben, die BILD-Zeitung und zahlreiche andere überregionale Medien kamen zu unserer Pressekonferenz, um zu erfahren, was hinter diesem „Selbstbashing“ stecken könnte. Die Agentur, die uns begleitete, spricht von insgesamt 190 Millionen Kontakten – und falls Ihnen das genau so viel sagen sollte wie mir, kann ich Ihnen verraten: Das ist wirklich verdammt viel!
Reutlingen kann man nicht mögen. Nur lieben! Knapp 500 Menschen stimmten dem Schlüsselsatz der Kampagne bislang zu, indem sie uns ihre ganz persönliche Liebesgeschichte auf der website nurlieben.de verraten haben. Was mir persönlich mein „Heimat-lingen“ ist, ist anderen ihr „Einfach-alles-lingen“, ihr „Ecken-und-Kanten-lingen“, ihr „Nette-Leute-lingen“, ihr „Wohlfühl-lingen“, ihr „Raus-ins-Grüne-Lingen“. Oder auch: ihr „Mitbestimm-lingen“.
Und so schließt sich der Kreis, denn unser aller – wie ich doch sehr hoffe – „Lieb-lingen“ feiert sich eben mitnichten nur für die engste Straße der Welt, wie die Kampagne selbstironisch behauptet.
Nein, liebe Bürgerinnen, liebe Bürger, heute feiert sich Reutlingen für ein weiteres, aber sehr viel bedeutsameres Alleinstellungsmerkmal, das schon so manches Jahrhundert auf dem Buckel hat: Heute sind wir „Schwör-lingen“! Und damit sind wir darüber hinaus heute sogar (gemeinsam mit Esslingen und Ulm) „UNESCO-Kulturerb-lingen“!
Bekanntlich war der Schwörtag in der Reichsstadt Reutlingen vom 14. Jahrhundert bis zum Jahr 1803 das zentrale politische Ereignis und zugleich ein vom Chronisten Christoph Friedrich Gayler als „Tag des demokratischen Frohsinns“ bezeichneter allgemeiner Festtag. Alljährlich am zweiten Sonntag nach dem Ulrichstag am 4. Juli wurden einerseits die Bürgermeister der freien Reichsstadt vorgestellt, gewählt und vereidigt, andererseits der Bürgerschaft auf die neue Regierung eingeschworen. Die Bedeutung des Schwörtags erklärt sich aus der Reichsstadtverfassung aus dem Jahr 1374, deren 650. Jubiläum wir dieses Jahr feiern.
Diese Verfassung meine ich, wenn ich betone, dass es sich bei unserem Schwörtag um ein Alleinstellungsmerkmal handelt. Denn freie Reichsstädte, also eigene kleine „Stadt-Republiken“, die nur dem Reich, sprich dem Kaiser gegenüber weisungsgebunden waren, gab es zwar vor allem im Südwesten einige. Ihren politischen Aktivitäten zugrunde lag eine 1343 erlassene Wahlordnung Kaiser Ludwigs II – des „Bayern“ –, die bestimmte Gremien der Kommune und deren Wahlmodi festlegte. Doch anders als in anderen Reichsstädten galt die revidierte Form der Stadtverfassung, die Kaiser Karl IV. 1374 verfügte, in nahezu unveränderter Form in Reutlingen bis zum Ende der Reichsstadtzeit durch den Reichsdeputationshauptschluss 1803.
Wenn wir also heute miteinander den 18. Schwörtag der Neuzeit feiern, feiern wir auch eine weitgehend selbstbestimmte, selbstverwaltete und entsprechend selbstbewusste Bürgerschaft, die 428 Jahre lang ihre Angelegenheiten selbst regelte.
Das passt perfekt ins 75. Jahr unseres Grundgesetzes. Das passt darüber hinaus auch zum 500. Jahrestag des Markteids 1524 und zum 175. Jahrestag der Pfingstversammlung 1849, beides wiederum Reutlinger Jubiläen, die wir in diesem Jahr begangen haben.
Vor allem passt das aber auch zum selbstbewussten Duktus unserer Marketingkampagne: Wir sind „Demokratie-lingen“! Tatsächlich weist Reutlingen eine herausragende Demokratiegeschichte auf, die aus meiner Sicht viel mehr beachtet werden sollte, als dies bislang der Fall ist. Reutlingen ist die Stadt der demokratischen Traditionen!
