Schwörtagsvortrag 2021

Den Start zum Schwörtagswochenende bildet ein von Geschichtsverein und Stadt veranstalteter Vortragsabend. 
„Demokratie braucht Vielfalt“ so lautete dieses Jahr der Vortrag, den Landtagspräsidentin Muhterem Aras am Freitag, 16. Juli 2021 um 19 Uhr  Corona-bedingt als Livestream gehalten hat.

Zum Nachlesen

- Es gilt das gesprochene Wort -


Begrüßung Oberbürgermeister Thomas Keck

Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin Aras,
sehr geehrte Mitglieder des Bundestages und des Landtags, Frau Müller Gemmecke, 
Herr Donth, Herr Poreski.
Für den Gemeinderat begrüße ich die Fraktionsvorsitzenden und die Sprecher des Integrationsrats,
ein herzlicher Gruß geht auch an Frau Erste Bürgermeisterin Hotz und meine Bürgermeisterkollegen Hahn und Kreher,
sehr geehrte Frau Betz-Wischnath, Sie vertreten heute den Reutlinger Geschichtsverein, auch Ihnen ein herzliches Willkommen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren hier im Saal und zu Hause an den Bildschirmen.

Nach einem Jahr Zwangspause freue ich mich, Sie heute wieder zu einem Schwörtags-vortrag begrüßen zu können. Die Umstände, das ist ja unnötig zu sagen, sind nach wie vor besondere. Hier im Saal der Volkshochschule konnte zusammen mit unserer Schwörtags-rednerin nur eine kleine Schar mit Maske und Abstand zusammengekommen – wir wollten uns nicht das Londoner Wembleystadion zum Vorbild nehmen! 
Für die Bürgerinnen und Bürger wurde dank der technischen und organisatorischen Unterstützung der Volkshochschule ein Livestream ermöglicht. Dafür Ihnen, lieber Herr 
Dr. Bausch, nochmals ein herzliches Dankeschön. Nachdem wir dann leider auch nicht wie gewohnt im Anschluss mit allen Zuhörern ins Gespräch kommen können, darf ich auch gleich darauf hinweisen, dass der Schwörtagsvortrag von Frau Aras für vier Wochen auf dem städtischen youtube-Kanal abrufbar sein wird.
 
In diesem und im vergangenen Jahr hat uns nicht nur die Pandemie vor Heraus-forderungen gestellt. Unsere Demokratie steht mehr als 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Konkurrenz mit autoritären Regimen weltweit und wird auch im Innern und einer Weise in Frage gestellt, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Wir alle sind deswegen gefordert, für unsere demokratischen Errungenschaften einzustehen. Die Städte als Orte, wo sich Politik am unmittelbarsten ausmünzt, stehen dabei in besonderer Weise im Brennpunkt. Kann uns das Erbe der Schwörtage dabei helfen?

Der Reutlinger Schwörtag, inzwischen, Sie wissen das alle, von der Deutschen Unesco-Kommission als nationales Kulturerbe anerkannt, wurde im Jahr 2005 „wiederbelebt“. Ziel war und ist es, Reutlingens reichsstädtisch-demokratische Tradition mit einem zeitge-mäßen gemeinschaftsstiftenden Element zu verbinden. Schon früh wurde dabei zusammen mit dem Reutlinger Geschichtsverein der Schwörtagsvortrag an den Beginn gesetzt. Er soll heutige gesellschaftliche, politische und kulturelle Themen und Probleme aufgreifen und den Bogen zu unserer besonderen, reichsstädtischen Tradition schlagen.

Ich freue mich ausgesprochen, dass wir heute mit Frau Landtagspräsidentin Muhterem Aras eine prominente Persönlichkeit des politischen Lebens in unserem Land zu Gast haben. Frau Aras hat sich höchst passend die Demokratie vor dem Hintergrund einer sich wandelnden, eben vielfältigeren Gesellschaft zum Thema gewählt. Ich finde es besonders interessant, dass Frau Aras Vielfalt stets zusammen mit der Vorstellung von Heimat denkt und gerade die Chancen von Vielfalt betont.

Frau Aras muss man eigentlich nicht vorstellen, wenn ich es dennoch tue, so einfach, weil ich ihren Lebensweg höchst beeindruckend finde. In der Türkei geboren, wächst sie im Schwäbischen auf und erlebte hier, wie sie selbst schreibt, etwas, was man sich nur wünschen kann: Eine selbstverständliche Willkommenskultur. Politisiert durch fremdenfeindliche Anschläge in den 1990er Jahren, fand sie ihren Weg in die kommunale Politik der Landeshauptstadt, wurde Gemeinderätin der Grünen und stand dort 2007 an der Spitze ihrer Fraktion. 2011 wurde sie für ihren Stuttgarter Wahlkreis in den Landtag gewählt und konnte ihr Mandat bis heute verteidigen, 2016 gar als „Stimmenkönigin“. Damals erhielt sie als Präsidentin des Landtags ein herausragendes Amt in der Herzkammer der Demokratie unseres Landes. Dass sie ihr Amt in bewundernswerter Weise couragiert und mit festen Grundsätzen ausübt, ist bekannt.

Wir dürfen nun auf Ihren Vortrag „Demokratie braucht Vielfalt“ gespannt sein. Liebe Frau Aras, ich freue mich, dass Sie heute nach Reutlingen gekommen sind, Sie haben das Wort.


Vortrag „Demokratie braucht Vielfalt“ von Landtagspräsidentin Muhterem Aras

Liebe Reutlinger Bürgerinnen und Bürger,
ich freue mich sehr, heute bei Ihnen zu sein. In Ihrer schönen Stadt, in Ihrem
schönen Reutlingen.
Der jüngsten Großstadt unseres Landes. In der Sie dennoch älteste demokratische
Traditionen pflegen.
Der Anlass meines Vortrags heute ist ein ganz besonderer: Es ist Schwörtag in
Reutlingen. Der historische Hintergrund des heutigen Tages ist Vielen sicherlich
bekannt. Schon seit 2004 erwecken Sie in Reutlingen diese Tradition zu neuem
Leben.
Für mich ist der Schwörtag vor allen Dingen ein Symbol. Ein Symbol Ihrer
besonderen politischen Kultur als ehemalige freie Reichsstadt.
Es ist mir daher eine Ehre, heute an diesem Tag, den Schwörtagsvortrag zu halten.
Und damit auch ein Teil zu sein Ihres Brauchs, Ihres demokratischen Rituals.
Lieber Herr Oberbürgermeister Keck, herzlichen Dank für Ihre Einladung. Vielen
Dank auch an den heutigen Hausherrn, Herrn Dr. Bausch und Frau Betz-Wischnath
vom Reutlinger Geschichtsverein. Ich begrüße an dieser Stelle auch ganz herzlich
die Abgeordneten des Bundestags, Frau Müller-Gemmeke und Herrn Donth. Für den
Landtag von Baden-Württemberg begrüße ich Herrn Abgeordneten Poreski.

Liebe Reutlingerinnen und Reutlinger,
Sie haben allen Grund zum Feiern. Nicht nur wegen des Schwörtags. Oder des
„Festes demokratischen Frohsinns“ – wie es der viel zitierte Chronist Christoph
Friedrich Gayler im 19. Jahrhundert nannte.
Froh macht in diesem Jahr auch noch etwas Zweites: Das Siegel des immateriellen
Kulturerbes, mit dem Sie sich als Stadtgesellschaft seit diesem Jahr schmücken
dürfen. Im Frühjahr hat die deutsche UNESCO-Kommission die Schwörtagstraditionen
in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes
aufgenommen.
Deshalb an dieser Stelle, gleich zu Beginn, auch von mir: Meinen herzlichen
Glückwunsch!
Ich freue mich sehr für Reutlingen! Für Sie alle. Für Ihre Stadtgesellschaft. Und
natürlich auch für Baden-Württemberg.
Sie kennen vielleicht das alte deutsche Sprichwort: „Landes Brauch ist Landes Ehre“
Mich macht das persönlich stolz – dass in unserem Land in einigen Städten
demokratische Wurzeln bis ins Mittelalter reichen. Dass demokratische Praxis hier
tief ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben ist.
Schade ist nur, dass die Feierlichkeiten heute – gemessen an den Jahren zuvor –
verhältnismäßig klein ausfallen müssen. Auch hier geht die Pandemie nicht spurlos
vorbei, hinterlässt Wehmutstropfen.
Es wäre wirklich schön gewesen und auch angemessen gewesen, heute diese
großartige Auszeichnung für Ihre Stadt gebührend zu feiern. Gemeinsam mit den
vielen Menschen, die diese Stadt ausmachen. Getreu einer schönen Redensart aus
England: „Die Menschen, nicht die Häuser, machen die Stadt.“ An dieser Stelle richte
ich darum meinen herzlichen Gruß an alle Bürgerinnen und Bürger, die gerade
Zuhause vor dem Bildschirm sitzen und von dort aus an den Feierlichkeiten
teilhaben. Sie feiern mit, auf Abstand, aus Solidarität.