Und gerade diese Rückbesinnung auf diese demokratischen Traditionen unserer Stadt sollte uns ermutigen, heutigen und zukünftigen Herausforderungen tatkräftig, selbstbestimmt und selbstbewusst zu begegnen!
Das gilt auch und vor allem für ein durch und durch demokratisches Organ der Stadt, den neuen Gemeinderat, der in rund eineinhalb Wochen (23. Juli) zu seiner konstituierenden Sitzung zusammentritt. Insgesamt 14 neue Gesichter mischen sich unter die insgesamt 40 Stadträtinnen und Stadträte. Einige von Ihnen sind heute hier, ich heiße Sie (noch
einmal) herzlich willkommen. 14 neue Gremiumsmitglieder sorgen nicht nur dafür, dass sich das Durchschnittsalter des Gemeinderats von 61 auf 54 Jahre verringert. Sie bringen sicherlich auch frischen Wind, neue Themen, neue Schwerpunkte und neue Perspektiven in den Sitzungssaal. Die Jüngste unter ihnen ist erst 16 Jahre alt, insgesamt sieben Neuzugänge sind unter oder gerade 30. Ich bin sicher, das wird unserer Stadt guttun!
Ich erinnere mich noch gut daran, als ich selbst neu in den Gemeinderat eingezogen bin. Ich war zwar schon 31 – also vergleichsweise uralt – aber dennoch sehr unsicher. Diese Unsicherheit jedoch ist schon bald einem erhabenen Gefühl gewichen, denn das Amt strahlt eine gewisse Würde aus, und ich habe es immer als Ehre empfunden. Ihnen als Neu-Stadträtinnen und Neu-Stadträten kann ich nur ans Herz legen, es ernst zu nehmen. Denn wenn Sie das tun, können Sie Ihre Stadt entscheidend mitgestalten.
„There’s no-lingen like Reutlingen“, eben. Das ist nicht nur ein – zugegebenermaßen verdammt guter – Werbespruch, es ist gewissermaßen auch die Verpflichtung, die uns alle eint – egal, ob wir neu im Gemeinderat oder schon jahrelang dabei sind, ob wir an der Spitze der Stadtverwaltung stehen oder nur ein kleines Rädchen sind. Egal, ob wir Händler, Gastronomen, Gewerbetreibende oder Bürgerinnen und Bürger sind: Wenn es unserer Stadt gutgeht, geht es auch uns allen gut!
Auch deshalb sollten wir uns die einstigen freien Reichsstädter zum Vorbild nehmen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und so dafür sorgen konnten, dass sich ihre Stadt über viele Jahre zu einem wohlhabenden Ort entwickelte. Zeugnisse des damaligen Wohlstands sind bis heute die Marienkirche oder Reste der Stadtbefestigung. Für derart prächtige Gebäude bedurfte es des entsprechenden „Kleingelds“.
Dieses „Kleingeld“ ist es, an dem es der Stadt heute leider mangelt. Dennoch sind wir in Sachen Stadtfinanzen nach drei überaus harten Konsolidierungsrunden auf dem richtigen Weg: Den Genehmigungs-Erlass für den aktuellen Doppelhaushalt 2024/25 hat Regierungspräsident Klaus Tappeser mit dem handschriftlichen Zusatz „Reutlingen ist auf gutem Wege, Gratulation!“ versehen. Ich muss gar nicht so weit über den Reutlinger Tellerrand schauen, um sagen zu können: Manch andere Stadt ist davon noch weit entfernt.
Sparen müssen wir weiterhin, das ist klar. Nichtsdestotrotz nehmen wir in diesem Jahr viel Geld in die Hand, um unsere Innenstadt attraktiver zu machen. Wie in allen anderen Städten auch steht der Einzelhandel schon lange vor der Herausforderung, mit dem Online-Handel konkurrieren zu müssen. Die Pandemie hat ihr Übriges getan, auch für unsere Gastronomen. Unsere Geschäfte und Restaurants haben sich dennoch vergleichsweise gut behauptet, die Besucherfrequenz ist ebenfalls durchaus erfreulich:
7,9 Millionen Passantinnen und Passanten haben wir 2023 in der Wilhelmstraße gezählt – rund 300.000 mehr als vor Corona 2019!