Ich finde: Das hat einen besonderen Applaus verdient!
Vielleicht schafft Reutlingen mit seinen Schwörtagstraditionen ja auch noch die
Steigerung: Immaterielles Kulturerbe der Menschheit.
Das klingt nach einem anspruchsvollen Ziel. Und wäre Anlass für eine weitere Feier.
Ich drücke in jedem Fall die Daumen!

Liebe Bürgerinnen und Bürger,
hinter uns liegen viele schwere Monate. Liegt eine Zeit, in der sich die Welt
veränderte.
Der Einbruch des Corona-Virus hat uns zutiefst erschüttert. Auch wenn die
Sommertage trösten und Zuversicht auch über die Wetterlage hinaus angebracht ist
– die Einschnitte in unsere Gesellschaft sind tief.
Nicht nur für uns Einzelne ist diese Zeit der Krise eine Belastungsprobe.
Auch für unser gesellschaftliches Zusammenleben, für unsere Demokratie ist die
Pandemie eine Belastungsprobe.
Als „Coronakratie“ betitelten diesen Umstand einige Autoren der Bundeszentrale für
politische Bildung. In ihrem Buch beleuchten sie die großen Herausforderungen,
denen unsere deutsche Demokratie in der Pandemie ausgesetzt war, teilweise noch
ist und was die Folgen der Pandemie angeht: noch lange sein wird.
Insbesondere die enorme Beschränkung der Grundrechte ist uns als Gesellschaft
sehr schwer gefallen. Das Abwägen zwischen Sicherheit und Freiheit, zwischen
Gesundheitsschutz und dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit.
Trotzdem dürfen wir optimistisch sein.

  • Die niedrigen Inzidenzen,
  • Die hohe Anzahl an bereits Geimpften,
  • Das Auslaufen der Bundesnotbremse,
  • Die wieder Fahrt aufnehmende Wirtschaft

all das sind gute Zeichen. Zeichen, dass aus der – von den Politikwissenschaftlern so
genannten – „Coronakratie“ wieder eine Demokratie wird. Umso wichtiger ist es,
gerade jetzt, unsere Demokratie im Blick zu behalten. Im Blick zurück, wie wir es
heute tun. Am Schwörtag.

Aber auch im Blick nach vorn. Mit den Fragen:

  • Was braucht unsere Demokratie?
  • Was braucht unsere Gesellschaft, um zusammenzuhalten?
  • Was brauchen wir Demokratinnen und Demokraten?

Der Blick zurück in die Vergangenheit auf unsere demokratischen Bräuche
und der Blick in die Zukunft. Beides hängt natürlich zusammen. Oder ausgedrückt
in einer chinesischen Weisheit: „Unvergessene Vergangenheit ist eine Anleitung für
die Zukunft.“
Und so lesen wir im historischen Reutlinger Bürgermeister-Eid bereits die Anleitung
zum Gleichheitsgedanken, dem zentralen Grundwert unserer Demokratie heute.
Dort steht:
„Meinem befohlenem Ambt […]“ – ich kürze an der Stelle ab – „auch gegen Reich
und Arme ohne unterschied der Personen ein gleicher und unpartheyischer
Ambtmann zu seyn […]“
„Ohne unterschied der Personen“ – das ist ein zentraler Satzteil, der bis in die
Gegenwart wirkt. „Gegen Arm und Reich, ohne unterschied der Personen.“ Dieses
Satz-Fragment zeigt einerseits das damalige Bewusstsein über die Unterschiede.
Und es zeigt andererseits den Willen, diese Unterschiede in der Stadtgesellschaft zu
vereinen.
Damals, im historischen Reutlingen, ging es vor allem um die unterschiedlichen
Zünfte:
Weingärtner, Bäcker, Schneider, Metzger …Es ging um die Vielfalt der Menschen im
Hinblick auf ihre Stände und ihren Beruf, auf ihren sozialen Status. So würde man es
in diesem Jahrhundert formulieren.
Heute sind die Unterschiede noch etwas zahlreicher. Die Vielfalt der Menschen in
unserer Demokratie ist noch größer geworden. Globalisierung, Mobilität,
Migrationsströme. All das wirkt auf die Gesellschaft. Wirkt darauf, wer zu ihr gehört.

Bürgerinnen und Bürger unterscheiden sich durch ihre Herkunft, ihre Hautfarbe, ihre
Kultur, ihren Glauben. In Baden-Württemberg leben 2019 ca. ein Drittel
Menschen mit internationaler Geschichte.
In Reutlingen leben sogar 42% Menschen mit internationaler Geschichte. Bei
Reutlinger Kindern und Jugendlichen liegt der Anteil noch höher: bei 58%.
Die Familienbezüge dieser Reutlingerinnen und Reutlinger erstrecken sich auf über
140 verschiedene Länder der Welt. Und nicht nur die Unterschiede in den
Familienbezügen der Reutlingerinnen und Reutlinger sind vielfältig. Auch die
Dimension dessen, was wir als Unterschied begreifen, hat sich verändert. Heute
wissen wir: Die Dimension ‚Geschlecht‘ hat einen großen Einfluss auf unsere
Lebenswelt, unsere Weltsicht, unsere Möglichkeiten, unsere Beschränkungen.
Beispielsweise sind Frauen an Führungsspitzen und Leitungspositionen in Politik,
Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur immer noch unterrepräsentiert. Auch im
Reutlinger Gemeinderat herrscht noch keine Parität. Aber Sie sind auf einem guten
Weg: 40% Frauenanteil - da sind Sie dem Landesparlament weit voraus. In dieser
Legislatur haben wir auf Landesebene nur 29% geschafft.
Männer andererseits sind unterrepräsentiert in der Sorge-Arbeit – sowohl innerhalb
der eigenen Familie, als auch in den entsprechenden beruflichen Institutionen.
Beispielsweise lag 2019 der Männeranteil bei erzieherischer Tätigkeit in
Kindertageseinrichtungen in Baden-Württemberg bei 5,6%. Mann Sein und Frau Sein
bedeuten auch 2021 noch unterschiedliche Lebenswelten.
Gleiches gilt für die Dimension ‚Alter‘. Auch zwischen verschiedenen Altersgruppen
erleben wir in unserer Gesellschaft Unterschiede, zu denen wir uns verhalten
müssen – wie ich finde. Junge Menschen in der Schule, in der Ausbildung, am
Anfang ihres Berufslebens sehen sich mit den Auswirkungen des Klimawandels
konfrontiert, den wir Älteren mit verursachen. Gleichzeitig wachsen sie in einer noch
stärker vernetzten Welt auf – mit all den Chancen in Bezug auf Information, Technik,
Mobilität. Jung Sein und Alt Sein bedeuten oft unterschiedliche Möglichkeiten und
unterschiedliche Beschränkungen. Insgesamt zeigt das: Die Vielfalt der Menschen in
unserer Demokratie – und das Bewusstsein über diese Vielfalt – beides ist größer geworden.
Im Verhältnis zum historischen Reutlingen. Im Verhältnis zu den
demokratischen Wurzeln Ihrer Stadt.

Ja, man kann sagen: Da ist etwas gewachsen – in diesen Jahrhunderten. Aus den
demokratischen Wurzeln ist eine Gesellschaft geworden mit zahlreichen Ästen,
mit breiten Verästelungen. Eine Demokratie mit Bodenhaftung.
Der Baum als Symbol für die Reutlinger Stadtgesellschaft könnte kaum passender
sein. Immerhin war Reutlingen die erste Großstadt Deutschlands in einem
UNESCO-Biosphärenreservat.
In Europa gibt es das sonst nur noch in Wien und Freiburg.