Um dieses Ergebnis noch steigern zu können – und nicht zuletzt auch, um rasch und angemessen auf die Schließung von Galeria Kaufhof und die Ankündigung der Breuninger-Schließung zu reagieren –, haben wir im Frühjahr 16 „Vitamine“ zur Belebung der Innenstadt vorgestellt. Es erfüllt mich mit Stolz auf die Stadtverwaltung und deren Töchter, dass ich Ihnen heute verkünden kann: Viele der 16 Maßnahmen sind bereits umgesetzt – und entfalten ihre volle Wirkung. Wenn Sie beispielsweise in den letzten beiden Wochen auf unserem Marktplatz waren, werden Sie ihn wahrscheinlich kaum wiedererkannt haben. Das mobile Wasserspiel sorgt nicht nur für sommerliches Flair, sondern auch dafür, dass sich Familien gerne hier aufhalten. Auch das kostenlose Busfahren am Samstag sowie die zweite Stunde Gratisparken in unseren städtischen Tiefgaragen erfreuen sich schon jetzt großer Beliebtheit, ganz zu schweigen von unserer neuen Ringbuslinie, mit der sich der Einkaufsbummel in der Innenstadt gewissermaßen bequem im Sitzen erledigen lässt. In Sachen Sicherheit und Sauberkeit sind wir nun ebenfalls besser aufgestellt.
Und das ist erst der Anfang. Dank der Fördermittel aus dem Bundesprogramm „zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“, kurz ZiZ, können wir unter anderem am kommenden Sonntag eine neue Eventbühne auf der Echazterrasse einweihen, die den ehemaligen Zentralen Omnibusbahnhof belebt. Ein veritabler Diamant in unserer Innenstadt dürfte ein weiteres ZiZ-Projekt werden: die Biosphärenmarkt- und Manufakturenhalle. Das Interesse der potenziellen beteiligten Akteure ist derart überwältigend, dass ich mich frage, ob die gewählte Örtlichkeit überhaupt ausreichen wird, um das gewaltige Interesse in Gänze abzubilden!
Apropos Biosphäre. Auch die Erweiterung unseres Flächenanteils im Biosphärengebiet Schwäbische Alb wird immer konkreter. Als Mitgliedskommune der ersten Stunde haben wir im Jahr 2008 1.522 Hektar eingebracht, nun haben wir uns mit einer Erweiterungsfläche von 3.433 Hektar südlich der Bahnlinie beworben. Im kommenden Herbst soll final entschieden werden, die Anerkennung durch die UNESCO ist für Juni 2027 vorgesehen. Und wenn wir in unserer Marketingkampagne spöttisch gefragt haben, was die Schwäbische Alb verbrochen hat, dass man ihr Reutlingen vor die Füße gebaut hat, kann ich nun eine selbstbewusste Antwort darauf liefern: Sie wird nicht bestraft, sondern im Gegenteil sogar noch dafür belohnt. Denn mit der Gebietserweiterung vergrößert sich das Biosphärengebiet Schwäbische Alb nicht nur um 40 Prozent auf 120.000 Hektar, es leben dann statt bislang 146.000 sage und schreibe 260.000 Menschen in diesem ganz speziellen Gebiet. Welche Vorteile das für die Vermarktung regionaler Produkte, für das Image unseres schönen Landstrichs und für den Tourismus mit sich bringt, kann sich wohl jeder selber ausmalen.
Dazu passt ein weiteres Reutlinger Herzensprojekt, die Bundesgartenschau 2039. Für die wohl einzigartige Kooperation mit unseren Echaz-Nachbarn Lichtenstein, Pfullingen, Eningen, Wannweil und Kirchentellinsfurt läuft gerade die Bürgerbeteiligung zur Machbarkeitsstudie. Hunderte Bürgerinnen und Bürger haben uns schon ihre Ideen für so eine Bundesgartenschau verraten. Falls Sie es noch nicht getan haben: Nur zu! Unter anderem bei einem kleinen Abendspaziergang über die Pomologie finden Sie die entsprechenden Möglichkeiten dazu. Ob wir letztlich tatsächlich eine gemeinsame BUGA stemmen werden, entscheiden unsere jeweiligen Gemeinderäte auf der Grundlage der Machbarkeitsstudie, die voraussichtlich im kommenden Frühjahr vorliegen wird. Sicher ist bislang nur, dass die Deutsche Bundesgartenschaugesellschaft in Bonn das Jahr 2039 für uns reserviert hat.