Liebe Bürgerinnen und Bürger,
ich habe eingangs die Frage gestellt: Was braucht unsere Demokratie?
Was braucht eine Demokratie mit starken Wurzeln, mit Bodenhaftung,
damit sie Früchte tragen kann? Das Sehen der Unterschiede, das Anerkennen der
Unterschiede zwischen den Bürgerinnen und Bürgern ist sehr wichtig. Darüber habe
ich gesprochen.
Ich glaube aber auch, wir dürfen nicht bei den Unterschieden stehen bleiben. Wir
müssen nach den Gemeinsamkeiten suchen. Nach dem, was uns miteinander
verbindet: Bräuche zählen dazu, Traditionen, wie die des Schwörtags. man liest es
eigentlich schon am Wort ab. Bräuche heißen so, weil sie gebraucht werden: von
uns, von unserer Gesellschaft, von unserem Land.
Schon damals, im historischen Reutlingen, wurde groß gefeiert, nach einem streng
festgelegten Zeremoniell.
Neben den Wahlen der Bürgermeister, des Senats und des Magistrats, gab es einen
pompösen Aufmarsch mit Fahnen und Kanonendonner, ein großer Festtag für Jung
und Alt.
Die Reutlinger Bürgerschaft feierte mit diesem Brauch an diesem Tag auch sich
selbst, ihr Souveränitätsrecht, die Verantwortung für ihre Stadt.

In der Schwörtagstradition sehen wir etwas, das auch heute zentral ist: Demokratie
ist eine Praxis. Demokratie ist kein Zustand.
Demokratie ist eine Praxis, die uns miteinander verbindet. Neben (demokratischen)
Wahlen gehört ganz entscheidend mit dazu: wir Bürgerinnen und Bürger müssen uns
als Teil unserer Gesellschaft verstehen, fühlen und erleben. Unsere Demokratie
braucht uns sozusagen mit Kopf, mit Herz und mit Hand. Je mehr Bürgerinnen und
Bürger mit dieser demokratischen Haltung leben, desto erfolgreicher ist unsere
Demokratie.

Liebe Gäste,
woher kommt diese demokratische Haltung? Unsere demokratische Haltung
basiert auf den Werten, die wir miteinander teilen. Den Grundwerten dieser
Gesellschaft. Diese Werte finden wir im Grundgesetz. Einem kleinen, schmalen
Buch. Es wirkt ziemlich unscheinbar auf den ersten Blick. Doch in unserem
Grundgesetz ist festgehalten, was uns im Kern verbindet:

  • Toleranz und Menschenwürde,
  • Gleichheit und Gleichberechtigung,
  • Meinungsfreiheit und Glaubensfreiheit,
  • Solidarität und Demokratie

Vielleicht klingen diese Werte etwas abstrakt. Aber sie entfalten ihre Wirklichkeit in
unserem Denken, in unserem Sprechen, in unserem Handeln.
Diese Werte führen zu einer demokratischen Haltung. Diese Werte machen uns zu
Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes. Zu Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt.
Wunderbare Beispiele gibt es dazu in Reutlingen viele: vom Integrationsrat, über das
Frauenforum bis hin zu den Projekten im Rahmen des Bundesprogramms
„Demokratie leben“ und der lokalen „Partnerschaft für Demokratie Reutlingen“.
Allen gemein sind Menschen, die mit demokratischer Haltung unsere Demokratie
erhalten. Menschen, die unsere gemeinsamen Werte hineintragen in die
Gesellschaft, in ihren Verein, ihr Gremium, ihr Projekt.

Menschen, die das Verbindende zwischen uns Bürgerinnen und Bürgern suchen und
stärken.

Liebe Bürgerinnen und Bürger,
was braucht unsere Demokratie?
Zwei Antworten habe ich Ihnen schon gegeben:
Erstens: Unsere Demokratie braucht die Vielfalt der Bürgerinnen und Bürger. Braucht
die Unterschiede in den Perspektiven. Braucht das Sehen und Anerkennen dieser
Unterschiede.
Aber unsere Demokratie braucht noch mehr. Sie braucht zweitens das Verbindende,
das, was uns im Kern zusammenhält. Sie braucht Demokratinnen und Demokraten,
die über die Unterschiede hinweg auf das schauen, was uns miteinander verbindet.
Wir finden das Verbindende in gemeinsamen Traditionen, in Bräuchen und Ritualen.
Wir finden das Verbindende in unserer Verfassung, unserem Grundgesetz. Und der
Haltung, die wir dazu einnehmen.
Und ich glaube, unsere Demokratie braucht noch etwas Drittes: Die Fähigkeit zur
Veränderung, zur Weiterentwicklung, zum Wachstum.
Ich bin überzeugt: Wir müssen Demokratie als etwas Dynamisches betrachten. Auch
hier passt das Bild des Baumes: Demokratie mit starken Wurzeln und dem stabilen
Stamm unverrückbarer Institutionen. Aber auch Demokratie als lebendiges Gebilde
mit weit verzweigten Ästen zwischen Menschen in ihrer ganzen Vielfalt.
Wir brauchen beides. Demokratie als etwas Stabiles, als etwas, das uns schützt und
nährt. Als etwas, das wir pflegen und erhalten müssen. Demokratie aber auch als
etwas Dynamisches, als etwas, das sich verändert und als etwas, dass auch wir
wachsen lassen und weiterentwickeln müssen.

Nur auf diese Weise können wir den großen Herausforderungen unserer Zeit
begegnen. Zu diesen Herausforderungen zählen:

  • Die Erderwärmung und die damit verbundenen enormen ökologischen und sozialen Krisen. Die aktuelle Unwetterkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen macht mich sehr betroffen. Wir alle haben die Bilder gesehen. Der Grad der Zerstörung ist enorm. Die Zahl der Toten und Vermissten erschütternd. Das Leid der Hinterbliebenen unermesslich. Es ist noch nicht lange her, erst Ende Juni kämpften wir auch hier in Reutlingen und Stuttgart ebenfalls mit extremen Starkregen, Überschwemmungen und Hochwasser. Die Frage nach Bevölkerungsschutz angesichts des Klimawandels wird immer drängender. Wir erleben sie unmittelbar.
  • Natürlich zählt auch die Corona-Pandemie dazu und ihre weitreichenden Folgen
  • Ebenso die durch Technik, Mobilität und Migration vernetzte Welt
  • Sowie das sich wandelnde Verhältnis der Geschlechter

Wir sehen ganz klar: Gesellschaftlicher Wandel passiert fortlaufend. Er liegt nicht in
unserer Hand, zumindest nicht in dem Sinn, dass wir ihn aufhalten könnten.
Es liegt jedoch an uns, diesen Wandel zu gestalten. Denn: wir alle sind Teil dieser
Gesellschaft. Wir alle tragen Verantwortung.
Zwar wirkt Jede und Jeder an unterschiedlicher Stelle, an anderem Bereich. Aber wir
alle tragen Verantwortung

  • für unsere Lebensgrundlagen,
  • für unsere Gesundheit,
  • für unsere Freiheit,
  • für unsere Vielfalt.

Deshalb fordere ich uns auf:
Halten wir unsere Demokratie gemeinsam lebendig, indem wir sie wachsen lassen.
Indem wir ihre Veränderung gestalten. Am besten gelingt uns das mit einer
demokratischen Haltung. Mit Kopf, Herz und Hand.
Denn unsere Demokratie ist nur so stark, so lebendig wie ihre Demokratinnen und
Demokraten selbst.
Dazu gibt es eine arabische Weisheit, die das wunderbar auf den Punkt bringt:
Sie lautet:
„Willst du dein Land verändern, verändere deine Stadt.
Willst du deine Stadt verändern, verändere deine Straße.
Willst du deine Straße verändern, verändere dein Haus.
Willst du dein Haus verändern, verändere dich selbst.“
Für mich bedeutet das:
Schützen wir unsere Demokratie, indem wir sie verändern.
Verändern wir unsere Demokratie, indem wir uns selbst verändern.

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