Sicher ist aber auch, dass die Echaz – von der Quelle bis zur Mündung – eine tragende Rolle bei diesem gemeinschaftlichen Großereignis spielen wird. Und damit sind wir wieder bei unserem Schwörtag angelangt, denn auch der Wohlstand der freien Reichsstädterinnen und Reichsstädter der Vergangenheit war im wahrsten Sinne des Wortes von der Echaz „beein-flusst“. Ihr Wasser stillte nicht nur deren Durst und trieb die vielen Mühlen an, deren Produkte sie vor Hunger bewahrten, es bildete auch die Arbeitsgrundlage für Gerber, Walker, Färber und viele andere Handwerker, die letztlich als Rückgrat der Wirtschaft das Stadtbild prägten. Hätte es die Echaz nicht gegeben, wir stünden heute höchstwahrscheinlich gar nicht hier.
Dass sie auch negative Begleiterscheinungen hatte, indem sie immer mal wieder über die Ufer trat und tritt, will ich an dieser Stelle gar nicht verschweigen. Anders als unsere Altvorderen sind wir heute mehr denn je dem Klimawandel und seinen Folgen ausgesetzt: Hochwasser, Hitze, Hagel, Starkregen, um nur einige zu nennen. Die Klimafolgenanpassung ist eine große Herausforderung für alle Kommunen. Hier in Reutlingen sind wir auf einem vergleichsweise guten Weg. Erst kürzlich haben wir den symbolischen Baggerbiss für den Neubau der Betzinger Echaz-Brücke Hoffmannstraße als weiteres Element unseres Hochwasserschutzes begangen. Am kommenden Samstag, 20. Juli, geht es ab 10 Uhr in Stadthalle und Bürgerpark schon weiter mit dem „Ersten Reutlinger Extremwettertag“. Unsere Stadt hat in den letzten Jahren viele extreme Wetterereignisse durchlebt. Diese Herausforderungen können wir nur gemeinsam bewältigen. Unter dem Motto „Jeder ist betroffen, keiner ist machtlos“ zeigen wir Ihnen, wie Sie sich und Ihr Zuhause besser schützen können.
Meine Damen und Herren, eines kann ich Ihnen jetzt schon versprechen: Unsere Stadtentwässerung, die den Tag federführend auf die Beine gestellt hat, unsere Feuerwehr und viele weitere Akteurinnen und Akteure haben sich jede Menge einfallen lassen für diesen Tag, der meines Wissens in dieser Form der erste in Baden-Württemberg ist. Mit von der Partie sind unter anderem Umweltministerin Thekla Walker, „Sturmjäger“ Marco Kaschuba und ARD-Wettermoderator Thomas Ranft. Und bevor mir Leon Reiff, Schüler des Friedrich-List-Gymnasiums, den Schwörstab bringt, möchte ich Sie herzlich einladen: Kommen Sie an diesem Tag, lassen Sie sich zeigen, wie Sie sich, Ihre Lieben und Ihr Hab und Gut bestmöglich schützen können. Denn wie alle anderen großen Herausforderungen unserer Zeit können wir auch diese Herausforderung nur gemeinsam meistern!
Spruch von Leon Reiff:
„Den Schwörstab aus der Reichsstadtzeit,
den halt ich hier für Sie bereit.
Geachtet sei unsere Tradition –
zum Wohl jeder Reutlinger Generation!“
Eid von Oberbürgermeister Thomas Keck:
„Meinem befohlenem Ambt mit Treue
und Fleiß, in aller Sorgfältigkeit vor zustehen,
der Statt, dem Land und ganzem Vatterland, jeder Zeith alle
treu und wahrheit zu leisten,
deren Nuzen und Frommen zu schaffen und zu fördern,
Nachtheil und Schaden zu warnen und zu wenden,
auch gegen Reich und Arme ohne unterschied der Persohnen
ein gleicher und unpartheyischer Ambtmann
zu seyn,
und innsgemein das Beste zu thun,
nach meinem besten Verständtnuß ...“